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Fridays for Future:Hier kommt die Generation ziviler Ungehorsam

Ein Polizist in Lausanne in der Schweiz sieht sich Demonstranten der Bewegung Extinction Rebellion gegenüber.

(Foto: AFP)

Rebellion bedeutet heute, die Welt ernst zu nehmen. Die Jugend um Greta Thunberg, Rezo und Billie Eilish will die Älteren aus dem Demokratie-Koma erwecken.

Die Jugend will plötzlich vernünftig sein. Eine merkwürdige Zeit. Und eine erstaunliche Generation, die sich gerade den Weg in die Öffentlichkeit bahnt. Eine Generation, die der meinen ihre Schwächen vorhält. Eine Generation, die mit einer bemerkenswerten Kombination aus Verletzlichkeit und Eigensinn mitmischen will. Sie baut auf Kultfiguren, die etwas wollen. Punk und Rock 'n' Roll werden abgelöst durch Demokratie und Mitbestimmung. Wer cool sein will, muss plötzlich denken können und nicht nur Lederjacke tragen. Er oder sie muss eine Mission haben.

Billie Eilish, zum Beispiel. Der nächste große Popstar. Siebzehn Jahre alt. Auch bei ihr diese Kombination aus künstlerischer awkwardness und einem - für meine Generation - fast spießig anmutenden Verantwortungsgefühl für ihre Lebenswelt. Sie ist der erste weibliche Musikstar seit Langem, der eine Weltkarriere vor sich hat, ohne romantisch unter dem Lidstrich heraufzublinzeln oder sich lasziv auf dem Boden zu rekeln. In einem gerade viral gehenden Video sitzt sie neben dem Schauspieler Woody Harrelson, bekannt etwa aus dem Film "Weiße Jungs bringen's nicht", der Anfang der Neunziger mit Klischees über Weiße und Schwarze spielte. Inzwischen ist Woody ein alter weißer Mann, und er schlägt mit Billie Eilish eine Generationenbrücke für die Rettung des Planeten. Wer fehlt in diesem Pakt? Jemand aus meiner Generation.

Knapp neunzig Sekunden informieren die beiden über die Bedrohungen durch den Klimawandel. Sie werden mit diesem Video mehr Menschen erreichen als die 100 profiliertesten Klimaforscher weltweit zusammen. Harrelson beschwört die Macht der Bürgerbewegungen: "Die Geschichte lehrt uns: Wenn genug Menschen sich erheben, ändern sich Menschen. Die an der Macht haben keine andere Wahl, als zu handeln."

Soft Power, made in USA. Mit dem Amtsantritt Donald Trumps trat die Idee der Soft Power in den Hintergrund: Einst wollten die USA den demokratischen Kompass bieten für die westliche Welt, obwohl sie diesem Kompass selbst nicht immer folgten. Doch demokratische Werte wurden stets beschworen - und so die nächste Generation Demokraten herangezogen. Diese wirken heute umso stärker, weil um die Demokratie zu kämpfen plötzlich Rebellion bedeutet. Die krassen Missstände derzeit werden zum Katalysator für eine Jugend, die die Abstumpfung verweigert. Rebellion ist eben nicht mehr James Dean mit Außenseiterzigarette. Nicht mehr Sex and Drugs and Rock 'n' Roll. Rebellion ist, die Welt ernst zu nehmen.

Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs entwickelte der Westen seine Anziehungskraft auch aus dem Lebensstil, den Rockkonzerte und Festivals versprachen. Die Wilden des Westens waren der zivilgesellschaftliche Treibstoff für die Sehnsucht nach Freiheit im Osten. Heute vermischt sich in der Rebellion das maximale Ernstnehmen der eigenen Bürgerpflichten mit einem Moment der Popkultur. Inspiration bekam die Jugend auch durch Barack Obama. Mit ihm und seinem Wahlkampf zog das popkulturelle Element in die Politik ein. "Yes, we can!" findet nun seinen würdigen Nachfolger in Greta Thunbergs "How dare you!" Denn hinter "How dare you" steckt vor allem: Wir können etwas! Und wir können euch etwas! Seien es "Fridays for Future", "Extinction Rebellion" oder Stars wie Billie Eilish: Ziviler Ungehorsam gegen Regierungen, die weiterhin auf Ignoranz setzen, gehört zur Popkultur der Gegenwart. Das ist die Strahlkraft des Westens.

Der Gewaltakt, das war die Gleichgültigkeit der letzten Jahrzehnte

Der Umgang mit diesem Protest wird zur Visitenkarte der Demokratie: Während in China Protestierende vor den Augen der Welt brutal niedergeschlagen werden, hält im Westen die Gründerin von "Fridays for Future" ihre Wutrede vor den Vereinten Nationen. Ihr Zorn ist Ausdruck der Vernunft dieser Jugend, nicht ihrer Unvernunft. Einer Vernunft, die von Mächtigen mehr erwartet als ritualisierte Symbolpolitik. Gefühle nicht zu unterdrücken, die eine angemessene Reaktion auf Unrecht sind, ist Vernunft.

Die Protestbewegungen sind nicht nur deshalb so bedeutend, weil wir uns in einem Wettlauf gegen die Emissionen befinden. Sie sind es, weil die Jugend nicht die Flucht ergreift vor der Erwachsenenwelt, sondern sich gezwungen sieht, einzugreifen. Das Ende der künstlichen Trennung zwischen den Generationen: Es reicht nicht mehr, ein Festivalgelände abzuriegeln und in Woodstock mal wild ohne die Alten zu feiern. Man will nicht raus, sondern mittenrein. Statt diese Jugend zu bestaunen und so die Distanz wieder herzustellen, könnten sich ältere Generationen fragen: Wann hat man sich selbst von seinen Bürgerpflichten verabschiedet? Die heutigen Missstände sind Ergebnis einer Koma-Demokratie, in der Bürgerinnen und Bürger ihr Bürgersein vernachlässigt haben. In fast allen europäischen Ländern kämpft man heute um bezahlbaren Wohnraum. Was war das für ein Koma, das Politik und Investoren einfach machen ließ? Hans-Jochen Vogel rechnete kürzlich vor, die Grundstücke in München seien seit 1950 um 34 000 Prozent teurer geworden. Was war los, dass die Gesellschaft bei 1000 Prozent nicht protestiert hat?

Wer kann das Phänomen erklären, dass es in Deutschland Rezo brauchte, um zu sehen, was eigentlich jeder weiß: Die regierenden Parteien sind für die aktuelle Politik verantwortlich. Weshalb kam die Bedrohung des Klimawandels weder in den politischen und medialen Eliten noch in der Breite der Bevölkerung an, bis ein Mädchen aus Schweden mit einem Schild vor dem Parlament saß? Die Taubheit der ritualisierten Demokratie ist eine Spielart dessen, was man im Privaten passiv-aggressiv nennt. Bürger, die über Missstände informiert wurden, aber keine Wirkmacht beanspruchten, sind passiv-aggressiv. Nichthandeln ist eine Handlung.

Nächste Woche wird die ungehorsame Bewegung "Extinction Rebellion" weltweit Städte lahmlegen. Schon wird behauptet, das Lahmlegen von Städten sei ein Gewaltakt, der mit Demokratie nicht vereinbar sei. Was für ein Missverständnis. Der Gewaltakt, das war die Gleichgültigkeit der letzten Jahrzehnte. Für die nächste Generation ist Geschehenlassen keine Option. Man könnte jetzt tatsächlich von Glück reden.

Kolumne von Jagoda Marinić

Jagoda Marinić, Jahrgang 1977, ist Schriftstellerin, Kulturmanagerin und Journalistin. Auf Twitter unter @jagodamarinic. Sie studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Anglistik an der Universität Heidelberg. In ihrem aktuellen Debattenbuch "Sheroes" plädiert sie für ein lebhaftes Gespräch unter den Geschlechtern. Alle Kolumnen von ihr finden Sie hier.