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Hannovers neuer Oberbürgermeister:Doppelte Zeitenwende am Maschsee

Stichwahl Hannoveraner Oberbürgermeister

Belit Onay (Bündnis 90/Die Grünen), Sieger der Oberbürgermeisterwahl in Hannover, mit seiner Frau Derya (r) und der grünen Stadtverbandsvorsitzenden Gisela Witte (l).

(Foto: dpa)

Belit Onay, erst 38, Grüner und Sohn türkischer Einwanderer, ist der neue Oberbürgermeister Hannovers. Seine Familie wäre 1993 beinahe wieder ausgewandert.

Am Abend seines Wahlsieges stand Belit Onay dann wie ein Ausrufezeichen auf dieser riesigen Steintreppe in Hannovers Neuem Rathaus. So neu ist das Rathaus nicht mehr, das schlossartige Gebäude entstand vor mehr als einem Jahrhundert in der Kaiserzeit. Seit Menschengedenken ging da immer ein Sozialdemokrat mit einem deutschen Namen als Oberbürgermeister hinauf und hinab, aber jetzt hat er diese Stufen erobert: Belit Onay, erst 38 Jahre alt, Mitglied der Grünen und Sohn von Zuwanderern aus der Türkei.

Das ist gleich eine doppelte Zeitenwende am Maschsee, wo immer mal wieder politsche Seilschaften entstanden und Talente gediehen. Das hannoversche Ambiente bekam auch den Karrieren von Gerhard Schröder oder Sigmar Gabriel. Seit 1946 wurde die einstige Zentrale eines Königreichs stets von der SPD regiert, allein 34 Jahre lang in Gestalt von Herbert Schmalstieg, es folgte Stephan Weil, der heutige Ministerpräsident von Niedersachsen. Der Skandal um überhöhte Zahlungen an Mitarbeiter brachte im April den Genossen und OB Stefan Schostok zu Fall. Jetzt übernimmt also Belit Onay, auf den plötzlich das ganze Land schaut.

Deutsch lernte Onay hauptsächlich in der Kita oder bei Bekannten

Sein Erfolg ist ja nicht nur das Ende einer Serie von 73 Jahren SPD in dieser vormals roten Hochburg und die Fortsetzung eines fast bundesweiten Höhenflugs der Grünen. Es ist tatsächlich auch das erste Mal, dass es ein Kind von Migranten an die Spitze einer deutschen Landeshauptstadt schafft. Wobei es weniger überrascht, dass es nun so weit ist, sondern vielmehr, dass es bis zu diesem Ereignis im Herbst 2019 so lange gedauert hat.

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Belit Olay kam 1981 in Goslar zur Welt, dort waren seine türkischen Eltern als Hotelangestellte und später Gastronomen in Deutschland zunächst heimisch geworden. Deutsch lernte er erst hauptsächlich in der Kita oder bei Bekannten, Türkisch spricht er immer noch und dazu ein wenig Russisch, was beim Straßenwahlkampf alles kein Nachteil war. Nach dem Brandanschlag 1993 auf eine türkische Familie in Solingen dachten sein Vater und seine Mutter darüber nach, Deutschland zu verlassen. "Was heißt das eigentlich für uns, für unsere Kinder?", hätten sie sich gefragt, erzählt er, wenn man ihn auf seine Herkunft anspricht. Heutzutage gibt es wieder Sorgen, entsprechend versteht Belit Onay seine Wahl auch als Signal in Hannover, wo jeder dritte Bewohner einen sogenannten Migrationshintergrund hat und Rechtsaußen kaum eine Rolle spielen. "Hier läuft's anders", sagt er. "Wir erkennen Vielfalt als Stärke und nicht als Schwäche."

Das rechtsextreme Attentat mit fünf Toten damals sensibilisierte den Zwölfjährigen außerdem für die Politik. Als Schüler versuchte er es kurz bei der SPD, die ihn heute bestens gebrauchen könnte. Als Jurastudent saß er nachher für den CDU-nahen Ring RCDS im Studierendenparlament, wobei er bei Fragen zu seiner Wandlung darauf hinweist, dass es in Baden-Württemberg sogar einen grünen Regierungschef mit kommunistischer Vergangenheit gebe, alles nicht so wild.

Onay trifft den Ton der Stadt

Im niedersächsischen Landtag war der Jurist und Grünen-Abgeordnete Onay seit 2013 Sprecher für Innenpolitik, Kommunalpolitik, Migration und Flüchtlinge, Sport und Netzpolitik. Jetzt will er mindestens sieben Jahre lang grüne Themen in dieses alte Neue Rathaus bringen, so lange dauert eine Amtszeit. Zu seinen Plänen gehören eine autofreie Innenstadt und mehr Radwege, bezahlbare Wohnungen und soziales Miteinander - Hannover mit seiner guten halben Million Einwohner hat die üblichen Vorzüge und Probleme größerer Städte. "Brückenbauer in der Migrationsgesellschaft" wolle er sein.

Der groß gewachsene Vater eines Kindes trifft offenkundig den Ton der Stadt. Auch der frühere VW-Manager Eckhard Scholz, der für die CDU antrat und diese Stichwahl verlor, schätzt Belit Onay. Und der Pianist Igor Levit, einer von Onays eifrigen Helfern, ist "sehr, sehr stolz auf unser Hannover"

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