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Gleichberechtigung:"Frauen müssen Frauen repräsentieren"

Jesse Jeng

Jesse Jeng, 32, ist Ratsherr in Hannover und CDU-Vorsitzender im Stadtteil Südstadt-Bult.

(Foto: PR)

Vier Männer als Kandidaten der CDU für Hannovers vier Wahlkreise: Da verzichtete Jesse Jeng lieber. Ein Gespräch mit dem Politiker über seine Gründe - und die Familienfeindlichkeit des Politikbetriebs.

Interview von Peter Burghardt

Der CDU-Stadtrat Jesse Jeng aus Hannover hätte 2021 für den Bundestag kandidieren können. Es geht um das Direktmandat im Wahlkreis 42, für das bis zu ihrem Wechsel nach Brüssel Ursula von der Leyen die Kandidatin der Christdemokraten war; sie zog aber stets über die Landesliste in den Bundestag ein. Doch Jeng, 32 Jahre alt, tritt nicht an: Er will nicht, dass in den vier Wahlkreisen der Region Hannover vier Männer für die Union antreten. Er lässt einer Frau den Vortritt.

SZ: Wie kamen Sie dazu, zugunsten einer Frau zu verzichten?

Jesse Jeng: Ich habe mir ganz am Ende die Frage gestellt: Kann ich so viel leisten im Bundestag, dass ich das ausgleiche, dass in der Region Hannover vier Männer für den Bundestag kandidieren und keine Frau? Kann ich das ausgleichen, ohne ein katastrophales Zeichen zu setzen?

Und Sie entschieden sich dafür, dass es eine Frau versuchen soll?

Meine Tochter ist ein Jahr alt. Ich habe immer ihr Bestes im Blick, aber ich weiß, es werden Punkte kommen, da werde ich sie nicht verstehen. Da brauchst du eine Frau. Am Ende des Tages müssen Frauen Frauen repräsentieren. Auch wenn ich keinem Mann unterstelle, nicht das Beste im Blick zu haben. Das ist einfach die Wahrheit, meine Wahrheit. Da bin ich zu dem Schluss gekommen: Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, dann können wir überall Quote draufschreiben. Dann können wir überall Sonntagsreden halten. Am Ende des Tages muss jemand verzichten.

Interview am Morgen

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Selbstverständlich war die Entscheidung also nicht?

Im Gegenteil. Ich mache in der Kommunalpolitik in Hannover sehr viel und bin relativ bekannt. Ich habe persönlich viel dafür geopfert. Sie wissen ja, was das bedeutet, in der Politik die Ochsentour zu machen. Und der Verzicht ist hart, es war ein Gewissenskonflikt. Ich habe mit mir gekämpft.

Hätten Sie denn eine Chance gehabt? Es geht immerhin um den vormaligen Wahlkreis von Ursula von der Leyen.

Ich wurde ja gefragt, ob ich antreten möchte. Daraus können Sie schließen, dass ich eine gewisse Unterstützung habe. Frau von der Leyen kommt ja aus dem Wahlkreis und war meine Mentorin in einem Talentförderprogramm der CDU. Sie hat mich anderthalb Jahre begleitet, im Anschluss habe ich ihren Wahlkampf geleitet. Als sie sich zurückgezogen hatte, haben mich die ersten Mitglieder angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, die Nachfolge anzutreten. Da ist bei mir der Gedanke gereift, dass ich das gerne machen würde.

Hat der Gedanke, nun doch lieber einer Kandidatin den Vortritt zu lassen, auch mit Frau von der Leyen zu tun?

Wir hatten mal ein Gespräch zur Frauenquote, es ging damals um die Aufsichtsräte. Sie hat auf ihre eigene Erfahrung verwiesen und gesagt, dass es auch sozialwissenschaftlich ein Problem sei, dass Pinguine immer Pinguine einstellen beziehungsweise man sich immer Leute sucht, die so ähnlich ticken und sind wie man selbst, vom gleichen Geschlecht. Frau von der Leyen hat mich natürlich beeinflusst. Aber ich habe das wirklich alleine entschieden.

Jetzt wollen sich nur Frauen um diese Kandidatur bewerben - aber weiterhin nur Männer um den CDU-Parteivorsitz. Ist die Union insgesamt zu männerlastig?

Vielleicht setzen wir die falschen Anreize, sodass viele Frauen schon auf unterster Ebene gar nicht erst den Weg antreten. Ich sage nur: Parteisitzungen um 19 oder 20 Uhr bis tief in die Puppen in irgendwelchen Eckkneipen. Bis um ein Uhr morgens, das kann ich als junger Vater auch nicht mehr. Was die Parteispitze betrifft: Natürlich ist das ein ganz heftiger Ritt, eine Belastung für die Familie, für die Psyche. Viele wollen das gar nicht.

Sonderlich familienfreundlich ist Politik allgemein nicht. Ihr Eindruck?

Das ist eine Vollkatastrophe, wenn ich das ganz offen sagen darf. Wir hoffen, dass sich ein Großteil der Menschen in der Demokratie einsetzt. Man muss auch selber den Arsch hochkriegen, aber: Die Parteien müssen sich wirklich Gedanken machen, eben auch in der Frage der Familienfreundlichkeit. Es kann ja nicht sein, dass man sich zwischen dem Engagement für Gesellschaft und Politik und Job und Familienleben entscheiden muss. Das ist aber jetzt so, machen wir uns nichts vor.

Ihr Entschluss, Frauen nicht in die Quere kommen zu wollen, scheint jedenfalls für Aufsehen zu sorgen. Überrascht?

Ich freue mich ein bisschen, weil es vielleicht eine Diskussion anstößt. Und zwar eine Diskussion über Verzicht, nicht über Quoten. Quote ist in Ordnung, aber es muss einfach selbstverständlich werden, dass Männer und Frauen antreten und im Zweifel auch Männer zurückziehen, wenn sie erkennen, dass das gut ist für die CDU. Mir haben auch Leute geschrieben: Jesse, was soll das, revidier deine Entscheidung. Ich habe auch Leute enttäuscht, aber das ist eine Entscheidung aus Prinzipien.

Die Prinzipien sind Ihnen wichtiger als die große Chance Bundestag?

Ich weiß nicht, ob die Chance noch mal kommt. Keine Ahnung. Aber ich habe einen fantastischen Job, bei dem ich die Welt auch besser machen kann. Ich bin Chief Investment Officer bei einem Start-up für Kinderschutz im Netz. Und ich werde sicherlich mit ein bisschen Wehmut nach Berlin gucken, wo dann hoffentlich die Nachfolgerin ist, die sich in unserem Wahlkreis durchgesetzt hat.

© SZ vom 08.09.2020/cat
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