Zweiter Weltkrieg Die Schlacht von Stalingrad - ein großes Thema im Nachkriegsdeutschland

Über keine andere einzelne Schlacht des Zweiten Weltkriegs ist in den ersten 25 Jahren der Bundesrepublik so viel geschrieben und gesagt worden wie über Stalingrad. Das hatte nicht nur mit den Verlusten zu tun, welche die Deutschen in den Monaten des Kampfes um die Stadt an der Wolga hinnehmen mussten. Das Leid der sowjetischen Soldaten und Zivilisten stand hierzulande nie im Vordergrund; hier wirkten bei vielen Deutschen auch in der Nachkriegszeit die Propaganda und das eigene Erleben der Kriegszeit weiter.

Symptomatisch für die deutsche Nachkriegssicht war auch das Ausblenden des Leids der Rumänen, die als Verbündete der Deutschen kämpften. Wenn Deutsche im Zusammenhang mit Stalingrad von Rumänen sprachen, dann meistens nur, dass die Russen bei ihrer Offensive "natürlich" bei den Rumänen (und bei den Italienern) durchgebrochen seien. Das angebliche Versagen der Verbündeten gehört zu den bösen Stalingrad-Mythen der Nachkriegszeit. Dies korrespondiert mit dem nahezu zur politischen Folklore gewordenen Geschwätz, dass Rumänien, Ungarn und vor allem Italien Deutschland im Krieg "verraten" hätten.

Stalingrad als Symbol fast überzeitlichen Leids

Ein Mythos wurde Stalingrad schon, noch während in seinen Ruinen gekämpft und gestorben wurde. Diesen Mythos beförderte die NS-Propaganda, allen voran Joseph Goebbels selbst. Stalingrad war angeblich deutsches Heldentum, Aushalten bis zuletzt und zähe Verteidigung gegen einen fanatischen Angreifer - nicht nur Letzterem lag die zynische Verdrehung von Ursache und Wirkung zugrunde.

Stalingrad war auch ein schreckliches Beispiel für den Kolberg-Wahn, dem keineswegs nur Hitler verfallen war. Die einstmals preußische Stadt Kolberg in Westpommern (heute Kolobrzeg in Polen, auch das letztlich eine Folge des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion) trotzte monatelang bis Juli 1807 einer Belagerung durch Napoleons Truppen. Kolberg galt deutschen Durchhalte-Strategen stets als Vorbild dafür, dass man nicht aufgeben dürfe, was man halte. So wie Kolberg standhielt, sollten die Deutschen in Stalingrad ohne Rückzug oder Ausbruch aus der Einschließung standhalten.

Nach Ende des Krieges entstand ein weiterer, für Westdeutschland zentraler Stalingrad-Mythos: Der Untergang der Stadt und der 6. Armee galt als Symbol des nahezu überzeitlichen Leids, das in diesem Krieg eben auch Deutsche erlitten hätten. Der Schrecken, dem die Stalingrad-Kämpfer ausgesetzt waren und von dem die relativ wenigen Überlebenden später berichteten, unterschied nicht zwischen Angreifern und Verteidigern, so die gängige Interpretation, er machte alle, die zwischen dem Traktorenwerk, der Höhe 102 und dem Bahnhof Stalingrad in Dreck, Blut und Feuer lebten und starben, zu "Opfern".

Stalingrad

Ende August 1942 erreichten erste deutsche Einheiten die Wolga bei Stalingrad. Die Stadt selbst galt zunächst nicht als ein wichtiges strategisches Ziel wie etwa Moskau oder Leningrad. Die Deutschen wollten weiter zum Kaukasus und seinen Ölquellen vorstoßen, andererseits den für die Sowjetunion wichtigen Schiffsverkehr auf der Wolga unterbrechen. Stalin gab den Befehl, die Stadt mit allen Mitteln zu verteidigen. Mehrere Hunderttausend deutsche Soldaten der 6. Armee unter General Paulus sowie der 4. Panzerarmee standen gut einer Million Rotarmisten gegenüber. Bis zum November hatten die Deutschen die Stadt nahezu vollständig zerstört und eingenommen. Bei den Kämpfen und in deren Folge kamen Hunderttausende Soldaten sowie sehr viele russische Zivilisten ums Leben. Am 19. November traten sowjetische Verbände von der Donfront im Norden und vom Südosten aus zum Angriff an; binnen Tagen kreiste die Rote Armee mit der "Operation Uranus" die Deutschen ein. Bis Januar 1943 wurde der Kessel von Stalingrad unter heftigen Kämpfen immer mehr eingedrückt. Ein Versuch der Wehrmacht, die Belagerung von außen durch einen Entlastungsangriff zu sprengen, scheiterte im Dezember. Fast ohne Versorgung kapitulierten die Deutschen am 2. Februar 1943; vereinzelt wurde aber noch bis in den März hinein gekämpft. Rund 110 000 Deutsche wurden gefangen genommen; ganze 6000 von ihnen überlebten Krankheit und Gefangenschaft.

Dies war wohl der wichtigste Wandel in der Bedeutung des Mythos' Stalingrad in Deutschland: Vom Symbol für Tapferkeit, Kampf bis zum letzten Mann und Nibelungentreue bis 1945 wurde "Stalingrad" nach 1945 mehr und mehr ein Sinnbild für deutsches Leid und Opfer.

Für die Russen ist Stalingrad die "Heldenstadt"

Dass man dies in Russland ganz anders sah, verwundert wenig. Für die Sowjetunion, aber auch für das heutige Russland war, ist und bleibt Stalingrad jener Ort, geografisch wie geschichtlich, an dem der deutsche Angreifer, der Russland zerstören und seine Menschen vernichten wollte, endgültig gestoppt und nachhaltig geschlagen wurde. Stalingrad, heute Wolgograd, bleibt in diesem Sinne "Heldenstadt".

Es tut im Geschichtsverständnis vieler Russen wenig zur Sache, dass in Stalingrad auch das eine, ziemlich schreckliche autoritäre System über das andere, noch schrecklichere autoritäre System obsiegt hat. Die Sowjetunion jedenfalls hat nach Stalingrad über Kursk, Budapest und Warschau den Krieg zurück nach Deutschland gebracht, von wo er hergekommen war.

Es gab außer Stalingrad andere, Geschichte und Bewusstsein bestimmende Ereignisse im Russlandkrieg, wie etwa die berühmten 900 Tage der Belagerung Leningrads, die Schlacht um den Kursker Bogen 1943 oder der für die Wehrmacht katastrophale Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944.