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Polizeigewalt in den USA:"Ich habe gerade auf ihn geschossen"

Noch während in Minneapolis der Floyd-Prozess läuft, wird 15 Kilometer vom Gerichtssaal entfernt ein Afroamerikaner bei einer Polizeikontrolle getötet. War es nur ein Unfall? Der Fall löst neue Proteste aus.

Von Christian Zaschke, New York

Der elfte Tag des Prozesses gegen Derek Chauvin war ein Tag der Gegensätze. Ein Tag der Emotionen und der nüchternen Bestandsaufnahme. Der weiße Polizist Chauvin hatte im Mai 2020 bei einer Festnahme rund neun Minuten lang auf dem Hals des Schwarzen George Floyd gekniet. Nach diesen neun Minuten war Floyd tot. Danach war es im ganzen Land zu teils gewaltsamen Protesten gegen Polizeibrutalität gekommen. Derzeit muss sich Chauvin in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota wegen Mordes vor Gericht verantworten.

An diesem Montag sprach zunächst Philonise Floyd im Gerichtssaal, der jüngere Bruder von George. Er erzählte von den engen Familienbanden, vom gemeinsamen Aufwachsen, und davon, dass George Floyd ein derart miserabler Koch gewesen sei, dass er nicht einmal Wasser habe kochen können. Dennoch habe er die besten Bananen-Mayonnaise-Sandwiches zubereitet. Als er das sagte, musste er selber lächeln.

Im Verlauf seiner Aussage verdüsterte sich Floyds Stimmung, und als er länger von der intensiven Beziehung zu seinem Bruder sprach, begann er zu weinen. Er erzählte, dass George Floyd, der 46 Jahre alt wurde, ein guter Footballer und Basketballer gewesen sei, dass er im Sport immer der Beste sein wollte und dass er seine 2018 verstorbene Mutter über alles geliebt habe. Es war zu erwarten, dass Philonise Floyd nichts Schlechtes über seinen sieben Jahre älteren Bruder sagen würde, aber die Art und Weise, wie er über ihn sprach, war nach Angaben von Prozessbeobachtern im Gerichtssaal überaus bewegend.

Im Gegensatz dazu stand die nüchterne Aussage des Kardiologen Jonathan Rich. Dieser erklärte, dass er nach dem Studium aller Unterlagen, Berichte und Daten aus medizinischer Sicht ausschließen könne, dass Floyd wegen Drogenmissbrauchs oder wegen eines Herzfehlers oder -infarkts gestorben sei. Floyd habe ein starkes Herz gehabt. Sein Tod sei einzig und allein auf Sauerstoffmangel zurückzuführen, und dieser sei dadurch ausgelöst worden, dass der angeklagte Polizist so lange auf Floyds Hals gekniet habe.

Die Verteidigung hatte bisher argumentiert, dass es zumindest nicht auszuschließen sei, dass Floyds Tod auch andere Ursachen hatte. Rich sagte: "Ich bin der Ansicht, dass George Floyds Tod absolut zu verhindern war." Da Rich nicht der erste Mediziner ist, der diese Ansicht vertritt, gehen der Verteidigung allmählich die Argumente aus. Vielleicht ist es auch diesem Umstand geschuldet, dass Chauvins Anwalt Eric Nelson sich derzeit auf Verfahrensfragen kapriziert.

Ein neuer Vorfall - nur 15 Kilometer entfernt

Am Montag forderte er zum Beispiel, dass die Jury von der Öffentlichkeit isoliert werden und keinen weiteren Zugang zu aktuellen Nachrichten haben solle. Seine Begründung: Am Sonntag hatte eine Polizistin in einem Vorort von Minneapolis den 20 Jahre alten Schwarzen Daunte Wright erschossen. Der Vorfall ereignete sich lediglich rund 15 Kilometer von dem Gericht entfernt, in dem über den Tod von George Floyd verhandelt wird.

Nachdem am späteren Sonntag bekannt wurde, dass Wright durch eine Polizeikugel ums Leben gekommen war, kam es zu Protesten, Randalen und vereinzelten Plünderungen. Einige Hundert Menschen haben sich an den Demonstrationen beteiligt. Anwalt Nelson argumentierte, die Jury werde von diesen Vorgängen beeinflusst. Peter Cahill, der dem Prozess vorstehende Richter, wies diesen Einwand zurück und beschied, dass das Verfahren wie geplant weiterlaufen werde.

Daunte Wright war in seinem Auto von einer Streife angehalten worden, weil die Registrierung des Wagens abgelaufen war. Bei der Überprüfung seiner Personalien habe sich herausgestellt, dass ein Haftbefehl gegen ihn vorlag, weil er in der Vergangenheit ohne Berechtigung eine Waffe getragen habe und zum deshalb fälligen Gerichtstermin nicht erschienen sei. Nachdem die Polizisten dies festgestellt hatten, stieg Wright, wie auf einem mit einer Bodycamera aufgenommenen Video einer beteiligten Polizistin zu sehen ist, wieder in seinen Wagen. Es kam zu einem kurzen Handgemenge.

Die Polizistin zog eine Waffe und rief mehrmals "Taser, Taser". Dann drückte sie ab, wie auf dem Video zu sehen ist. Es handelte sich jedoch nicht um eine Taser Gun, eine Elektroschockpistole, sondern um eine scharfe Waffe. Zu hören ist, wie die Polizistin einen ungläubigen Fluch ausstößt und sagt: "Ich habe gerade auf ihn geschossen."

Präsident Biden ruft zur Ruhe auf

Der örtliche Polizeichef Tim Gannon sagte am Montag, dass die Polizistin offenbar irrtümlich geglaubt habe, eine Elektroschockpistole auf Daunte Wright gerichtet zu haben, und ihn mit einem einzigen Schuss tötete. Am Dienstag veröffentlichten die Behörden Details zur Schützin. Demnach handelt es sich um eine 48 Jahre alte Beamtin, die seit 26 Jahren bei der Polizei arbeitet. Wie eine derart erfahrene Polizistin ihre Dienstwaffe mit einer Taser Gun verwechseln konnte, gilt als rätselhaft. Die Beamtin sei einstweilen vom Dienst suspendiert worden, teilte Polizeichef Gannon mit.

Der Fall sorgt landesweit für Aufsehen, selbst US-Präsident Joe Biden äußerte sich. Er sagte: "War es ein Unfall? War es Absicht? Das muss in einer umfassenden Untersuchung festgestellt werden." Der Präsident rief zur Ruhe auf. "Friedlicher Protest ist verständlich", sagte er. Für Gewalt gebe es aber "absolut keine Rechtfertigung".

Jacob Frey, der Bürgermeister von Minneapolis, verhängte nach den Ausschreitungen vom Sonntag den Notstand in der Stadt. Für die Nacht von Montag auf Dienstag verordnete er eine Ausgangssperre von sieben Uhr abends bis um sechs Uhr am folgenden Morgen, dennoch kam es erneut zu Protesten. Mindestens 40 Personen wurden festgenommen.

© SZ/aner
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