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Emmanuel Macron:Vier Präsidenten für Angela Merkel

Nach Chirac, Sarkozy und Hollande trifft die deutsche Kanzlerin nun den neu gewählten Emmanuel Macron. Die Erwartungen sind gewaltig. Kann das ungleiche Paar Europa voranbringen?

Der erste französische Präsident, dem Angela Merkel begegnete, war François Mitterrand. Im Frühjahr 1990 begleitete die stellvertretende Regierungssprecherin der DDR den neuen Ministerpräsidenten Lothar de Maizière zum Antrittsbesuch nach Paris. Mitterrand hinterließ großen Eindruck bei ihr, allein schon, weil er sehr leise sprach. Wäre es nur nach ihm gegangen, wäre Merkel womöglich nicht Bundeskanzlerin geworden, denn Mitterrand verfolgte das Tempo der Wiedervereinigung skeptisch. Schon sein Nachfolger Jacques Chirac war dann aber der Präsident, der Merkel am 23. November 2005, ihrem ersten Arbeitstag als Kanzlerin, auf den Stufen des Élysée-Palastes in Paris einen Kuss auf die rechte Hand hauchte.

Am kommenden Montag, ihrem 4192. Arbeitstag als Kanzlerin, empfängt Merkel in Berlin den vierten Präsidenten ihrer Amtszeit. Emmanuel Macron setzt mit seinem schnellen Antrittsbesuch eine deutsch-französische Tradition fort, auch wenn er anders als sein Vorgänger François Hollande erst einen Tag nach der Amtseinführung nach Deutschland fliegt. Die Erwartungen an die Reise nach Berlin sind groß. Doch das waren sie jedes Mal - und die Fortschritte eher durchwachsen.

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Die Hoffnungen in den neuen französischen Präsidenten sind groß: Er soll nicht nur Frankreich, sondern auch Europa retten. Aber kann er das? Angela Merkel ist vorsichtig. Und Emmanuel Macron? Wichtig ist, was er bisher nicht gesagt hat.

Hollande machte Merkel das zweischneidige Kompliment, "ihr Ruf reicht weit über die Grenzen"

Schon das erste Treffen zwischen Chirac und Merkel stand im Zeichen einer Krise: In Frankreich war zuvor das Referendum über eine Verfassung der Europäischen Union gescheitert. Und Chirac, obgleich wie die Kanzlerin ein Konservativer, begegnete Merkel misstrauisch. Er hatte sich mit Gerhard Schröder seit dem gemeinsamen Widerstand gegen den Irak-Krieg prächtig verstanden, und von den Unions-Spitzen demonstrativ Edmund Stoiber den Vorzug vor Merkel gewährt. Eineinhalb Jahre später waren die Rollen schon anders verteilt. Diesmal empfing Merkel einen neuen Präsidenten in Berlin. Nicolas Sarkozy küsste die Kanzlerin auf die Wangen, nannte die deutsch-französische Kooperation "heilig", wollte sich gleich als Macher inszenieren und forderte ein schnelles Ende der europäischen Lähmung. Die mühseligen Abstimmungsprozesse innerhalb der EU, aber vor allem in der großen Koalition in Berlin ließen ihn bisweilen verzweifeln. Ein Mitarbeiter Merkels beschrieb Sarkozys Bild von deutscher Politik als "auf profundem Nichtverstehen basierende Verachtung".

In der Finanz- und Euro-Krise rauften sich Präsident und Kanzlerin zusammen, doch der grundsätzliche Gegensatz zwischen staatlicher Interventions- und strenger Sparpolitik blieb erhalten und verstärkte sich noch mit Merkels drittem Präsidenten: François Hollande verzichtete bei seinem ersten Besuch ganz aufs Küssen und verzierte die Bekundung seiner Freude, Merkel kennenzulernen, mit dem zweischneidigen Kompliment, "ihr Ruf reicht weit über die Grenzen". Die gemeinsame Zeit war vom Ringen um Griechenlands Verbleib im Euro geprägt, aber auch von der Ukraine- und der Flüchtlingskrise sowie dem Terror in Paris und Nizza. Vor allem aus Solidarität mit Frankreich stimmte Merkel Bundeswehr-Einsätzen gegen den IS und einer Stationierung von deutschen Soldaten in Mali zu.

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Und wie wird es mit Macron? Zunächst inszeniert die französische Republik am Sonntag den Machtwechsel mit Pomp: Umrahmt von Republikanischen Garden wird Hollande seinen Nachfolger im Innenhof des Élysée-Palastes begrüßen. Nach einem Gespräch im Dienstzimmer im ersten Stock fährt Hollande in den Ruhestand. Als achter Präsident der V. Republik verneigt sich Macron am Triumphbogen vor dem Grab des Unbekannten Soldaten, bevor er das Rathaus der Stadt Paris besucht. Die traditionelle Antrittsrede dient jedem Präsidenten nur als Stilprobe, nicht für kühne, programmatische Würfe.

Die Erwartungen an den Berlin-Besuch wurden am Freitag in Macrons Umfeld gedämpft. "Große Sprünge können wir erst machen, wenn auch Deutschland gewählt hat", sagte ein Berater. Die von Macron verlangte Vertiefung der Euro-Zone samt milliardenschwerem Euro-Budget und Euro-Parlament werde vom Präsidenten am Montag "bestenfalls erwähnt". Ein kleines Aufbruchsignal könnte sein, dass Merkel und Macron einen deutsch-französischen Investitionsfonds für digitale Infrastruktur auf den Weg bringen.

Dafür zeigt sich Merkel offen: Auch Deutschland habe da Nachholbedarf, sagte sie bei einer Veranstaltung der Rheinischen Post am Donnerstagabend in Düsseldorf. Ein gemeinsames, wenn auch überschaubares Budget zur Flankierung von Reformen habe sie zudem schon 2013 angeregt, so die Kanzlerin. Wurde nur leider nichts draus. Den Gedanken, dass man Frankreich "helfen" müsse, wies sie einerseits als "paternalistisch" zurück: "Frankreich ist ein stolzes Land", so Merkel. Sie sei überzeugt, dass Macron Reformen angehen werde. Andererseits fügte sie dann selbst hinzu: "Und wo wir helfen können, werden wir helfen."

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