Emmanuel Macron Hinter Macrons Zitaten steckt eine Vision

In den Reden des kommenden französischen Präsidenten zeichnet sich ein Geschichtsbild ab, das nicht nur politischen Zwecken zu dienen scheint.

Von Joseph Hanimann

Zu den Lieblingsauftritten des scheidenden Präsidenten Hollande gehörten historische Gedenkereignisse: Ende des Sklavenhandels, Verdun, Kriegsmeuterei am "Chemin des Dames". Der "normalste" aller französischen Präsidenten benützte die Geschichte gern als Kulisse, um der eigenen Aktion etwas Tiefe zu verleihen.

Dem ihm entlaufenen Zögling Emmanuel Macron wird eine Neigung zu trockenen Fakten und Zahlen nachgesagt, aber auch bei ihm ist Geschichte ein Grundthema. Und in einem Land, das für symbolische Akte an symbolträchtigen Orten - das Orléans der Heiligen Johanna, die Bastille, der Louvre - besonders empfänglich ist, zeichnet sich daraus ein spezifisches Geschichtsbild ab. Sein ideologisch etwas schal wirkendes Jungtechnokratenprofil sucht der neue französische Präsident mit einem Bedeutungsregister in der Tradition Mitterrands und de Gaulles zu sättigen.

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Der drei Minuten dauernde einsame Gang am Wahlabend zu den Klängen der Europa-Hymne im Louvre-Hof an Mitterrands Glaspyramide vorbei kann als Fortschreibung seiner These vom "leer gebliebenen Platz" im Mittelpunkt der Republik gedeutet werden. Jede Demokratie habe durch ihre naturgegebene Unvollkommenheit eine Leerstelle in ihrem Mittelpunkt, erklärte Macron vor zwei Jahren in einem Gespräch über Philosophie und Politik: Und diese Stelle werde in Frankreich von der Figur des abwesenden Königs geprägt, den die Franzosen, davon sei er überzeugt, im Grunde nicht hätten töten wollen. Die in Gesten und Posen erstarrte Erinnerung der Republik daran möchte der Gründer der Bewegung "En Marche" nun wieder in Bewegung bringen, ohne jedoch die große Kulisse zu verlieren.

Er glaube an die "Energie des Volkes", sagt Macron

Ein frühes Zeichen dafür setzte er vor genau einem Jahr als - damals noch potenzieller - Kandidat am 8. Mai zur Feier des Kriegsendes 1945 in Orléans. Johanna, die von dieser Stadt aus einst gegen die englischen Besatzer auszog, sei die geballte Kraft eines gemeinsamen Schicksals, die das festgefahrene Machtsystem gespalten habe, sagte er dort. Er glaube jedoch nicht an historische Schicksalsfiguren, sondern nur an die "Energie des Volks" und den Mut Einzelner, die in schweren Momenten zusammenfänden wie bei de Gaulle nach der französischen Niederlage 1940. Und wie das geschrumpfte Königreich 1429 in der Gegend von Bourges, wie die 1940 nach London ausgelagerte Republik könne auch das heutige Frankreich aus seiner Verzagtheit erwachen und mit seiner Sprache, seiner Kultur, seiner Vision zu einer neuen Rolle in Europa und in der Welt finden.

Der Sog eines so weit aufgespannten Referenzrahmens kann einen Politiker eigentlich nur verschlingen und die Bemühung um ein weniger steifes Geschichtsbild sofort zum Stehen bringen. Emmanuel Macron scheint die Gefahr aber erkannt zu haben. Mit manchmal absichtlich, manchmal eher ungeschickt eingestreuten Gegenaussagen zerreißt er mitunter plötzlich den Rahmen. Die berühmteste davon ist die im Februar bei einer Algerien-Reise geäußerte Behauptung, der Kolonialismus sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewesen. In Frankreich löste sie breite Empörung und selbst unter seinen Anhängern Verlegenheit aus. Der Zweck der forsch dahingesagten Behauptung war wohl, das immer noch unbewältigt verkrustete Kapitel des Algerien-Kriegs aufzureißen. Solche Risse gehören zum durchlöcherten Horizont der aus der Post-Histoire zurückgekehrten neuen Generation.

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Der junge französische Staatspräsident betonte neben seiner Tätigkeit als Finanzbankier bei Rothschild stets auch die für ihn prägende Erfahrung als Assistent des Philosophen Paul Ricœur. Bei diesem lernte er das kennen, was er ein "anderes 1968" nannte: statt systematischer Anzweiflung jeder offiziellen Wahrheit das Prinzip einer konstruktiven Deutungspluralität in der hermeneutischen Tradition. "Die großen Figuren der Geschichte sprechen nicht zu uns", erklärte er, "vielmehr bringen wir sie zum Sprechen und schaffen damit Legende." Legendenbildung ist für diesen Politiker nicht Trick, sondern ein offen eingesetztes Mittel zur Verwirklichung des gesteckten Ziels, ohne verkrustende Mystifizierung den historischen Faden des "Roman français" weiterzuspinnen.

Macron war einst Assistent des Philosophen Paul Ricœur

Manche Aussagen dieser "Post-Posthistoire" entpuppen sich als Floskeln, und Linguisten haben schon nachgewiesen, dass eines von Macrons Lieblingsworten "en même temps" heißt: ein inklusives "gleichzeitig", "andererseits". Gegenüber der sich abzeichnenden politischen Spaltung der französischen Gesellschaft in zwei kaum vereinbare Teile ist diese Konsensbildung durch inklusive Geschichtsbetrachtung keine überzeugende Antwort. Vergangenheit lässt sich so wenig verflüssigen wie die Gegenwart.

Interessant ist aber, dass hier im Unterschied zu den beiden Vorgängern Hollande und Sarkozy Geschichte nicht mehr einfach für politische Zwecke instrumentalisiert zu werden scheint. Wenn Macron den Historiker Jules Michelet, die Schriftsteller Victor Hugo und Émile Zola, die Dichter Charles Péguy und René Char zitiert, scheint eine Vision dahinter zu stehen.

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