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Schulreformen:Schön, dass wir darüber geredet haben

Neunjähriges Gymnasium

Ideen, was man im Bildungssystem verändern könnte, gibt es viele. Doch wie lassen sie sich umsetzen?

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Ob im Bürgerrat oder beim Hackathon: Ganz normale Menschen setzen sich zusammen, um das Bildungssystem neu zu erfinden. Gelingt der Basisdemokratie, woran die Politik scheitert? Oder ist das Ganze vor allem eine gute Show?

Von Lilith Volkert

Nick Krichevsky weiß, wie mühsam es oft ist, an einer Schule eine neue Idee durchzusetzen. Schnell finden sich Gründe, warum etwas nicht funktionieren kann - der Lehrplan, eine Verordnung, Sicherheitsbedenken. Doch gerade fühlt sich der 37-Jährige ganz erfüllt von einem "innovativen Spirit".

Der Lehrer für Biologie und Englisch an der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim hat vergangene Woche am "Wir für Schule"-Hackathon teilgenommen. Die Wortschöpfung aus "Hack" und "Marathon" kommt ursprünglich aus der IT-Branche und bezeichnet ein Treffen, bei dem gemeinsam an kreativen Lösungen für ein technisches Problem getüftelt wird. Das Motto der online abgehaltenen Veranstaltung: "Lasst uns Zukunft in die Schule bringen".

Unter den 2500 Teilnehmern waren auch 20 Schüler und ein Dutzend Kollegen von Krichevsky. Fünf Tage lang haben sie darüber diskutiert und gechattet, was sich allgemein an der Institution Schule ändern sollte, vor allem aber, was sie selbst tun wollen. Eine Schülergruppe aus Hildesheim hat etwa ein Konzept für einen "Makerspace" entwickelt, eine offene Werkstatt mit Tonstudio. "Ich war begeistert davon, wie viele Ideen entstanden sind, wie zukunftsorientiert alle gedacht haben und wie flexibel im Prozess nachjustiert wurde, wenn es in eine Richtung nicht mehr weiterging", sagt Krichevsky.

Dass Flexibilität im Zusammenhang mit Veränderungen in Schulen genannt wird, ist selten. Geht es um das deutsche Bildungssystem, wird gerne das Bild eines schwerfälligen Tankers bemüht, der erst Meilen nachdem man am Steuerrad gedreht hat, langsam vom bisherigen Kurs abweicht. In der Regel darf da aber ohnehin niemand ran. Rasche Richtungswechsel scheinen weder möglich noch erwünscht zu sein. Durch die Corona-Pandemie ist der Tanker aber, um im Bild zu bleiben, in Untiefen geraten. Viele hoffen, dass nun endlich schneller am Steuerrad gedreht wird. Zu Recht? Und wer bestimmt, in welche Richtung?

Ein "grundlegendes Update" für das Schulsystem

"Ich glaube, dass die Zeit reif ist, um Veränderungen durchzusetzen", sagt Max Maendler, einer der Initiatoren des Hackathons. "Die Pandemie hat schonungslos offengelegt, wie rückständig unser Schulsystem ist, und das nicht nur, was die digitale Ausstattung angeht." Es brauche nun ein "grundlegendes Update".

Im Mai 2020 hat Maendler zusammen mit der Unternehmerin Verena Pausder einen ersten Hackathon organisiert. Bei dem digitalen Treffen suchten 6000 Teilnehmer nach technischen Lösungen, die Lehrern, Schülern und Eltern die Herausforderungen von Schulschließungen und Distanzunterricht erleichtern sollten. Prämiert wurden 15 Projekte, etwa Naklar.io - eine Seite, die ehrenamtliche Nachhilfekräfte mit Schülern zusammenbringt - und der Online-Konfigurator Scrollytell.me, der Schulen beim Aufbau einer digitalen Infrastruktur helfen soll.

Beim diesjährigen Hackathon war der Anspruch um einiges größer. Es wurden nicht nur Ideen für Start-ups im Bildungsbereich entwickelt und nachahmenswerte "Best Practice"-Projekte gesammelt, sondern auch ein "Zielbild für die Schule von morgen" diskutiert, das ausgewählte Teilnehmer in den Wochen zuvor verfasst hatten. Im Herbst soll die überarbeitete Version den drei Schirmherrinnen der Veranstaltung überreicht werden.

Neben der Bundesbildungsministerin Anja Karliczek sind das Britta Ernst, Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, und Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung. Die Politikerinnen dürften sich schwertun, Einwände dagegen zu finden, so allgemein und zum Teil floskelhaft sind die 80 Punkte im Entwurf des Leitbildes formuliert. Wer hat schon etwas dagegen, soziale Gerechtigkeit zu ermöglichen oder Empathie und Glaube an die eigenen Fähigkeiten zu vermitteln? "Vergleiche sollten nach Möglichkeit vermieden werden, das gilt vor allem für die Bewertung von Leistungen, insofern ist die Notenvergabe zu überdenken", lautet eine der konkreteren und provokanteren Ideen in der vorläufigen Fassung.

"Viel mehr darüber reden, wie sich Veränderungen durchsetzen lassen"

Dass normale Bürger Vorschläge zu gesellschaftlichen oder politischen Themen entwickeln, von der Politik sogar dazu aufgefordert werden, kommt in letzter Zeit öfters vor. Eine wichtige Rolle spielen hier die sogenannten Bürgerräte: Offiziell eingesetzte Gremien mit ausgelosten Teilnehmern, die sich über Themen wie Klima, Demokratie und Deutschlands Rolle in der Welt austauschen und Empfehlungen dazu erarbeiten.

Im Frühjahr hat sich der Bürgerrat Bildung und Lernen über die Situation in Schulen, aber auch in Kitas, der Ausbildung und an Universitäten beraten. Im September sollen seine Empfehlungen auf einem Bürgergipfel mit Verantwortlichen aus Bund, Ländern und Kommunen diskutiert werden. 2022 beginnt ein neuer Durchlauf, der ganze Prozess soll drei Jahre dauern. Die verantwortliche Projektleiterin Sabine Milowan von der Montag Stiftung Denkwerkstatt will den Bürgerrat Bildung und Lernen als "feste Größe in der Bildungslandschaft etablieren". Ist das realistisch?

"Natürlich ist es nicht verkehrt, sich Gedanken darüber zu machen, wie man das Bildungssystem verbessern könnte und was jeder Einzelne dazu beitragen kann", sagt der Bildungsforscher Marcel Helbig, der an der Universität Erfurt und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung tätig ist. "Aber um in der Breite etwas zu bewirken, müsste man viel mehr darüber reden, wie sich diese Veränderungen durchsetzen lassen."

Politikern ein Schriftstück mit Vorschlägen zu übergeben, hält er für wenig erfolgversprechend: "Ich sehe bei den Verantwortlichen momentan wenig Bereitschaft, sich beraten und von großen Veränderungen überzeugen zu lassen." Zumal es im Bildungsbereich nicht an Vorschlägen und ausgearbeiteten Konzepten mangele, sagt Axel Krommer von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Der Mediendidaktiker glaubt auch, dass vielmehr der Wille fehle, Reformen umzusetzen. Er bemüht sich selbst um Veränderung und hat vergangenes Jahr mit Gleichgesinnten das "Institut für zeitgemäße Prüfungskultur" gegründet.

Verschwinden die Vorschläge in der Schublade, entsteht noch mehr Frust

Wozu dann das Ganze? Warum werden aufwendige Gesprächsrunden organisiert oder durch eine Schirmherrschaft in ihrer Bedeutung bestätigt, wenn möglicherweise gar kein Interesse an dem Ergebnis besteht? Diese sogenannten deliberativen - das heißt dialogorientierten - Verfahren sollen dazu dienen, der "Repräsentations- und Vertrauenskrise der Politik" etwas entgegenzusetzen, sagt der Politikwissenschaftler Frank Decker von der Universität Bonn. Doch wenn Bürgerinnen und Bürger merkten, dass ihre Vorschläge anschließend in der Schublade verschwinden, entstehe zusätzlich Frust. Decker spricht deshalb auch von "rhetorischen Beschwörungsformeln" und "Alibiveranstaltungen".

Dass echte Teilhabe nicht das Ziel ist, macht Decker an den Themenfeldern fest, zu denen in letzter Zeit Bürgerräte eingesetzt wurden. Demokratie, Klima, Bildung - "da kommen Empfehlungen raus, die sind so vage und für alle wünschenswert, dass sie die Politik nicht um ein Jota ändern werden". Wo Bürgerräte wirklich sinnvoll seien, etwa bei der Frage nach der Absenkung des Wahlalters, zeigten die Parteien wiederum kein Interesse an Beratung. Decker betont, dass die Entscheidungsmacht bei deliberativen Verfahren - anders als bei Abstimmungen in einer direkten Demokratie - immer bei den gewählten Volksvertretern bleibe. "Es sollte aber schon eine gewisse Verpflichtung geben, einen Teil der Empfehlungen zu berücksichtigen."

Dass Politikerinnen wie Anja Karliczek und Dorothee Bär mit Verweis auf eine Veranstaltung wie den "Wir für Schule"-Hackathon den Anschein erwecken können, dass man sich um das Thema Digitalisierung an Schulen bemühe, sieht auch Axel Krommer als Problem. Er nennt es "Digiwashing" - in Anlehnung an die "Greenwashing" genannten Werbemaßnahmen von Unternehmen, die sich als umweltfreundlich darstellen möchten.

Der Hackathon ist für Krommer eine reine PR-Veranstaltung. "Wer das für den Versuch hält, die Schule von morgen neu zu denken, glaubt auch, dass bei DSDS ein Superstar gesucht wird", sagt er. Wie bei der RTL-Talentshow "Deutschland sucht den Superstar" gehe es vor allem um Aufmerksamkeit für die Veranstalter. Die Mitwirkenden seien - bei aller echter Begeisterung - nur Statisten.

Auf dem Bildungsmarkt ist gerade viel Geld zu holen

Bedenken weckt bei Beobachtern zudem, dass die Initiatoren des "Wir für Schule"-Hackathons im EduTech-Bereich tätig sind, also im weitesten Sinne mit digitalen Lernmaterialen Geld verdienen oder verdienten. Max Maendler hat vor fünf Jahren die Plattform Eduki gegründet, die bis vor Kurzem Lehrermarktplatz.de hieß. Lehrkräfte können hier selbst gestaltete Unterrichtsmaterialien verkaufen.

Verena Pausder ist Gründerin und ehemalige Geschäftsführerin des Unternehmens Fox&Sheep, das sehr erfolgreich Apps für Kinder entwickelt. Nach dessen Verkauf an den Spielwarenhersteller Haba baute sie für diesen die Haba-Digitalwerkstatt auf, wo Kindern und Jugendlichen durch Workshops digitale Kompetenzen vermittelt werden sollen.

Dass auf dem Bildungsmarkt gerade viel Geld zu holen ist, dass nicht nur besorgte Eltern in Nachhilfe und Technik für ihre Kinder investieren, sondern auch manches Ministerium nach fertig entwickelten Softwarelösungen Ausschau hält, ist kein Geheimnis. Zudem hat Bundesbildungsministerin Karliczek Anfang Mai angekündigt, zwei Milliarden Euro für ein Corona-"Aufholpaket" bereitzustellen. Das Geld soll explizit nicht nur an Schulen gehen. Es ist nicht erstaunlich, dass viele Bildungs-Start-ups hoffen, davon profitieren zu können.

Auf mögliche kommerzielle Interessen angesprochen betont Verena Pausder, dass Max Maendler und sie wie die meisten Mitwirkenden ehrenamtlich für die gemeinnützige GmbH "Wir für Schule" arbeiteten. Die etwa 100 000 Euro, die "Wir für Schule" bei Firmen wie SAP, Procter & Gamble und der Deutschen Bahn gesammelt hat - maximal 30 000 Euro pro Firma -, würden vor allem für technische Kosten wie Serverleistung und Webdesign verwendet. Viele Firmen unterstützten auch durch Leistungen oder einer Kombination aus Finanzmitteln und Leistungen.

Dass das deutsche Bildungssystem so ein träger Tanker ist, hat den Mediendidaktiker Axel Krommer schon oft geärgert. "Wenn man sich aber ansieht, wer momentan nach dem Ruder greift", sagt er, "dann muss man froh darüber sein, dass die alten Bremssysteme noch funktionieren."

© SZ/pamu
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