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La Souterraine:In Frankreich wollen Arbeiter eine Fabrik in die Luft jagen

Unter den Gas-Flaschen steht: "Wir werden alle explodieren"

(Foto: AFP)
  • Mit spektakulären Aktionen versucht eine linksradikale Gewerkschaft in Frankreich, öffentlichen Druck auf Peugeot und Renault aufzubauen. Das soll ein Aus der Fabrik verhindern.
  • Bilder wie diese prägen das Image französischer Gewerkschafter als Krawallbrüder.

Von Leo Klimm, Paris

Wenn sie schon untergehen, dann bitte laut und mit dem Stil des Klassenkampfs: Arbeiter des Autozulieferers GM & S Industry im zentralfranzösischen La Souterraine haben mit der Zerstörung ihrer Produktionsmittel begonnen. Mit dem Schneidbrenner zerlegten sie eine Metallpresse, ein Gabelstapler demolierte eine Maschine. Dazu der bohrende Klang von Tröten. Nach Angaben der linksradikalen Gewerkschaft CGT haben die Arbeiter ihre Fabrik auch mit Gasflaschen und Benzinkanistern "vermint", um das Werk, so die Drohung, in die Luft zu jagen.

"Es tut uns weh, dass es so weit kommen musste", sagt CGT-Mann Vincent Labrousse, "aber heute droht uns schlicht die Liquidation. Tritt sie ein, werden wir das Werk nicht heil zurückgeben!" Am 23. Mai könnte ein Handelsgericht die Abwicklung von GM & S anordnen. Für die Beschäftigten gibt es in der strukturschwachen Region im Herzen Frankreichs kaum Jobperspektiven.

Es sind Bilder wie die von GM & S, die das Image französischer Gewerkschafter als Krawallbrüder prägen. Zwar unterschreiben ihre Organisationen jedes Jahr Tausende Betriebsvereinbarungen, die oft Zugeständnisse der Belegschaften beinhalten. Wenn aber Jobverluste und Betriebsschließungen drohen, schrecken sie teils nicht vor rabiaten Mitteln zurück: Bei der Fluggesellschaft Air France kam es im Herbst 2015 zu einer regelrechten Hetzjagd auf Topmanager. Beim Reifenhersteller Goodyear hielten Mitarbeiter zwei Tage lang Führungskräfte gefangen. Und die Drohung, Fabriken zu zerstören, wurde auch öfter ausgesprochen - etwa beim Küchengerätehersteller Moulinex. Bisher wurde sie nie in die Tat umgesetzt.

Bei GM & S richtet sich die Wut der Beschäftigten vor allem gegen die beiden größten Kunden des Zulieferers, die Autohersteller Renault und PSA, den Mutterkonzern von Peugeot. Mitte der Woche hatte ein Interessent schließlich darauf verzichtet, den Betrieb mit 280 Mitarbeitern aus dem Insolvenzverfahren herauszukaufen. Grund sollen fehlende Aufträge der beiden großen Stammkunden sein. Die spektakulären Aktionen sind nun der verzweifelte Versuch, öffentlichen Druck auf Peugeot und Renault aufzubauen.

Insolvenzverwalter Renaud Le Youdec pflegt demgegenüber einen zurückhaltenden Verhandlungsstil. Doch auch er sieht die Konzerne in der Pflicht. Bisher hätten die Gewerkschaften "guten Willen gezeigt", so Le Youdec. Sie hätten einen Stellenabbau akzeptiert und Renault in einem Notfall sogar schnell mit fehlenden Bauteilen ausgeholfen. Die zwei Hersteller bestreiten, das Aus der Fabrik herbeizuführen. Beide behaupten, ihr Auftragsvolumen aufrechterhalten zu haben. Die Betriebsräte von GM&S fordern jetzt ein Treffen mit dem neu gewählten Präsidenten Emmanuel Macron. Schließlich ist der französische Staat bei Renault wie bei PSA Ankeraktionär. "Wir wollen als seriöse Gesprächspartner betrachtet werden", sagt ein Gewerkschafter.

© SZ vom 13.05.2017

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