Wahl in Frankreich Macrons Parlament der Amateure

Staatsmännisch: Der künftige französische Präsident Emmanuel Macron vor einem Treffen mit Kanzlerin Merkel in Berlin.

(Foto: dpa)
  • Kurz vor seinem Amtsantritt als französischer Präsident hat Emmanuel Macron die Bewerber seiner Partei für die Parlamentswahl vorgestellt.
  • Einige Unterstützer fühlen sich durch die Auswahl von Macron düpiert.
  • Knapp die Hälfte der Kandidaten hat keine politischen Erfahrung.
Von Leo Klimm, Paris

Auch ein erklärter Versöhner wie Emmanuel Macron kann es nicht jedem recht machen. Dem Zentrumspolitiker François Bayrou, einem Verbündeten von Frankreichs neuem Präsidenten, macht es Macrons künftige Partei La République En Marche (bisher: En Marche) zum Beispiel gar nicht recht: Bayrou fühlt sich bei der Zuteilung der Kandidaturen für die Parlamentswahl im Juni düpiert.

Mit dem sozialistischen Ex-Premier Manuel Valls, zu dem Macron ein wechselhaftes Verhältnis pflegt, ist die Auswahlkommission von En Marche dagegen freundlich. Sie akzeptiert Valls zwar nicht als eigenen Bewerber - verzichtet aber darauf, einen Gegenkandidaten in seinem Wahlkreis aufzustellen. Damit wahrt Valls seine Chancen auf den Wiedereinzug in die Nationalversammlung. Auch eine Reihe konservativer Spitzenpolitiker behandeln Macrons Getreue ausgesprochen rücksichtsvoll.

Das Auswahlgremium habe "mit nie da gewesener Objektivität, Strenge und Unparteilichkeit" gewaltet, sagt En-Marche-Generalsekretär Richard Ferrand. Bei näherem Hinsehen erscheint Macrons Kandidatenliste allerdings durchaus wie das Ergebnis eines Taktierens nach hergebrachter Manier. Schließlich geht es bei der Parlamentswahl am 11. und 18. Juni um die tatsächliche Machtfülle des künftigen Präsidenten Macron.

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428 Kandidaten sind bisher für die insgesamt 577 Wahlkreise benannt

Ziel der erst vor einem Jahr gegründeten Formation ist die absolute Mehrheit. Derzeit liegt En Marche Demoskopen zufolge klar vor den konservativen Republikanern und dem rechtsextremen Front National (FN). Und eine Blitzumfrage offenbart, dass auch die Kandidatenaufstellung gut bei den Wählern ankommt.

Das liegt vor allem daran, dass - wie von Macron versprochen - die Hälfte der Bewerber völlig neu ist in der Politik und damit dem Wunsch der Franzosen nach Erneuerung der politischen Klasse entspricht. "Dies markiert die Rückkehr der Bürger in den Mittelpunkt unseres politischen Lebens", sagt Ferrand, der selbst bisher Abgeordneter der Sozialisten war und nun für Macron antritt.

428 Kandidaten sind bisher für die insgesamt 577 Wahlkreise benannt. Die Auswahlkommission hatte zuvor 19 000 Bewerbungen erhalten. Die glücklichen Abgeordenten in spe, die sie aussuchte, sind zur Hälfte Frauen, durchschnittlich 46 Jahre alt, dürfen nicht vorbestraft sein und sollen Macrons Willen gerecht werden, eine breite politische Mitte anzusprechen.

Auch einige prominente Persönlichkeiten finden sich unter den Anwärtern für die Nationalversammlung. Darunter der ebenso renommierte wie exzentrische Mathematiker Cédric Villani, der Anti-Korruptionsrichter Éric Halphen oder die Ex-Stierkämpferin Marie Sara, die in ihrem Wahlkreis einem FN-Mann das Mandat abnehmen soll. Zudem darf eine Reihe von Abgeordneten für Macron antreten, die bisher bei den Sozialisten und den Grünen waren.

Ex-Premier Valls wird als Sonderfall geführt: Seine Last-Minute-Bewerbung diese Woche habe "nicht den Kriterien entsprochen", weil Valls schon dreimal in die Nationalversammlung gewählt wurde. "Wir wollen einen früheren Regierungschef aber auch nicht erniedrigen", so Ferrand. Deshalb verzichte En Marche auf einen direkten Gegenkandidaten für Valls.

Manche bereuen offenbar schon, Macron unterstützt zu haben

Der Umgang mit Valls dürfte eine Blaupause sein für die Entscheidung über einige der knapp 150 Wahlkreise, die noch nicht besetzt wurden. Macron und seine Leute spekulieren, dass nächste Woche noch einige amtierende sozialistische Minister überlaufen, in deren Wahlkreis bisher kein En-Marche-Anwärter aufgestellt wurde.

Gleiches gilt für die Hochburgen gemäßigter Konservativer wie Ex-Minister Bruno Le Maire. Bislang müht sich En Marche vergeblich, prominente Republikaner zu locken - und so die Konservativen, den schärfsten Gegner bei der Wahl, zu spalten. Macrons Kalkül könnte nun sein, mit der Ernennung eines gemäßigt-konservativen Premiers am nächsten Montag namhafte Republikaner zu gewinnen.

François Bayrou, der Chef der Zentrumspartei Modem, scheint seine Unterstützung für Macron schon zu bereuen: Von seinen Parteifreunden fänden sich nur 35 auf der En-Marche-Liste, anstatt der angeblich versprochenen 120. Dabei sei Macron nur dank seines Wahlaufrufs zum Staatschef gekürt worden, meint Bayrou. Für Freitagabend berief er eine Sitzung seines Parteivorstands ein, um über den Streit mit dem Partner zu beraten. En-Marche-Generalsekretär Ferrand kann aber kein Problem erkennen: "In jedem Wahlkreis wurde immer nur der beste Bewerber genommen", behauptet Ferrand.

Diesem Anspruch zum Trotz wirkt die Aufstellung der En-Marche-Bewerber an mancher Stelle improvisiert. In einer ersten Fassung führte die Liste ein Dutzend Namen, die gar keine Kandidaten sind. So musste etwa der populäre Präsident des Rugbyklubs von Toulon auf Twitter klarstellen, er habe "gar keine Ambitionen" auf einen Abgeordnetensitz.

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