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Sowjet-Soldaten über Stalingrad:"Die Deutschen reden nur vom Essen"

Anfang 1943 stellte die 6. deutsche Armee in Stalingrad ihre Kampfhandlungen ein. Historiker Jochen Hellbeck hat Augenzeugenberichte aus der Roten Armee ausgewertet, die lange unbeachtet in russischen Archiven lagen. Soldaten berichten, wie sie die Schlacht erlebten - und wie sie ihre deutschen Kriegsgegner sahen.

Mit Bildern aus dem Archiv von SZ Photo

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Sowjet-Soldaten über Stalingrad:Sieg der Roten Armee

Stalingrad

Quelle: Sueddeutsche Zeitung Photo

Am 2. Februar 1943 stellt die 6. deutsche Armee in Stalingrad ihre Kampfhandlungen ein. Zum Zeichen des Sieges hält ein Soldat der Sowjet-Armee eine rote Fahne über die Stadt (Foto). Während und in den Wochen und Monaten nach der Schlacht befragen Historiker aus Moskau mehr als 200 Augenzeugen: Angehörige der Roten Armee und eine Reihe von Zivilisten in Stalingrad - die Ereignisse in der umkämpften Stadt sollen für die Nachwelt festgehalten werden.

Doch dann liegen die Berichte jahrzehntelang unbeachtet in russischen Archiven. Nun hat sie der Historiker Jochen Hellbeck ausgewertet. In seinem Buch "Die Stalingrad-Protokolle" (© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2012. Aus dem Russischen von Christiane Körner und Annelore Nitschke) zeigt er mittels der Protokolle auf, wie die Russen das Kriegsgeschehen in Stalingrad erlebten, welches Selbstverständnis die Sowjet-Soldaten hatten - und wie sie ihre deutschen Kriegsgegner beurteilten. Hier einige Ausschnitte aus den Zeitzeugen-Aussagen. Mit Bildern von SZ Photo.

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Sowjet-Soldaten über Stalingrad:Qualen durch Artilleriebeschuss

Kampf um Stalingrad, 1942

Quelle: Scherl

"Und nun, um 8.30 Uhr am Morgen des 4. November, breiteten plötzlich faschistische Aasgeier ihre Flügel über dem Kraftwerk aus. 49 Ju-87 oder Musikanten, wie wir sie nannten, warfen systematisch Bomben ab, um unser Kraftwerk zu zerstören. Jedes dieser 49 griff mehrmals im Sturzflug an. Besonders unangenehm war das Heulen der Sirenen. Ich glaube nicht daran, dass man sich, sagen wir, an Artilleriebeschuss, an Bombardements gewöhnen kann, ich finde keine Wahrheit in dieser Aussage. Jedes Bombardement und jeder Artilleriebeschuss ist meiner Meinung nach für alle Menschen nur schwer und unter Qualen zu ertragen, und es kann lediglich darum gehen, wie sehr man sich beherrscht, wie sehr man seine Gefühle verbirgt. Also ich habe noch nie Schlimmeres erlebt, als ich in diesen Minuten erlebt habe. Ich habe schon oft gehört, dass die Rotarmisten weniger die Bomben fürchten als die Sirene des Bombers im Sturzflug. Nun habe ich mich davon überzeugt, dass das die reine Wahrheit ist. Tatsächlich, die Sirene bringt die Menschen außer Fassung."

(Konstantin Subanow, Chefingenieur im Energiekombinat, aus: Hellbeck: Stalingrad-Protokolle, S. 154)

Foto: Deutsche Flugabwehr bei der Schlacht um Stalingrad 1942

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Sowjet-Soldaten über Stalingrad:Der Kommandeur darf nicht mit der Wimper zucken

Sowjetische Soldaten kämpfen in Werkshallen um Stalingrad, 1942

Quelle: SCHERL

"Es gibt keine Helden, die keine Angst hätten. Niemand sieht, niemand weiß, was [Armeegeneral Wassili] Tschuikow macht, wenn er allein ist, wenn es keine Zeugen gibt, wenn man nicht sieht, wie sein Hirn arbeitet. Dass einer unserer Kommandeure zu seinen Untergebenen gegangen wäre und sein schwaches Seelchen gezeigt hätte, das gab es zwar vereinzelt, aber das sind Bastarde. Wir sitzen im Unterstand, und die Granatsplitter fliegen uns um die Ohren. Sitzen wir da einfach, ohne dass es uns etwas ausmacht? Das glaube ich nicht. Der Selbsterhaltungstrieb ist da, aber der Stolz eines Mannes, insbesondere eines Kommandeurs, spielt im Kampf die entscheidende Rolle. (...) Vor den Augen des Kommandeurs sterben Tausende von Männern, aber er darf nicht mit der Wimper zucken. Wenn er allein ist, kann er weinen. Mögen sie hier deinen besten Freund töten, du musst trotzdem wie versteinert dastehen."

(Armeegeneral Wassili Tschuikow, aus: Hellbeck: Stalingrad-Protokolle, S. 343/344)

Foto: Sowjetische Soldaten kämpfen 1942 in den Ruinen des Traktorenwerks "Roter Oktober" in Stalingrad.

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Sowjet-Soldaten über Stalingrad:Ablauf der Straßenkämpfe

Russische Soldaten beim Angriff in Stalingrad, 1942 | Russian soldiers during the attack in Stalingrad, 1942

Quelle: Scherl

"Die Straßenkämpfe waren sehr schwer. Hinter jedem Stein sitzt einer. Die Deutschen stellen MGs auf, tarnen sie und feuern, außerdem schicken sie Scharfschützen auf die Dächer. Wir müssen aber Straßen, Plätze, Gassen überqueren. Es gab Opfer bei uns, aber die kriegten mehr ab. Sie machten es so: verschanzten sich in einem Haus, brachten MGs in Stellung, MPi-Schützen, Scharfschützen, Panzerbüchsen-Schützen; die übrigen saßen im Keller, damit es weniger Verluste gab. Wir wiederum brachten unsere MPi- und PBü-Schützen in Stellung, die die Gefechtspunkte erfolgreich vernichteten. Jeder Soldat hatte Handgranaten. Sobald gegnerisches Feuer aufkam, nahmen wir die Stelle aufs Korn und vernichteten das feindliche Feuer. Wenn das Feuer schwächer geworden war, schickten wir die Soldaten nach vorne. In die Keller wurden massenhaft Granaten geworfen."

(Hauptmann Iwan Bucharow, aus: Hellbeck: Stalingrad-Protokolle, S. 284/285)

Foto: Russische Soldaten beim Angriff in Stalingrad im Herbst 1942

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Sowjet-Soldaten über Stalingrad:Hunderte Kriegsgefangene

Kapitulation in Stalingrad

Quelle: SCHERL

"Wie die Gefangennahmen vor sich gingen? Ich gab die Anweisung, nicht zu warten, bis alle die Waffen abgegeben hatten. Hundert Mann sollten die Waffen hinlegen, und ab nach hinten, ein Mann sollte sie begleiten, denn es war einem um jeden leid, den man dafür abstellte. Zu der Zeit hatte ich 800 Gefangene, am 30. [Januar 1943] nahm ich noch mal zweitausend gefangen. Ich hatte die Gefangenen schon satt. Ich setzte schon die Flak-Division ein - was sollte man machen?"

(Generalmajor Iwan Dmitrijewitsch Burmakow, Kommandeur der 38. Schützenbrigade, aus: Hellbeck: Stalingrad-Protokolle, S. 284)

Foto: Deutsche Soldaten gehen im Februar 1943 vor der Ruine des Stalingrader Getreidesilos, um das besonders blutig gekämpft wurde, in Gefangenschaft

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Sowjet-Soldaten über Stalingrad:Kriegsgefangene wie Vogelscheuchen

Barbarossa

Quelle: Sueddeutsche Zeitung Photo

"In dem Moment überschritten die Sturmtrupps die Verteidigungslinie, näherten sich den Deutschen von der Flanke her und deckten sie mit Handgranaten ein. Das stiftete Verwirrung. Vereinzelt begannen welche überzulaufen. Als wir erfuhren, dass wir den deutschen Bataillonskommandeur gefangen genommen hatten, gaben wir durch den Aufklärer den Befehl, ihn an eine hoch gelegene Stelle zu schaffen, gaben ihm ein Laken und befahlen ihm, seinen Leuten zu signalisieren, sie sollten sich ergeben. Es dämmerte. Der deutsche Bataillonskommandeur winkte seinen Soldaten mit dem Laken, sie sollten sich ergeben. Die deutschen Soldaten hoben die Hände und gaben sich zu Dutzenden gefangen. (...) Ich nahm die Gefangenen in Empfang, sie wurden entwaffnet. Unsere Leute machten sich ein bisschen lustig über die Deutschen. Die hatten sich in alle möglichen Sachen gehüllt. Der eine Deutsche hatte um jeden Fuß eine Bettdecke, andere hatten sich wie die Vogelscheuchen in Laken vermummt."

(Hauptmann Nikolai Nikitisch Axjonow, aus: Hellbeck: Stalingrad-Protokolle, S. 418/419)

Foto: Deutsche Kriegsgefangene in Stalingrad

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Sowjet-Soldaten über Stalingrad:Paulus, ein in die Enge getriebenes Tier

Barbarossa

Quelle: Sueddeutsche Zeitung Photo

"Wie [der deutsche Generalfeldmarschall Friedrich] Paulus so ist? Er machte auf mich den Eindruck eines in die Enge getriebenen Tieres. Man sah, dass ihm das alles gar nicht gefiel. Hager, unrasiert, nachlässig gekleidet. Er gefiel mir nicht. In seinem Zimmer war es schmutzig. Bei [dem deutschen Generalmajor Friedrich] Roske war es mehr oder weniger sauber. (...) Als Paulus herauskam, bat er darum, dass man ihn durch den Hinterausgang begleitete, durchs Tor. Er fuhr weg, blickte sich um, lächelte kläglich, albern. Man sah, dass er verstört war, so blickte er sich um. Wie viel Dreck hier im Keller war, auch in Paulus' Raum! Im Hof war es einfach grässlich. Wir brachten ihn nun in Ordnung. Ich machte Roske Vorwürfe, weil ein so hochgestellter Stab so viel Dreck gemacht hatte, ich beschämte ihn. Sie fingen an zu reden, dann übersetzte der Dolmetscher. Es war so gewesen, dass unsere Katjuschas und die Artillerie sie tagsüber nicht rausließen. Sie waren gezwungen, ihre natürlichen Bedürfnisse im Keller zu verrichten. Die Behälter stellten sie nur nachts raus, und selbst da hatten sie Angst. Er errötete ein wenig. Er war vermutlich ein kultivierter, disziplinierter Offizier."

(Generalmajor Iwan Burmakow, aus: Hellbeck: Stalingrad-Protokolle, S.304)

Foto: Der Oberbefehlshaber der 6. Armee, Generaloberst Friedrich Paulus, im Kessel von Stalingrad

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Sowjet-Soldaten über Stalingrad:Dreckige Kulturnation

Deutsches Transportflugzeug auf einem Flugfeld bei Stalingrad, 1942

Quelle: SCHERL

"Er sagte, sie hätten hundert Gramm Brot gekriegt, überhaupt keine Lebensmittel mehr gehabt. Dann fragte er, wie lange der Winter bei uns noch dauern würde. Ich sagte, dass noch ungefähr bis zum 15. März starker Frost herrschen würde. Dann stellte ich ihm die Frage: 'Sie halten die deutsche Armee für die kultivierteste überhaupt, um so mehr den Armeestab - warum ist es hier dann überall so verdreckt?' Er antwortete: 'In der letzten Zeit konnte man wegen eurer Katjuschas und eurer Luftwaffe keinen Fuß mehr vor die Tür setzen. Wenn man davon ausgeht, erklärt das alles.' Dort bei ihnen waren wohl um die 50 Kilogramm Wurst. Sie stürzten sich wie die Schakale auf die Wurst: Der Offizier stieß den Soldaten weg, der Soldat den Offizier."

(Hauptmann Lukjan Petrowitsch Morosow, Politstellvertreter des Kommandeurs des 1. Bataillons, aus: Hellbeck: Stalingrad-Protokolle, S. 292)

Foto: Ein deutsches Transportflugzeug Junkers Ju-52 steht 1942 auf einem Flugfeld bei Stalingrad. Soldaten transportieren auf Schlitten Verwundete.

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Sowjet-Soldaten über Stalingrad:Suppe, 1/8 Brot, etwas Butter

Deutscher Soldat in Stalingrad, 1942

Quelle: SCHERL

Unter den von der sowjetischen Historikerkommission gesammelten Dokumenten befinden sich auch ins Russische übersetzte Auszüge eines Tagebuchs eines deutschen Gefreiten, das in die Hände der Russen geriet. Hier ein Ausschnitt:

"Um 16 Uhr kam der Essensverteiler: Suppe, 1/8 Brot, etwas Butter, ein wenig Fleischkonserven. Ich habe schon alles aufgegessen und mich hingelegt. Bis zur nächsten Mahlzeit sind es 24 Stunden. (...) Ich sitze mit einem weiteren Soldaten im Schützengraben. Es ist ein 20-jähriger Bursche aus Österreich, er hat Durchfall, er stinkt unerträglich. Pausenloser Beschuss. Die Ohren tun mir weh, und mir ist sehr kalt. 50 Meter von mir entfernt ist die Wolga. Wir sind gleich neben dem Feind. Bin allem gegenüber gleichgültig. Sehe keinen Ausweg aus dieser entsetzlichen Hölle. Die Verwundeten werden nicht weggebracht, sie liegen in den Dörfern innerhalb des Einschließungsrings. Ich kann nur auf ein Wunder Gottes hoffen. Nichts anderes kann hier helfen. Unsere Artillerie ist völlig verstummt, wahrscheinlich ist die Munition alle. Ich bin hungrig und durchgefroren, meine Beine sind wie Eis. Wir reden beide kein Wort - worüber sprechen?"

(Tagebuch eines deutschen Gefreiten aus dem Kessel, aus: Hellbeck: Stalingrad-Protokolle, S. 518)

Foto: In den Trümmern eines Hauses in Stalingrad schreibt ein deutscher Soldat 1942 einen Brief.

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Sowjet-Soldaten über Stalingrad:Deutsche reden nur vom Essen

Deutsche Soldaten in Stalingrad, 1942

Quelle: SCHERL

"Hier muss man noch ein Moment benennen, das, wie ich glaube, eine riesige Rolle beim moralischen Zustand des umzingelten Gegners spielt: das Essen. Die Deutschen können nicht hungern. Unser russischer Soldat hat nicht nur während des Vaterländischen Krieges, sondern auch im Bürgerkrieg und in allen anderen Kriegen seine Fähigkeit gezeigt, Hunger zu erdulden. Die Deutschen können nicht hungern; wenn sie kämpfen, sind sie es gewohnt, sich wie die Schweine vollzustopfen. Das kann man anhand von vielen Briefen belegen. Es ist irgendwie unheimlich - sie reden nur vom Essen."

(Major Alexander Scheljubski, Leiter der 7. Abteilung der politischen Verwaltung, aus: Hellbeck: Stalingrad-Protokolle, S. 521)

Foto: Deutsche Infanteristen 1942 während einer Kampfpause bei den Kämpfen um das Werk "Rote Barrikade" in Stalingrad

© Süddeutsche.de/gal/odg/sana/rus
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