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Frank Bsirske:"Die Kandidatur setzt ein Ausrufezeichen"

Parteitag der Grünen: Frank Bsirske Bei der Bundesdelegiertenkonferenz in Berlin arbeiten die Grünen das Jamaika-Aus au

Exakt die Hälfte seines Lebens bereits Mitglied bei den Grünen: Frank Bsirske, 68, hier auf einem Parteitag.

(Foto: Mike Schmidt/imago)

Ex-Verdi-Chef Frank Bsirske ist es im Ruhestand zwar nicht langweilig, dennoch will er für die Grünen in den Bundestag - und hat dabei präzise Vorstellungen.

Interview von Detlef Esslinger

Knapp ein Jahr ist es nun her, dass Frank Bsirske als Verdi-Chef in den Ruhestand verabschiedet wurde, nach 18 Jahren. Aus dem möchte er nun aber im Herbst 2021 wieder heraus. Bsirske ist seit 1986 Mitglied der Grünen, nun will er bei der Bundestagswahl für sie als Direktkandidat im Wahlkreis Helmstedt-Wolfsburg sowie auf der Landesliste Niedersachsen antreten. Letztere wird im März festgezurrt, der Direktkandidat wiederum soll im Oktober bestimmt werden. Gegen Bsirske, 68, tritt Tjark Melchert, 23, an - der Referent bei einem Metall-Arbeitgeberverband ist.

SZ: Nachdem Sie als Verdi-Chef aufgehört hatten, konnte sich das keiner so richtig vorstellen: Frank Bsirske, Rentner. Sie auch nicht?

Frank Bsirske: Das stimmt. Hab' ich Langeweile? Nein, hab' ich nicht, aber wenn ich mir anschaue, vor welchen Herausforderungen wir alle stehen, ist nicht die Zeit, die Füße hochzulegen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen: Klimakrise; die massiven Verteilungskonflikte, auf die wir nach Corona zulaufen; der Handlungsbedarf im Sozialen. Dazu will ich meinen Beitrag leisten.

Haben Sie die Krimis, die Ihnen Ihre Kollegen zum Abschied geschenkt haben, alle schon gelesen?

Ja. Und noch ein paar mehr.

Und wie fühlt sich's an, plötzlich nur noch Zuschauer zu sein, als vor ein paar Tagen im Fernsehen der Auftakt zur Tarifrunde im öffentlichen Dienst lief?

Och, ich hab' meinem Nachfolger Frank Werneke eine SMS geschickt und ihm gesagt: Wenn das jemand kann, dann du. Ich verfolge das gespannt, aber zuversichtlich.

Am Donnerstag haben Sie sich den Mitgliedern des Grünen-Kreisverbands Wolfsburg vorgestellt. Wie lief's?

Es ist am Ende deutlich geworden, dass es ein Signal ist, wenn ich als Direktkandidat im Wahlkreis Helmstedt-Wolfsburg antrete - ein Signal der Grünen an die Wählerinnen und Wähler weit über die Region hinaus: Ökologie und Soziales zu verbinden. Die Kandidatur eines bekannten Gewerkschafters setzt dafür ein Ausrufezeichen. Bei den Sozialdemokraten in der Region hat sie bereits eine gewisse Nervosität ausgelöst.

Woran zeigt sich das?

Der SPD-Abgeordnete vor Ort, Falko Mohrs, sagt, meine Kandidatur schwäche nur das progressive Lager. Er meint: seine SPD. Und er stehe für eine konsequente Industriepolitik, wohingegen die Grünen den Verbrennungsmotor vom Jahr 2030 an verbieten wollten. Was Fake ist. Wir wollen dann lediglich die Neuzulassungen stoppen.

Sie leben in Berlin, warum haben Sie sich ausgerechnet diesen Wahlkreis ausgesucht? 2017 kam der grüne Kandidat dort mit 4,5 Prozent auf Platz sechs.

Ich bin in Helmstedt geboren und in Wolfsburg zur Schule gegangen und habe als Gewerkschafter immer wieder mal mit den Menschen und Betrieben vor Ort zu tun gehabt. Gerade hier zeigt sich ganz drastisch: Die Klimakrise gefährdet Jobs, wenn sie eskaliert. Wer Arbeitsplätze sichern will, muss sich dafür einsetzen, dass sie nachhaltig werden.

Wie viel Prozent sind in dem Wahlkreis für einen grünen Direktkandidaten drin?

Darüber will ich jetzt nicht spekulieren, aber klar ist, das ist bisher kein Wahlkreis, in dem ein grünes Direktmandat im Bereich des Möglichen liegt. Umso wichtiger, prominent zu zeigen: ökologisch, sozial, weltoffen - dafür stehen in unserem Land, wie keiner sonst, die Grünen.

Werden Sie einen Platz vorne auf der Landesliste fordern? Auf Platz 13 werden Sie sich kaum einreihen wollen.

Das wäre als Signal wohl nicht besonders klug. Der Modus der Grünen ist ja: abwechselnd Frau/Mann zu setzen. Der Landesverband stellt bisher sechs der 67 grünen Bundestagsabgeordneten. Auf einen dieser sechs Plätze sollte ich hoffentlich kommen. Aber das wird dann beizeiten zu diskutieren sein.

Worum wollen Sie sich im Bundestag kümmern?

Arbeit, Soziales und Gesundheit. Das liegt einfach nahe. Dafür habe ich ja auch die vergangenen 20 Jahre gestanden.

In diesen 20 Jahren waren Sie der Chef und Star Ihrer Gewerkschaft. Schaffen Sie das eigentlich: sich in eine Fraktion von 60 oder 80 Mitgliedern einzureihen?

Ich habe über viele Jahre gelernt, im Team zu agieren. Wir wollen doch miteinander etwas erreichen, da werde ich mich nicht von Eitelkeiten treiben lassen.

Falls es nächstes Jahr zu Schwarz-Grün kommt, gerät der Arbeiterführer Bsirske in eine Koalition mit der Mittelstands- und Wirtschaftsunion von CDU und CSU. Wie interessant wird das denn?

Es ist jetzt nicht die Zeit, über Koalitionen zu spekulieren, sondern Grün zu stärken. Die Grünen sind nämlich nicht das Beiboot der Union, sie sind die Alternative.

© SZ vom 07.09.2020

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