Nahost-Konflikt:Die fast vergessenen Geiseln aus Gaza

Lesezeit: 3 min

Bewaffnete Mitglieder der Hamas in Rafah, Gaza. Die Organisation will palästinensische Häftlinge freipressen.

Bewaffnete Mitglieder der Hamas in Rafah, Gaza. Die Organisation will palästinensische Häftlinge freipressen.

(Foto: Said Khatib/AFP)

Mit dem Video eines jungen Mannes im Krankenbett lenkt die Hamas den Blick auf zwei Israelis, die seit Jahren im Gazastreifen gefangen gehalten werden. Israels Regierung soll so für Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch unter Druck gesetzt werden.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Einen jungen Mann sieht man, gebettet auf ein schäbiges Lager. Der Kopf ruht auf einem geblümten Kissen, der Körper ist eingehüllt in eine Wolldecke, über Mund und Nase spannt sich eine Sauerstoffmaske. So liegt Hischam al-Sajed irgendwo im Gazastreifen, als israelische Geisel in den Händen der Hamas. Die Geiselnehmer haben diese Videoaufnahmen nun veröffentlicht, verbunden mit einer knappen Erklärung, in der eine Drohung mitschwingt: Al-Sajed sei schwer erkrankt - wenn er überleben soll, müsse Israel schnell handeln.

39 Sekunden ist dieses Video lang, doch dahinter steckt ein jahrelanges Drama, das persönliche Leidensgeschichte und politischer Psychokrimi zugleich ist. Hischam al-Sajed wird von der Hamas festgehalten, seitdem er 2015 freiwillig über den Zaun in die von Israel abgeriegelte palästinensische Küstenenklave geklettert war. Auf dem gleichen Weg war im Jahr zuvor bereits ein anderer Israeli nach Gaza und in Gefangenschaft geraten: der aus Aschkelon stammende Avera Mengistu. Beide sollen psychische Probleme haben, doch für die Hamas sind diese Geiseln mehr wert als Gold. Denn frei-kommen sollen sie nur im Tauschgeschäft gegen palästinensische Häftlinge in israelischen Gefängnissen.

Vom Schicksal dieser Geiseln war in Israel kaum etwas zu hören

Für Israel wiederholt sich damit eine traumatische Geschichte - die des jungen Soldaten Gilad Schalit, der 2006 bei einem palästinensischen Überfall im Grenzgebiet in Geiselhaft geraten war. Erst fünfeinhalb Jahre später war er im Zuge eines Gefangenenaustauschs freigekommen. Einen Unterschied allerdings gibt es zu damals: Schalits Schicksal hatte über all die Jahre das ganze Land aufgewühlt. Er war der verlorene Sohn einer ganzen Nation, dessen Martyrium mit Protestzügen und Protestzelten im öffentlichen Bewusstsein gehalten wurde. Von Al-Sajed und Mengistu dagegen hat man kaum etwas gehört in den zurückliegenden Jahren.

Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die beiden nicht wie Schalit beim Dienst fürs Vaterland in Geiselhaft geraten waren, sondern sich offenbar als Folge ihrer Krankheit selbst in Gefahr begeben hatten. Doch noch aus einem anderen Grund eignet sich ihr Fall weit weniger zur kollektiven Identifikation: Al-Sajed ist ein arabischer Beduine aus der Negev-Wüste, Mengistus Familie war aus Äthiopien nach Israel eingewandert. Beide stammen also aus gesellschaftlichen Randgruppen.

Für die Hamas zählt allein, dass die beiden einen israelischen Pass besitzen, und in öffentlichen Verlautbarungen aus Gaza werden sie stets fälschlich als "gefangene Soldaten" bezeichnet. In Verhandlungen, die zumeist von ägyptischen Vermittlern geführt werden, ist ihre Freilassung verknüpft worden mit dem Schicksal zweier israelischer Soldaten. Hadar Goldin und Oren Schaul sind im Gaza-Krieg 2014 gefallen, ihre Leichname befinden sich ebenfalls in den Händen der Hamas. Zwei Tote und zwei lebende Israelis - für die Herrscher aus Gaza ist das ein Faustpfand für druckvolle Forderungen.

Spätestens seit dem Schalit-Deal sind die Verantwortlichen in Israel jedoch äußerst zurückhaltend geworden in Sachen Gefangenenaustausch. Als der junge Soldat 2011 nach Israel zurückkehrte, zogen 1027 freigelassene palästinensische Häftlinge im Triumphzug in den Gazastreifen ein. Massenhochzeiten wurden für die heimgekehrten Helden organisiert, die Hamas feierte einen gewaltigen Sieg, und Israel musste erleben, dass sich viele der Freigelassenen gleich wieder in den Kampf stürzten. Auch Yahya Sinwar, der heute die Hamas in Gaza anführt, zählt dazu.

Mit dem nun veröffentlichten Video will die Hamas offenkundig neuen Druck erzeugen bei Verhandlungen über einen Austausch. Um die Authentizität der Aufnahmen zu beweisen, wird in dem kurzen Clip auch der israelische Ausweis von Al-Sajed gezeigt. Zudem läuft im Hintergrund im Fernsehen ein Bericht von Al Jazeera zu einem Ereignis aus der vergangenen Woche. Ob die gezeigte Geisel allerdings wirklich schwer erkrankt ist oder nur so präsentiert wird, lässt sich kaum klären.

Israels Regierung reagierte auf das Video mit Empörung. Premierminister Naftali Bennett nannte die Veröffentlichung "abscheulich und schändlich". Außenminister Jair Lapid, der nach dem Scheitern der Koalition nun das Premiersamt übernehmen soll, rief die internationale Gemeinschaft auf, die Hamas für ihr "inhumanes Verhalten" zu verurteilen.

Mit gemischten Gefühlen reagierte der Vater von Hischam al-Sajed auf die Bilder. "Es ist das erste Mal seit sieben Jahren, dass ich ihn sehe", sagte Schaban al-Sajed. "Für mich sieht er gesund aus." An die Hamas richtete er einen eindringlichen Appell: "Lasst ihn sofort frei. Er hat nichts zu tun mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt."

Zur SZ-Startseite

SZ PlusNahost
:Den Trümmern und den Traumata zum Trotz

Suzy ist acht Jahre alt und hat ihre Mutter, zwei Schwestern und zwei Brüder verloren. Wie die Menschen im Gazastreifen sich nach jedem Krieg aufs Neue aufrappeln - und dabei doch nur auf den nächsten Bombenhagel warten.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB