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Erfolg bei Europawahl:Das junge Deutschland wählt grün

(Foto: SZ-Grafik/dpa)

Um die 30 Prozent der Unter-30-Jährigen haben den Grünen ihre Stimme gegeben. Ob Rezo-Effekt oder nicht: Die Jugend hat sich politisiert - und die politische Landkarte könnte sich dauerhaft verändern.

Natürlich muss man vorsichtig bleiben. Wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale lässt sich nicht eindeutig sagen, wie groß die Wirkung des Youtubers Rezo mit seinem Anti-CDU-Video in der Woche vor der Wahl wirklich gewesen ist. Und man kann auch nicht endgültig klären, wie viel Einfluss die "Fridays for Future"-Demonstrationen auf die Wähler hatten. Trotzdem drängt sich am Wahlabend der Eindruck auf, dass beide Initiativen bei jüngeren Wählerinnen und Wählern etwas bewirkt haben. Und das könnte die politische Landschaft für alle Parteien dauerhaft verändern.

So zeigen erste Auswertungen von ARD und ZDF, dass insbesondere die Wähler zwischen 18 und 29 Jahren bei dieser Wahl eine klare Präferenz für die Klimapolitik und damit für die Grünen hatten. Selten hat sich das in einer Wahl derart krass gezeigt wie diesmal. Selten auch hat es in den Wochen davor große Initiativen gegeben, die - von jungen Menschen angestoßen - derart unmissverständlich das eine Thema nach vorne gebracht haben.

Die Folge: Union und SPD erreichen bei den jüngsten Wahlberechtigten gerade mal gut zehn Prozent der Wähler. Die Grünen kommen auf etwa dreimal so viele junge Wähler wie die alten, großen Volksparteien.

Noch bei der Bundestagswahl ist das anders gewesen. Damals lag die Union bei den Jüngsten vorne, hatte dort 25 Prozent; die Grünen rangierten mit 12 Prozent deutlich dahinter.

Das kann natürlich eine Ausnahme bleiben; derzeit aber kann das niemand sicher sagen. Das bedeutet aber auch: Es kann einen Trend anzeigen, der das Leben für Union und SPD gravierend erschweren dürfte.

Nun könnten die großen Parteien auf die Jugend verweisen und ansonsten die stärksten bleiben. Aber auch das ist bei dieser Wahl nicht der Fall. Selbst in der Altersgruppe zwischen 29 und 59 bleiben die Grünen genauso stark wie die Union. Das bedeutet: Selbst unter denen, die mitten im Leben stehen, gibt es keine Trennung mehr zwischen den klassischen Volksparteien und ihren grünen Wettbewerbern. Es könnte sogar sein, dass am Ende die Grünen bei den bis 60-Jährigen die stärkste Kraft im Land sind. Nur bei den ganz alten liegt die Union vorne.

Kaum etwas macht deutlicher, wie sehr die Wahl einen neuen Trend vorgibt, der die Verhältnisse nachhaltiger verändern könnte. Für Union und SPD schafft das eine neue Lage: es zwingt sie stärker als bisher in einen Spagat, der sie spalten könnte. In der aktuellen Koalition haben sie bislang vergleichsweise viel für die ältere Generation beschlossen und vergleichsweise zögerlich beim Klimaschutz gehandelt. Und das in der Überzeugung, dass die Mehrheit der Gesellschaft vor allem Sorge vor Armut und Unsicherheit umtreibt, sei es im Umgang mit der Migration; sei es bei der Frage, wie viel sie im Alter finanziell zur Verfügung haben.

Mutig den Umweltschutz zu einer wichtigen Priorität erheben?

Plötzlich aber ist nicht mehr nur für eine kleine Gruppe des Landes das Klima ganz oben auf der Liste der zu lösenden Probleme. Es ist bei dieser Wahl das Thema Nummer eins geworden. Kein Wunder, dass die gebeutelte SPD-Vorsitzende Andrea Nahles noch am Wahlabend erklärt hat, die SPD und die Grünen trenne in der Klimapolitik nicht das Ziel, sondern nur die Frage, wie man es erreichen könne.

Schwer freilich dürfte es trotzdem werden, auf diese neue Herausforderung Antworten zu finden. Die Union ist nach wie vor zerrissen bei der Frage, was nun die richtige Antwort und der angemessene Kurs sein könnte. Und die SPD hängt so tief drin zwischen sehr unterschiedlichen Problemen, dass sie kaum in der Lage sein dürfte, plötzlich mutig den Umweltschutz zu einer wichtigen Priorität zu erheben.

Eines aber ist damit immerhin nicht eingetreten: dass die jungen Menschen erst nach der Wahl ihre Stimme erheben. Exakt das war bei der Brexit-Abstimmung in Großbritannien geschehen. Damals galten die Jungen zwischen 20 und 40 als die stärksten Verfechter eines Verbleibs in der Gemeinschaft. Am Tag nach der Volksabstimmung aber zeigte sich, dass ausgerechnet aus dieser Gruppe viele ihre Stimme gar nicht abgegeben hatten. Nicht ausgeschlossen, dass sich diejenigen, die an diesem Sonntag Grün gewählt haben, daran erinnert haben.

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