Nahost:Zwei Feinde mit gleichen Interessen

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Nahost: Umstrittenes Pizzastück: Ein israelisches Militärboot patrouilliert an der Seegrenze zu Libanon bei Naqura.

Umstrittenes Pizzastück: Ein israelisches Militärboot patrouilliert an der Seegrenze zu Libanon bei Naqura.

(Foto: Mahmoud Zayyat/AFP)

Israel und Libanon steuern im langjährigen Streit über ihre Seegrenze auf einen Kompromiss zu. Dies würde beiden die Ausbeutung von Gasfeldern im Mittelmeer erleichtern. Doch noch ist nicht jeder von den Vorteilen überzeugt.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Pulverdampf hat schon in der Luft gelegen, Drohungen kamen von allen Seiten. Doch nun steuern Israel und Libanon unter US-Vermittlung offenbar auf eine Einigung im langjährigen Streit über ihre Seegrenze im Mittelmeer zu. Das verspricht große Vorteile für beide Staaten, von der regionalen Sicherheit bis hin zur Ausbeutung von Gasfeldern. Ein Deal zwischen den beiden verfeindeten Ländern, die offiziell seit 1948 im Kriegszustand leben, darf durchaus als historisch betrachtet werden. Doch noch gibt es ein paar Widerstände und Hürden zu überwinden.

Umstritten zwischen Israel und Libanon ist die Frage, in welchem Winkel die Grenzlinie von der Küste abgeht. 2011 hatten beide Länder bei den Vereinten Nationen ihre Vorstellungen hinterlegt, seitdem wurde mit Unterbrechungen verhandelt. Israel verortet die Seegrenze weiter nördlich, Libanon tiefer im Süden. Betrachtet man das auf der Karte, wird der Streit um ein Dreieck geführt, das gern mit einem Pizza-Stück verglichen wird. Das Brisante dabei: Dieses Dreieck berührt zwei Gasfelder. Eines davon namens Karisch wurde von Israel bereits weitgehend erschlossen. Das zweite namens Kana möchte Libanon möglichst bald erkunden und gewinnbringend ausbeuten.

Dringlich ist eine Lösung des alten Streits gleich aus mehreren Gründen geworden. Global betrachtet wird seit Russlands Überfall auf die Ukraine überall nach neuen Gaslieferstätten gefahndet. Auch aus dem Mittelmeer könnte mittelfristig Ersatz beschafft werden für ausbleibende russische Lieferungen in den Westen. Deshalb hat Washington nun mächtig Druck gemacht auf die beiden Streithähne und den Sondergesandten Amos Hochstein auf Pendelmission zwischen Jerusalem und Beirut geschickt.

Die Hisbollah drohte mit Krieg

Vor allem aber hatte sich der Konflikt zwischen Israel und Libanon über den Sommer enorm aufgeheizt. Die britisch-griechische Energiefirma Energean, die von Israel die Lizenz für das Karisch-Feld erworben hatte, brachte im Juni ihre Förderanlage auf hoher See 80 Kilometer westlich von Haifa in Position - und Hassan Nasrallah, Chef der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah, nahm das zum Anlass für offene Kriegsdrohungen. Ohne Einigung auf die genaue Grenzziehung werde Libanon den Israelis keine Förderung in Karisch erlauben, wetterte er. Um zu zeigen, wie ernst dies zu nehmen sei, schickte die Hisbollah im Juli vier Drohnen in Richtung Karisch. Israels Armee schoss sie ab, Israels Regierung stimmte danach sogleich ein in einen Kanon der gegenseitigen Drohungen.

Nun aber scheint Washingtons Intervention die Stimmung gedreht zu haben. In den vergangenen Tagen wurde beiden Seiten offiziell ein Kompromissvorschlag zur Grenzziehung ausgehändigt. Karisch wird darin komplett Israel zugeschlagen, Libanon wird die Ausbeutung von Kana zugesichert. Für jenen kleinen Teil des libanesischen Feldes, der in israelische Gewässer hineinreicht, soll Israel von der französischen Firma Total entschädigt werden, die die Lizenz für Kana hält.

Positive Signale auf diesen Vorschlag kommen von beiden Seiten. Zwar wird in libanesischen Medien noch von Vorbehalten gegen einzelne Punkte berichtet, doch selbst Hisbollah-Chef Nasrallah hofft nun auf ein "gutes Ende". Er stellt den Kompromiss als Erfolg der von ihm aufgebauten Drohkulisse dar. Dies werde "Libanon helfen, mit der Wirtschaftskrise fertig zu werden". Angesichts der Verarmung des Landes, in dem auch die Energieversorgung höchst prekär geworden ist, erscheint das tatsächlich als Hauptmotivation zur Einigung. Bis tatsächlich Gas im Kana-Feld gefördert werden kann, wird es jedoch in jedem Fall noch einige Jahre dauern.

Lautstark begrüßt wurde der US-Vorschlag auch von Israels Premierminister Jair Lapid. Er sieht in einem Abkommen die Möglichkeit, Libanons Abhängigkeit von Iran zu verringern, sobald das Land dank Energie-Einnahmen in eine bessere wirtschaftliche Lage käme. Zudem, so wird in Israel argumentiert, könnten zwei benachbarte Förderstätten im Mittelmeer eine Art Gleichgewicht der Abschreckung schaffen.

Allerdings will sich dieser Sichtweise nicht jeder anschließen in Israel, zumal dort gerade Wahlkampf herrscht. Oppositionsführer Benjamin Netanjahu schießt bereits aus allen Rohren gegen den nun vorgelegten Kompromiss. Er wirft Lapid eine "Kapitulation" vor der Hisbollah vor. Überdies sei der Abschluss eines Abkommens "illegal", weil Lapid als Übergangspremier bis zur Wahl am 1. November gar keine Befugnis habe, eine so weitreichende Entscheidung zu Israels territorialem Status zu treffen. Für alle Fälle kündigte Netanjahu schon einmal an, sich bei einer Rückkehr an die Macht nicht an ein bis dahin geschlossenes Abkommen gebunden zu fühlen.

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