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Zweiter Weltkrieg:Stalingrad - ein Mythos im Wandel

Moskau 1941, Stalingrad 1943, Berlin 1945: Vielleicht, hoffentlich, sind diese Namen Synonyme für das Ende jener langen Epoche der europäischen Kriege.

Von Kurt Kister

Moskau, Stalingrad, Berlin. Die Namen dieser drei Städte stehen symbolisch für den ebenso mörderischen wie letztlich selbstmörderischen Versuch des Deutschen Reiches, die Sowjetunion zu vernichten und ein Imperium vom Atlantik bis zum Ural zu errichten. Vor Moskau erfror im Winter 1941 die Illusion, die Sowjetunion sei, wie Polen, Frankreich oder Jugoslawien, in einem Blitzkrieg niederzuwerfen.

Die Kapitulation der 6. Armee in den Trümmern von Stalingrad im Februar 1943 bedeutete in der Wahrnehmung sehr vieler Deutscher und von noch viel mehr Russen, dass dieser Krieg für Deutschland, seine Nazi-Regierung und die Wehrmacht nicht mehr zu gewinnen war. Die Einnahme Berlins im April 1945 durch die Rote Armee signalisierte nicht nur das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, sondern setzte auch den blutigen Schlusspunkt hinter die zwölf Jahre der NS-Herrschaft.

Der Fall Berlins bedeutete übrigens auch das Ende jener deutschen Großmachtträume, die sich in Preußen und anderswo im Reich seit 1864 entwickelt hatten. Diese Ära der imperialen Träume war kurz. Zwischen dem Sieg von Sedan im September 1870, der so etwas wie die militärische Voraussetzung der Reichsgründung im Januar 1871 war, und dem Einmarsch der Russen in Berlin lagen nur 75 Jahre, nicht mehr, als ein Menschenleben währt.

Bis heute ist "Stalingrad" in Deutschland eine Metapher zur Beschreibung einer Niederlage von nahezu unvorstellbarer Dimension geblieben. Das "Unvorstellbare" bezieht sich einerseits auf die Schlacht als solche - Hunderttausende Tote, steif gefrorene Leichenberge, monatelanges Ausharren in Löchern und zerschossenen Kellern, ermordete Zivilisten. Andererseits ist es 75 Jahre nach der Kapitulation in Stalingrad glücklicherweise im Sinne des Wortes unvorstellbar, dass Deutschland mit Millionen Soldaten Russland überfallen könnte oder würde (auch umgekehrt gilt dies).

Militärische Gewalt als Mittel der Politik ist in Europa zwar nicht ausgestorben - man denke nur an die Balkankriege in den Neunzigerjahren oder an den interessengeschürten Irredentismus in Teilen der ehemaligen Sowjetunion. Und europäische Staaten beteiligen sich in unterschiedlichem Ausmaß an Kriegen außerhalb ihres Kontinents - ein Beispiel ist die Unterstützung der USA im Irak 2003 durch Großbritannien, Italien und andere.

Dennoch scheinen jene großen Kriege, die europäische Staaten in Europa immer wieder gegeneinander führten, zumindest aus heutiger Sicht der Vergangenheit anzugehören. Vielleicht, hoffentlich, steht der Dreiklang Moskau, Stalingrad, Berlin wirklich auch für das Ende der langen Epoche der europäischen Kriege.

"Waterloo", genutzt als Synonym für persönliche Niederlagen

Noch ist "Stalingrad" nicht "Waterloo". Das klingt zunächst sonderbar, bedeutet aber nichts anders, als dass die Metapher Waterloo fast nur noch eine Metapher ist. Es gibt keine Erinnerung mehr an Waterloo, die Geschichtsschreibung hat sie ersetzt. Menschen in Großbritannien, die sich für Geschichte interessieren, wissen wohl, dass im Juni 1815 im heute belgischen Waterloo nicht nur symbolisch eine Jahrhunderte alte Rivalität, fast möchte man sagen: eine Erbfeindschaft, zwischen Britannien und Frankreich kulminierte. Für geschichtsbewusste Franzosen wiederum wäre Waterloo vielleicht bis heute die Ur-Niederlage, hätte es da nicht das Frühjahr 1940 gegeben.

Der Begriff "Waterloo" wird dennoch nahezu bedenkenlos von vielen Menschen in Europa benutzt, wenn sie ein persönliches Desaster, eine Niederlage, manchmal auch nur ein Malheur beschreiben wollen. In dem immer noch bekannten, längst alten Song der schwedischen Gruppe Abba werden gar unglückliche Liebeshändel als "Woooterluu" beschrieben. Hier ist das historische Kriegsgeschehen völlig abgelöst von der Lautfolge, die eben nur noch ein Synonym und sehr häufig kaum mehr als ein Phrase ist.

"Stalingrad" ist dafür möglicherweise noch zu nahe, sodass das Bewusstsein für die Ungeheuerlichkeit dessen, was in Stalingrad geschah, seine baldige Synonymisierung verbietet. Jedenfalls hört oder liest man fast nie, dass jemand "sein Stalingrad" erlitten habe oder ein Skandal für diese Firma oder jene Partei "zum Stalingrad" geworden sei.

Die Schlacht von Stalingrad - ein großes Thema im Nachkriegsdeutschland

Über keine andere einzelne Schlacht des Zweiten Weltkriegs ist in den ersten 25 Jahren der Bundesrepublik so viel geschrieben und gesagt worden wie über Stalingrad. Das hatte nicht nur mit den Verlusten zu tun, welche die Deutschen in den Monaten des Kampfes um die Stadt an der Wolga hinnehmen mussten. Das Leid der sowjetischen Soldaten und Zivilisten stand hierzulande nie im Vordergrund; hier wirkten bei vielen Deutschen auch in der Nachkriegszeit die Propaganda und das eigene Erleben der Kriegszeit weiter.

Symptomatisch für die deutsche Nachkriegssicht war auch das Ausblenden des Leids der Rumänen, die als Verbündete der Deutschen kämpften. Wenn Deutsche im Zusammenhang mit Stalingrad von Rumänen sprachen, dann meistens nur, dass die Russen bei ihrer Offensive "natürlich" bei den Rumänen (und bei den Italienern) durchgebrochen seien. Das angebliche Versagen der Verbündeten gehört zu den bösen Stalingrad-Mythen der Nachkriegszeit. Dies korrespondiert mit dem nahezu zur politischen Folklore gewordenen Geschwätz, dass Rumänien, Ungarn und vor allem Italien Deutschland im Krieg "verraten" hätten.

Stalingrad als Symbol fast überzeitlichen Leids

Ein Mythos wurde Stalingrad schon, noch während in seinen Ruinen gekämpft und gestorben wurde. Diesen Mythos beförderte die NS-Propaganda, allen voran Joseph Goebbels selbst. Stalingrad war angeblich deutsches Heldentum, Aushalten bis zuletzt und zähe Verteidigung gegen einen fanatischen Angreifer - nicht nur Letzterem lag die zynische Verdrehung von Ursache und Wirkung zugrunde.

Stalingrad war auch ein schreckliches Beispiel für den Kolberg-Wahn, dem keineswegs nur Hitler verfallen war. Die einstmals preußische Stadt Kolberg in Westpommern (heute Kolobrzeg in Polen, auch das letztlich eine Folge des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion) trotzte monatelang bis Juli 1807 einer Belagerung durch Napoleons Truppen. Kolberg galt deutschen Durchhalte-Strategen stets als Vorbild dafür, dass man nicht aufgeben dürfe, was man halte. So wie Kolberg standhielt, sollten die Deutschen in Stalingrad ohne Rückzug oder Ausbruch aus der Einschließung standhalten.

Nach Ende des Krieges entstand ein weiterer, für Westdeutschland zentraler Stalingrad-Mythos: Der Untergang der Stadt und der 6. Armee galt als Symbol des nahezu überzeitlichen Leids, das in diesem Krieg eben auch Deutsche erlitten hätten. Der Schrecken, dem die Stalingrad-Kämpfer ausgesetzt waren und von dem die relativ wenigen Überlebenden später berichteten, unterschied nicht zwischen Angreifern und Verteidigern, so die gängige Interpretation, er machte alle, die zwischen dem Traktorenwerk, der Höhe 102 und dem Bahnhof Stalingrad in Dreck, Blut und Feuer lebten und starben, zu "Opfern".

Stalingrad

Ende August 1942 erreichten erste deutsche Einheiten die Wolga bei Stalingrad. Die Stadt selbst galt zunächst nicht als ein wichtiges strategisches Ziel wie etwa Moskau oder Leningrad. Die Deutschen wollten weiter zum Kaukasus und seinen Ölquellen vorstoßen, andererseits den für die Sowjetunion wichtigen Schiffsverkehr auf der Wolga unterbrechen. Stalin gab den Befehl, die Stadt mit allen Mitteln zu verteidigen. Mehrere Hunderttausend deutsche Soldaten der 6. Armee unter General Paulus sowie der 4. Panzerarmee standen gut einer Million Rotarmisten gegenüber. Bis zum November hatten die Deutschen die Stadt nahezu vollständig zerstört und eingenommen. Bei den Kämpfen und in deren Folge kamen Hunderttausende Soldaten sowie sehr viele russische Zivilisten ums Leben. Am 19. November traten sowjetische Verbände von der Donfront im Norden und vom Südosten aus zum Angriff an; binnen Tagen kreiste die Rote Armee mit der "Operation Uranus" die Deutschen ein. Bis Januar 1943 wurde der Kessel von Stalingrad unter heftigen Kämpfen immer mehr eingedrückt. Ein Versuch der Wehrmacht, die Belagerung von außen durch einen Entlastungsangriff zu sprengen, scheiterte im Dezember. Fast ohne Versorgung kapitulierten die Deutschen am 2. Februar 1943; vereinzelt wurde aber noch bis in den März hinein gekämpft. Rund 110 000 Deutsche wurden gefangen genommen; ganze 6000 von ihnen überlebten Krankheit und Gefangenschaft.

Dies war wohl der wichtigste Wandel in der Bedeutung des Mythos' Stalingrad in Deutschland: Vom Symbol für Tapferkeit, Kampf bis zum letzten Mann und Nibelungentreue bis 1945 wurde "Stalingrad" nach 1945 mehr und mehr ein Sinnbild für deutsches Leid und Opfer.

Für die Russen ist Stalingrad die "Heldenstadt"

Dass man dies in Russland ganz anders sah, verwundert wenig. Für die Sowjetunion, aber auch für das heutige Russland war, ist und bleibt Stalingrad jener Ort, geografisch wie geschichtlich, an dem der deutsche Angreifer, der Russland zerstören und seine Menschen vernichten wollte, endgültig gestoppt und nachhaltig geschlagen wurde. Stalingrad, heute Wolgograd, bleibt in diesem Sinne "Heldenstadt".

Es tut im Geschichtsverständnis vieler Russen wenig zur Sache, dass in Stalingrad auch das eine, ziemlich schreckliche autoritäre System über das andere, noch schrecklichere autoritäre System obsiegt hat. Die Sowjetunion jedenfalls hat nach Stalingrad über Kursk, Budapest und Warschau den Krieg zurück nach Deutschland gebracht, von wo er hergekommen war.

Es gab außer Stalingrad andere, Geschichte und Bewusstsein bestimmende Ereignisse im Russlandkrieg, wie etwa die berühmten 900 Tage der Belagerung Leningrads, die Schlacht um den Kursker Bogen 1943 oder der für die Wehrmacht katastrophale Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944.

Der monströse Irrtum der Nazis

Dennoch bleibt Stalingrad nicht nur wegen der Winterapokalypse in Erinnerung. Der Roten Armee gelang es mit der Einschließung der Deutschen an der Wolga erstmals in diesem Ausmaß, das Prinzip der Vernichtungsschlacht, der Einkesselung feindlicher Großverbände, gegen jene zu wenden, die es in ihrer Kriegführung seit Sedan 1870 und Tannenberg 1914 selbst immer wieder praktiziert hatten.

Die Geschichte des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion war im Jahr 1941 eine Geschichte der Kesselschlachten. Bei Minsk, Smolensk oder Kiew starben in solchen "Kesseln" Hunderttausende Russen, und Millionen gerieten in Kriegsgefangenschaft, in der anschließend die Mehrzahl verhungerte oder anderweitig von den Deutschen umgebracht wurde.

Auch ohne Stalingrad hätten die Deutschen den Krieg verloren

Gerade wegen dieser enormen Verluste dachten Hitler, aber auch viele seiner Generale, dass die Rote Armee sich nicht mehr "erholen" würde, ganz zu schweigen davon, dass sie zu einer Offensivoperation wie der Einkesselung Stalingrads überhaupt in der Lage wäre. Dieser monströse Irrtum führte zur totalen Niederlage in Stalingrad. Nach Stalingrad wiederum waren es die Deutschen, die in diversen Vernichtungsschlachten vor allem des Jahres 1944 von den sowjetischen Truppen geschlagen und zurückgetrieben wurden.

Bis weit in die Siebzigerjahre hinein war es in Westdeutschland unter Veteranen, Geschichtsinteressierten und bisweilen sogar Bundeswehroffizieren nicht unüblich, darüber zu debattieren, ob "wir" ohne die Niederlage bei Stalingrad den Krieg noch hätten gewinnen können. Zu solchen Diskussionen trugen auch die Memoiren etlicher Generale und Stabsoffiziere bei, die gerne alle "militärischen" Fehler bei der NS-Führung abluden, ohne sich wirklich bewusst darüber zu sein, dass sie, die Offiziere, die Vernichtungspolitik dieser Führung zum allergrößten Teil nicht nur mitgetragen, sondern erst möglich gemacht hatten.

Nein, der Krieg wäre auch "ohne Stalingrad" nicht zu gewinnen gewesen. Er war von Anfang an verloren, spätestens aber mit dem Angriff auf die Sowjetunion 1941. Manifest wurde die Tatsache, dass 1941 das eigentliche Jahr der Wende war, spätestens durch den Kriegseintritt der USA nach dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941.

75 Jahre danach hat sich in Deutschland manches sehr geändert, was die Wahrnehmung von "Stalingrad" angeht. Zwar beschäftigen sich die Medien, auch die SZ, mit dem Jahrestag, und in jenen TV-Privatsendern, die ohnehin unablässig Dokumentationen über Zeitgeschichte und Kriegstechnik versenden, läuft viel Stalingrad. Jenseits dessen aber bedeuten die Schlacht und ihre Folgen offenbar nicht mehr viel. Es gibt keine Gedenkfeiern, keine großen Tagungen, und für das deutsche Bewusstsein, gar das Nationalgefühl, wird Stalingrad möglicherweise doch schneller als gedacht zu Waterloo.

In Russland ist das anders. Präsident Wladimir Putin, der im März wiedergewählt werden will, besuchte zum Jahrestag die Stadt, die seit 1961 Wolgograd heißt. (Dies war der zweite Namenswechsel, nachdem Zarizyn 1925 in Stalingrad umbenannt worden war.) Zum 75. Jahrestag der deutschen Kapitulation hielt die russische Armee, die sich in ungebrochener Tradition zur Roten Armee sieht, eine Militärparade in Wolgograd ab. Es rollten neue T-90- und alte T-34-Panzer durch die Stadt.

Im postsowjetischen Russland ist der Rückgriff auf die alten Siege ein zentraler Bestandteil der empfundenen, zum Teil auch der dekretierten nationalen Identität. Zwar werden die letzten Überlebenden der großen Schlacht an der Wolga immer weniger. Der Mythos Stalingrad aber verliert in Russland keineswegs an Bedeutung.

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Quelle:
SZ vom 10.02.2018/gal
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