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Schulreformen:Das kann bleiben

Lauterbach kritisiert Vorschlag zu Schulöffnungen

Immer wieder wünschen sich Lehrerinnen und Lehrer kleinere Klassen. Der Unterricht würde immens davon profitieren, sagen sie. Durch die Erfahrung mit kleinen Lerngruppen in der Corona-Krise fühlen sie sich bestätigt.

(Foto: Philipp von Ditfurth/dpa)

Corona stellt die Schulen vor große Herausforderungen. Doch die Not der Pandemie rückt in den Klassenzimmern auch gute Ideen aus der Nische ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Eine Auswahl mit Aha-Effekt.

Von Paul Munzinger und Susanne Klein und

Die Coronakrise wirkt wie ein Brennglas, das hat man 2020 oft gelesen: Sie verschärft Missstände, die sowieso schon da waren. An den Schulen legte die Pandemie vor allem zwei Probleme offen: den Rückstand bei der Digitalisierung des Unterrichts - und das Ausmaß, wie stark der Lernerfolg eines Kindes von dessen Elternhaus abhängt. Doch neben diesen beiden riesigen und vielfach beschriebenen Herausforderungen für die Schulen fiel während der Krise ein wenig Rampenlicht auch auf kleinere, weniger offensichtliche Themen, die gleichwohl Beachtung verdienen - auch über die Krise hinaus. Einige haben wir hier versammelt.

Sitzt, passt auf und hat Luft

Über die Luft in deutschen Klassenzimmern ist jenseits mäßig origineller Metaphern ("Dicke Luft") wohl noch nie so intensiv debattiert worden wie in den letzten Monaten. Seit Beginn des laufenden Schuljahres ist das sperrangelweit geöffnete Fenster eines der wichtigsten Werkzeuge, um auch die Schulen so weit wie möglich offen zu halten. Die Faustregel: alle 20 Minuten für drei bis fünf Minuten und in jeder Pause. Doch je kälter es wurde, desto hitziger die Debatte: Lehrer beschwerten sich über die Kälte und beklagten, dass der Politik nichts Besseres einfalle, um ihre Gesundheit zu schützen - elektrische Luftfilter zum Beispiel. Andere wiesen darauf hin, dass ein Lüftungskonzept wenig bringt, wenn die Fenster sich nicht öffnen lassen.

Der Streit dürfte den Schulen mindestens bis März erhalten bleiben, wenn es draußen wieder wärmer wird. Beim Umweltbundesamt, das sich die 20-Minuten-Regel ausgedacht hat, hoffen sie, dass die Luft in den Schulen noch länger Thema sein wird, auch über das Ende der Corona-Pandemie hinaus. Denn in einem Klassenzimmer, wo in der Regel viele Menschen über Stunden eng beieinander sitzen, sind Coronaviren nicht die einzigen Teilchen, die unheilschwanger durch den Raum schweben können. Es gibt auch Feinstaub, Ausdünstungen, Schimmel und natürlich das Kohlendioxid, das die meist um die 30 Personen ausatmen, bis die Luft nicht nur im übertragenen Sinne dick ist.

Das raubtierkäfighafte Aroma ist nicht nur unangenehm und gesundheitsgefährdend. Es beeinträchtigt laut Umweltbundesamt auch die Aufmerksamkeit der Schüler, um die die Lehrer ja ohnehin oft zu kämpfen haben: Je konzentrierter das CO2, desto unkonzentrierter die Klasse. Die UBA-Experten fordern deshalb schon seit Vor-Corona-Zeiten, kräftig zu lüften und zumindest Schul-Neubauten mit Lüftungsanlagen auszustatten. Erhört werden sie bislang nicht immer. Vielleicht ändert das die Pandemie.

Und jetzt raus mit euch

Apropos frische Luft: Das konsequenteste Lüftungskonzept besteht darin, den Unterricht ins Freie zu verlegen. Die "Draußenschule", ursprünglich ein skandinavisches Konzept, hat deshalb viel Aufmerksamkeit bekommen im vergangenen Jahr. Und es wäre schade, wenn das Interesse mit Corona wieder verschwinden würde. Man muss ja nicht gleich den kompletten Unterricht ins Freie verlegen, wie es eine Schule in Brandenburg macht. Die 5g des Ulmer Anna-Essinger-Gymnasiums - die "Outdoor-Klasse" - lernt einmal die Woche draußen, immer donnerstags, bei jedem Wetter. Und, darauf legen die Verantwortlichen großen Wert, veranstaltet dort keinen Wandertag, sondern Unterricht. Nicht nur in Biologie, wie man es vielleicht erwarten würde, sondern auch in Deutsch oder Mathe, immer mit direktem Bezug zur Natur - zum Beispiel, indem die Kinder die Fließgeschwindigkeit eines Flusses berechnen. Begleitet wird das Projekt, das 2019 startete, von Wissenschaftlern der TU München. Ihre bisherigen Erkenntnisse zum Draußenunterricht: Die Kinder lernen nicht weniger, dafür bewegen sie sich mehr, sind motivierter und ausgeglichener - und weniger gestresst. Klingt nach einer Idee auch für post-pandemische Zeiten.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Für die Schülerinnen und Schüler des Ratsgymnasiums in Osnabrück sollte nach den Weihnachtsferien eine neue Zeitrechnung beginnen. Von Januar bis Ostern, das war der Plan, startet der Unterricht nicht um 7.45 Uhr wie sonst, sondern um 8.45 Uhr. Eine Stunde mehr Schlaf am Morgen! Das Ratsgymnasium ist eine von sechs Schulen in Osnabrück, die im neuen Jahr die Uhren umstellen wollte. Daraus wird jetzt erstmal nichts, auch in Osnabrück gibt es zur Zeit keinen Präsenzunterricht. Doch den Plan mit dem späteren Schulbeginn haben sie nicht aufgegeben, sondern nur verschoben - ins zweite Halbjahr. Die Idee bleibt ja aktuell: Wenn nicht alle Kinder zur gleichen Zeit antreten, fällt es leichter, Abstand zu halten - vor allem im Schulbus.

Corona verschafft manchen Schulen so praktische Erfahrungen mit einem Modell, das Schlafforscher schon lange fordern - wenngleich aus anderen Gründen: einem späteren Schulbeginn. In der Pubertät, so die Argumentation, verschiebe sich die innere Uhr nach hinten, weshalb 8 Uhr morgens gerade für Jugendliche eine Zumutung sei. Sebastian Bröcker, der Schulleiter des Ratsgymnasiums, kann das bestätigen. Doch Bröcker weiß jetzt aus eigener Erfahrung, dass es sehr viel leichter ist, einen späteren Schulbeginn zu fordern als umzusetzen. Eine Schule ist eben keine isolierte Insel, sondern eher wie ein Pendlerzug, der mit einer Verspätung gleich mehrere Kettenreaktionen auf einmal auslöst.

Wenn die Kinder später zur Schule müssen, stellt das zum Beispiel berufstätige Eltern vor Probleme; am Ratsgymnasium hatten sie deshalb zumindest für die Fünft- und Sechstklässler eine Frühbetreuung organisiert. Das aber wiederum war nur möglich, weil es gerade wegen Corona keinen Sportunterricht gibt, also Sportlehrer mit freier Zeit. Abstimmungsbedarf gibt es außerdem bei der Nutzung von Turnhalle und Schwimmbad, mit dem Gymnasium, mit dem man sich den Leistungskurs Musik teilt, mit den Busunternehmen der Stadt und, und, und. Zuerst, sagt Bröcker, lautete der Vorschlag, die Schüler in drei Gruppen einzuteilen, die dann jeweils zeitversetzt beginnen. Das konnten sie abwenden, viel zu kompliziert.

Die ganze Schule eine Stunde nach hinten, das geht, wenn auch "zähneknirschend". Und das ist auch Bröckers bisheriges Fazit in dieser Frage: Grundsätzlich könne er sich erwärmen für die Idee, die Schule später beginnen zu lassen. Aber nur, wenn das Ganze langfristig vorbereitet und bis ins Detail abgestimmt wird, mit allen, die es betrifft. Und das heißt auch: mit den Sportvereinen und Musikschulen, die am Nachmittag die Zeit der Kinder und Jugendlichen beanspruchen. Selbst wenn die Schule also später beginnt - nach 8.30 Uhr hält Bröcker für unrealistisch. Spätestens an Ostern weiß er mehr.

Ist weniger doch mehr?

Die Forderung, die Klassen zu verkleinern, um den Unterricht zu verbessern, ist in etwa so originell wie die Feststellung, dass manche Schüler nicht gerne Hausaufgaben machen. Dabei ist keinesfalls klar, ob die so logisch wirkende Gleichung tatsächlich aufgeht. Seit John Hatties Mammutstudie (Auf den Lehrer kommt es an!) und den Pisa-Tests gilt die Verringerung der Klassengröße als eine jener Strukturmaßnahmen, die wenig bringen, aber viel kosten. Guter Unterricht, so die Botschaft, ist auch vor 30 Schülern gut, schlechter Unterricht wird auch nicht besser, wenn weniger Kinder ihm folgen müssen. Andere Untersuchungen haben dagegen einen positiven Effekt kleinerer Klassen gefunden.

Die Coronakrise hat Schulen nun auch in dieser Frage zu einem Feldversuch genötigt: Unterricht in halben, manchmal sogar gedrittelten Klassen, um Abstand halten zu können. Und, um es vorsichtig zu formulieren: Der real existierende Wechselunterricht hat viele Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Wunsch nach kleineren Gruppen bestärkt. Von effektiverem Unterricht war zu hören, von stillen Schülern, die plötzlich zu Wort kommen, von Lehrern, die mehr Zeit für jedes Kind haben. "Bin begeistert. Es herrscht Ruhe, wir haben Platz, ich kann Unterricht halten, wie ich es gelernt habe" - so fasste es die Lehrerin Katharina Fleer in ihrem Tagebuch in der SZ zusammen.

Frage entschieden also: Weniger ist doch mehr? Das nicht. Aber Grund genug, sich das Thema noch mal genau anzuschauen. An praktischen Erfahrungen mangelt es jedenfalls nicht mehr.

Stoff zum Abspecken

"Warum fokussiert man sich nicht nur auf die Hauptfächer, wenn es zu wenig Lehrer gibt?", fragte die 13-jährige Lara kürzlich in einer E-Mail an die SZ. Nein, die Siebtklässlerin will keine grundsätzliche Lehrplanrevolution anzetteln, sie meint den Unterricht in der Corona-Krise. Die Schülerin wünscht sich - wie viele Lehrkräfte übrigens auch - wenigstens für die sogenannten harten Fächer eine funktionierende Schule.

In normalen Zeiten würde niemand auf Religion, Kunst, Musik oder Sport in der Schule verzichten wollen. Im Gegenteil, etliche Erziehungswissenschaftler warnen vor einer Überbetonung von wirtschaftlich verwertbaren Fächer wie Mathematik und Naturwissenschaften. Trotzdem steckt in der Frage der Schülerin eine Forderung, die Experten bereits lange vor der Pandemie erhoben haben und nun wieder erneuern: mehr Mut zur Lücke. Für "eine umfassende Entrümpelung der Lehrpläne", setzt sich etwa der Bildungsforscher Klaus Zierer ein. Nicht auf Kosten der weichen Fächer und auch nicht, um die Schule leichter zu machen. Sondern um die Bildung sinnvoller auf Kompetenzen auszurichten, die künftige Erwachsene brauchen werden.

Doch wer im Unterricht Neues schaffen will, benötigt Platz dafür. Und den geben die Lehrpläne nicht her. Ihr Umfang hat in den letzten einhundert Jahren beständig zugenommen. Zwar sind pädagogische Ziele wie Demokratieerziehung, Gewaltprävention oder Gesundheitsförderung in vielen Lehrplänen schon integriert. Die Zeit, auf diese Ziele hinzuarbeiten, fehlt vielen Lehrkräften aber. "Die Lehrpläne in Deutschland sind im internationalen Vergleich besonders breit ausgelegt", sagt Kati Ahl, Beraterin für Schulentwicklung. "Es wird zu viel in die Kinder reingestopft, und es werden zu wenig Zusammenhänge erklärt", kritisiert die ehemalige Grundschulleiterin. Deshalb gehe der Stoff zu selten in die Tiefe, und Lehrkräfte hätten nicht genug Zeit, um Teams zu bilden und die Stoffvermittlung in mehreren Fächern miteinander zu verknüpfen.

Das sieht Klaus Zierer ebenso. Es gelte, die Stofffülle "drastisch zu reduzieren", fordert der Erziehungswissenschaftler. Um den Unterricht an Schlüsselproblemen der Gegenwart - beispielsweise der sozialen Gerechtigkeit oder der ökologischen Nachhaltigkeit - ausrichten zu können, müsse man das Bestreben aufgeben, Fächer umfassend behandeln zu wollen. Denn was bei diesem Bestreben herauskomme, sei weder flexibel genug, etwa für eine Unterrichtsgestaltung entlang konkreter Projekte, noch sei es zeitgemäß oder gar zukunftsorientiert.

Die Lehrpläne, die in den Schulen heute das Lernen und Denken bestimmen, bereiteten Schüler darauf vor, was gestern wichtig war, kritisiert Zierer. Sie würden weder ausreichend auf das aktuelle Wissen noch auf das Wissen von morgen vorbereiten, nicht auf die zunehmende Verknüpfung von Disziplinen, auf kreative Denkweisen und auf den nötigen Respekt für Mitmenschen und Umwelt.

Und das betrifft keineswegs nur harte Fächer. In einer Online-Umfrage des Deutschen Schulportals zu der Frage, ob Lehrpläne wegen Corona schrumpfen sollten, schreibt ein Lehrer, der Plan für sein Fach Pädagogik/Psychologie sei total überfüllt, ihm fehle jede Freiheit Themen zu vertiefen: "Insofern wäre eine Reduktion auch ohne Corona eine sehr sinnvolle Maßnahme, denn Lernen gelingt da, wo Lehrer und Schüler ihre Interessen vertiefen können." Kati Ahl hält die Zeit für ideal, " genau jetzt über eine neue Lernkultur nachzudenken". Durch Corona "herrsche eine produktive Verunsicherung", so die Schulberaterin. "Die muss man nutzen."

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