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Fotos vom Holocaust:Die Jüngsten befassen sich am intensivsten

Aufstand im Warschauer Ghetto, 1943

Das Bild des jüdischen Jungen bei der Liquidierung des Warschauer Ghettos im April 1943 durch die SS gehört zu den Ikonen des visuellen Gedächtnisses.

(Foto: AP)

Sebastian Schönemann hat untersucht, wie verschiedene Generationen Aufnahmen der nationalsozialistischen Judenvernichtung betrachten.

Jeder kennt das Foto von der Toreinfahrt des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau: Bahngeleise laufen auf ein lang gestrecktes Gebäude zu, in dessen Mitte eine Durchfahrt zu sehen ist, überbaut von einer Art Wachturm. Die Aufnahme wird immer wieder als Sinnbild für den Mord an den europäischen Juden verwendet.

Ähnlich bekannt ist das Bild von der Räumung des Warschauer Ghettos, auf dem ein kleiner Junge mit Schiebermütze und erhobenen Händen zu sehen ist, im Hintergrund uniformierte Deutsche, die die Juden nach der Niederschlagung des Aufstands aus den Trümmern des Ghettos zusammentreiben. Oft werden solche Bilder gar nicht genau angesehen, sondern nur noch als Chiffre wahrgenommen.

Doch wie sehr prägen sie die Perzeption des Holocaust? Welche Bedeutung schreiben ihnen die Betrachter bewusst oder unbewusst zu? Wie beeinflussen Sozialisation und Kultur die Wahrnehmung und Interpretation der Fotos? Und wie verändern die medial vermittelten Bilder die Erinnerungskultur? Diesen Fragen geht Sebastian Schönemann in seiner Studie über Symbolbilder des Holocaust nach. Er zeigt zudem, wie sich die bildliche Darstellung des Judenmords in den zurückliegenden Jahrzehnten gewandelt hat.

Noch während des Krieges hielten viele der Täter trotz Fotografierverbot ihre eigenen Verbrechen - meist in heroisierender Absicht - fotografisch fest. Unmittelbar nach Kriegsende dienten die von alliierten Soldaten in den befreiten Konzentrationslagern angefertigten Bilder nicht nur der Dokumentation der Gräueltaten, sondern auch der Reeducation der deutschen Bevölkerung mithilfe einer Art visueller Schocktherapie.

Das Buch "Der gelbe Stern" von Gerhard Schoenberner, das 1960 herauskam, enthält viele solcher Fotodokumente und hat laut Schönemann das kollektive Bildgedächtnis besonders stark beeinflusst.

In den 1970er-Jahren wurden die schockierenden Darstellungen von Leichenbergen, Hinrichtungen und Verhungernden seltener, an ihre Stelle traten Fotos, die ihren pädagogischen Zweck auf andere Art erfüllen sollten. Statt der Gewalt der Täter dienten nun Amateurfotos aus dem Privatleben der Opfer zur Veranschaulichung von Einzelschicksalen und berührten die Betrachter gerade durch diese Konkretisierung.

Erst allmählich wurde Auschwitz zum Symbol des Holocaust, und Bilder wie das vom Torhaus in Auschwitz-Birkenau erlangten Ikonenstatus. Es symbolisiert den organisierten Massenmord, ohne ihn direkt darzustellen, zeigt weder Täter noch Opfer, geschweige denn die Verbrechen.

Durch die ständige Wiederholung in den Medien verfestigen sich einzelne Bilder im kollektiven Gedächtnis und werden so zu Ikonen. Der gängigen Kritik, dass derartige Fotos aus ihrem historischen Kontext herausgelöst ihren Informationswert verlieren und ihres Inhalts beraubt werden, widerspricht Schönemann.

Gerade die Wiederholung der Bilder, so argumentiert er unter Bezugnahme auf Gertrud Koch, erfülle die Funktion eines "ästhetischen Rituals der Trauer" und diene somit der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Die jüngste Gruppe befasste sich am intensivsten mit den Bildern

Schönemanns Anliegen ist es, die Wirkung der Bilder empirisch nachzuweisen. Zu diesem Zweck hat er eine Auswahl von sechs Fotos, darunter die Aufnahmen des Torhauses von Auschwitz und des Jungen im Warschauer Ghetto, mehreren Gruppen von Interviewpartnern vorgelegt, deren Diskussionen aufgezeichnet und analysiert.

Ausgehend von der Annahme, dass die Angehörigen einer Generation ein gemeinsames Gedächtnis herausbilden und die Vergangenheit vor dem Hintergrund gemeinsamer Erfahrungen ähnlich deuten, sind auch die interviewten Dreiergruppen nach ihrer Generationszugehörigkeit ausgewählt worden.

Die Angehörigen der ältesten Gruppe sind in den 1940er-Jahren geboren, die Jüngsten Anfang der 1990er-Jahre. Je nach Abstand zu den historischen Ereignissen, die die Bilder aufrufen, unterscheiden sich die Gruppendiskussionen stark. Während die älteste Gruppe die Fotos lediglich zum Anlass nimmt, um eigene Erinnerungen an die Rolle der Eltern im Krieg zu thematisieren, sprechen die in den 1950er-Jahren Geborenen, egal ob im Osten oder im Westen Deutschlands sozialisiert, vor allem darüber, wie sie die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen wahrgenommen haben, mit denen sie als Jugendliche konfrontiert wurden.

Die jüngste Gruppe hingegen, deren Bezug zur Vergangenheit fast nur noch medial vermittelt ist, hat sich am intensivsten mit den Bildern auseinandergesetzt, dabei jedoch die vielfach gesehenen beiseite gelassen und sich auf diejenigen konzentriert, die den Gruppenmitgliedern ungewohnt und authentisch erschienen.

Sebastian Schönemann: Symbolbilder des Holocaust. Fotografien der Vernichtung im sozialen Gedächtnis. Campus-Verlag Frankfurt 2019. 324 Seiten, 39,95 Euro. E-Book: 35,99 Euro.

Schönemann kann belegen, wie stark die Wirkung der Symbolbilder generationell und gesellschaftlich geprägt ist. Seine Ausführungen sind theoretisch fundiert und die Interviews akribisch analysiert. Für die dem Buch zugrunde liegende Dissertation mag das von Vorteil gewesen sein.

Doch bei der Überarbeitung für die Publikation wäre ein souveränerer Umgang mit dem Material wünschenswert gewesen. Der redundante Stil stellt die Motivation auch ernsthaft interessierter Leserinnen und Leser auf eine harte Probe. Das gilt für die methodischen Abhandlungen, insbesondere aber für die Diskussionsanalysen.

Nicht selten liest man auf einer Seite eine Information drei oder vier Mal in nahezu wortgleichen Formulierungen, immer wieder werden Zwischenergebnisse rekapituliert, so als könne sich der Verfasser nur sehr mühsam aus den Fangarmen seines Materials freikämpfen und zu einer synthetisierenden Aussage gelangen.

Wenn dann auch noch gängige Wörter der deutschen Sprache unter Angabe der entsprechenden Seitenzahl im Duden erklärt werden ("Das Adjektiv 'krass' umschreibt die ausgesprochen intensive bis extreme Wirkung einer Sache"), gerät die Lektüre definitiv zum Ärgernis. Schade, denn das Thema hätte durchaus eine gut lesbare Darstellung verdient.

Susanne Heim ist Historikerin und Politikwissenschaftlerin und forscht vor allem über die Judenverfolgung unter dem Nationalsozialismus.

© SZ vom 27.04.2020/odg
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