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Pandemie im südlichen Asien:"Der Krieg hat wieder begonnen"

Kumbh Mela in Haridwar

Dicht an dicht ohne Mundschutz: Teilnehmer des Kumbh-Mela-Festes am Ganges.

(Foto: ANUSHREE FADNAVIS/REUTERS)

Die dritte Covid-19-Welle hat Indien und Thailand erreicht. Beide Länder gehen allerdings sehr unterschiedlich mit dem neuen Anstieg der Infektionszahlen um.

Von David Pfeifer, Bangkok

Man muss die derzeitige Covid-19-Situation in Indien wohl als Wettlauf um Menschenleben begreifen. Während im Fernsehen noch Bilder von der Kumbh Mela laufen, dem heiligen Fest am Ganges, bei dem Hunderttausende dicht an dicht ins Wasser tauchten und nur selten ein Mundschutz zu sehen war, steigen die Zahlen der Infizierten von Tag zu Tag. 184 372 waren es Dienstag. Auch wenn man diese Zahlen immer auf die Bevölkerungsgröße von 1,2 Milliarden umlegen muss, ist das eine schlechte Entwicklung. Zumal auch die Sterberaten steigen, mehr als 700 Covid-Tote verzeichnet Indien derzeit täglich.

Bislang hatte das Land aufgrund seiner im Schnitt recht jungen Bevölkerung im Verhältnis weniger Tote als beispielsweise die USA, das einzige Land, in dem die totalen Ansteckungszahlen noch höher sind.

Am Dienstag hatten sich drei Millionen Hindus in Haridwar versammelt, 900 000 waren in den Fluss gestiegen, am Dienstag meldete die Stadt 1000 Neuinfektionen, normalerweise waren es im Schnitt 500 am Tag gewesen. Auch wenn die Impfkampagne, die im Januar gestartet wurde, reibungslos laufen würde, hätte Indien bei gleichbleibender Rate nur etwa 40 Prozent der Bevölkerung bis Ende dieses Jahres geimpft. 60 Prozent wären es bis Mai 2022 - das ist die Rate, bei der die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass die sogenannte Herdenimmunität erreicht wird.

Auch weil die eigene Produktion ins Stocken geraten ist und die Verteilung sich als kompliziert erweist, hat die indische Regierung mit einer Notfallprüfung den russischen Impfstoff "Sputnik V" zugelassen, nachdem sie monatelang mit großem Stolz verkündet hatte, nicht nur die eigene Bevölkerung mit Impfdosen zu versorgen, sondern auch andere Staaten.

Zwei Bundesstaaten wollen jetzt auch die Jüngeren impfen

Zwei Bundesstaaten, Delhi und Maharashtra, haben dazu aufgerufen, die Vergabekriterien zu ändern und auch die Jüngeren zu impfen, weil sie proportional häufiger von einer Erkrankung betroffen sind. Nachdem die Ansteckungszahlen immer weiter gesunken waren, hatte man im September des vergangenen Jahres bereits darüber spekuliert, wie es zu dem spektakulären Rückgang kommen konnte und ob man das Schlimmste bereits hinter sich habe. Der daraufhin entstandene Leichtsinn scheint sich nun zu rächen. Die dritte Welle, die derzeit durch Indien rast, wird aus allen Ecken des Landes bestätigt.

Am stärksten betroffen ist Maharashtra, mit 60 000 Ansteckungen allein am Dienstag. Die Schutzmaßnahmen sollen noch mal verschärft werden. Maharashtras Ministerpräsident Uddhav Thackeray sagte: "Der Krieg hat wieder begonnen." Der öffentliche Nahverkehr und alle Behörden wurden angewiesen, auf Notbetrieb umzuschalten. Ein neuer, kompletter Lockdown könnte die Wirtschaft hart treffen, vor allem aber die Wanderarbeiter, von denen bereits im März 2020 zehn Millionen im ganzen Land gestrandet waren; mehr als 900 starben auf dem Weg nach Hause. Es wird vermutet, dass sie das Virus überhaupt erst bis in die Provinzen Indiens verbreitet haben.

In Thailand, das im südostasiatischen Vergleich mit harten Restriktionen bislang besonders gut durch die Pandemie gekommen ist, mit insgesamt 97 Toten seit Ausbruch, wurde das Reisen in viele Provinzen untersagt, das buddhistische Neujahrsfest Songkran quasi abgesagt und sogar einzelne Stadtteile von Bangkok durchgetestet und mit einem Ausschank- und Ausgehverbot belegt. In zwei Bars im Ausgehviertel Thong Lor war gegen Hygienemaßnahmen verstoßen worden, die Betreiber wurden in Abwesenheit zu je zwei Monaten Haft verurteilt, ihre Lizenz wurde ihnen für fünf Jahre entzogen.

Thailands Tourismus-Industrie ist am Boden

Die Ansteckungszahlen hatten mit 1335 bei knapp 70 Millionen Einwohnern am Mittwoch einen Höchstwert erreicht, "nur neun davon durch Einreisende aus Übersee", wie die Bangkok Post berichtete - seit Ausbruch der Pandemie wird in den Medien penibel Auskunft darüber gegeben, aus welchen Ländern die Seuche eingeschleppt wird. Die Tourismus-Industrie ist durch die harten Quarantäne-Bedingungen am Boden, und viele Thailänderinnen und Thailänder vermuten mittlerweile, dass diese harten Maßnahmen auch politisch motiviert sind ­- man kann damit beispielsweise auch Demonstrationen der Demokratie-Bewegungen absagen.

Trotzdem halten sich die Menschen diszipliniert an die Vorgaben, niemand will den im vergangenen Jahr teuer erkauften Erfolg nun mit Leichtsinn riskieren. Auf der Straße sind nur selten Menschen ohne Mundschutz zu sehen, und wenn, sind es so gut wie nie Asiaten. Nachdem im Februar schon wieder ausgegangen und gefeiert wurde, sind Bars und Clubs wieder geschlossen. Das wird als gemeinsame Anstrengung gesehen, um die Zahlen bei nahe null zu halten, bis die Bevölkerung durchgeimpft ist.

© SZ/toz/kit
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