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Prozess:Mutter des verdursteten Mädchens sagt aus

Prozess wegen Mitgliedschaft im IS

Die Angeklagte Jennifer W. (zwischen ihren Anwälten) schützt sich bei dem Prozess in München vor den Fotografen.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)
  • Jennifer W. steht in München wegen Mordes durch Unterlassen, wegen Beteiligung an Kriegsverbrechen und Sklavenhaltung vor dem Oberlandesgericht.
  • Sie soll die fünfjährige Tochter von Nora T. verdusten haben lassen.
  • Nora T. wurde von der Terrorgruppe Islamischer Staat 2015 entführt und versklavt.

Eine kleine gebückte Frau kommt da herein, mit zerfurchtem Gesicht und gesenktem Kopf. Sie ist nun 47, aber unter dem Schal, den sie um den Kopf geschlungen hat, ist das Haar noch ganz schwarz. Man sieht das nur kurz, sofort zieht die Frau den Schal hoch bis zu den Augen. Drei Polizisten und eine Polizistin lassen sie keinen Moment aus den Augen. Hier steht eine Kronzeugin.

Nora T., Jesidin, ist eine jener Frauen, die die Terrorgruppe Islamischer Staat im Jahr 2015 entführt und versklavt hat. Nora T. wurde verkauft, von einem Mann zum anderen, sie musste ihnen den Haushalt machen, sie musste ihnen zu Diensten sein, auch nachts. An ihrer Seite die kleine Tochter, fünf Jahre alt. Sie nennt sie vor Gericht Rania, so wie ihre Sklavenhalter sie später nannten - weil ihr ursprünglicher Name Ridha angeblich ein Name der Ungläubigen ist. Die Mutter nahm Rania von Mann zu Mann mit, bis zu einem heißen Tag im Sommer 2015. Da haben ein IS-Kämpfer und seine deutsche Frau das Kind laut Anklage verdursten lassen.

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Deswegen wird hier vor dem Oberlandesgericht München verhandelt: wegen Mordes durch Unterlassen, wegen Beteiligung an Kriegsverbrechen, wegen Sklavenhaltung. Auf der Anklagebank sitzt nicht der IS-Kämpfer, den die Zeugin "Abu Muawia" nennt, sondern seine Frau: Jennifer W., 28 Jahre alt, aus Lohne in Niedersachsen. Sie war ins Gebiet des IS gereist, um ihren Glauben ungestört leben zu können. Sie war vor Jahren zum Islam konvertiert. Ihr droht eine lebenslange Haftstrafe.

Jennifer W. sieht Nora T. eher interessiert als gespannt an. Sie sitzt da, wie immer in weißer Bluse und schwarzem Hosenanzug, keine Regung schleicht sich in ihr Gesicht. Und die Frau, die ihre Sklavin gewesen sein soll, deren Tochter sie und ihr Mann angeblich haben verdursten lassen, sie blickt kein einziges Mal zur Angeklagten - dabei sitzt sie keine zwei Meter neben ihr. Die Kronzeugin ist umrahmt von Anwältin, Dolmetscherin, Psychologin. Immer wieder sagt sie dem Richter: "Ich lüge nicht, ich sage Ihnen die Wahrheit."

Die Zeugin erzählt, wie sie und ihre kleine Tochter täglich geschlagen wurden

Der Richter pirscht sich heran. Wie lange hat sie die Schule besucht? Vier Jahre. Was lernt man dort? "Ich hab nicht viel gelernt", sagt sie auf Kurmandschi. "Ich kann schreiben, aber ich kann nicht lesen." Es dauert eineinhalb Tage, bis der Richter nach Fragen über ihre Hochzeit (mit 29 Jahren), ihren Mann (ein Landwirt, verschollen), ihre Kinder (zwei Söhne, einer davon beim IS gefangen, eine Tochter) und die Verschleppung nach Syrien endlich in jenem Haus im irakischen Falludscha angekommen ist, in der die Tochter gestorben sein soll.

An der Aussage dieser Frau hängt viel. Lange hatte die Bundesanwaltschaft nur einen eher kurzen Hinweis von Jennifer W. darauf, dass in ihrer Obhut ein Kind gestorben ist. Die Angeklagte hatte das einem FBI-Spitzel gesagt, der ihr Vertrauen erlangt hatte und sie wieder zurück nach Syrien bringen wollte. Der Wagen war verwanzt, der Mann fragte und Jennifer W. sprach - von jenem Haus im Irak, in dem ihr Mann ein fünfjähriges Mädchen bestrafen wollte und verdursten ließ.

Richter Reinhold Baier versucht über Umwege herauszubekommen, an was sich die Frau noch erinnern kann. Und es ist kompliziert. Bei einer Vernehmung hatte sie sich nicht einmal an den ursprünglichen Namen ihrer Tochter erinnert. Ein Übersetzungsfehler, sagt nun ihre Anwältin. Natürlich ist eine einfache Frau, die in einem Städtchen in Syrien die Wäsche wusch und den Haushalt machte, keine geschulte Beobachterin. Sie erinnert sich an manche Dinge sehr genau, an andere nicht. Genau daran, wie Abu Muawia sie und ihre Tochter geschlagen hat. Fast täglich. Weil das Mädchen ständig durchs Haus lief. "Mama, mir ist so langweilig", habe das Kind geklagt. Dann versucht der Richter zur Tat vorzudringen. "Wann haben Sie Ihre Tochter zuletzt gesehen?", fragt er. "Im Irak, zu Hause", sagt sie zuerst. Und dann: "Ich weiß es nicht." - "Hat Ihre Tochter noch gelebt, als Sie sie zuletzt gesehen haben?"- "Ja." - "Erinnern Sie sich an den Tag, an dem Sie Ihre Tochter zuletzt lebend gesehen haben?" Ja, sagt sie, aber dann schweift sie ab und erzählt von ganz anderen Dingen. Dann bricht der Richter ab. In zwei Wochen geht der Prozess weiter.

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