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Seenotrettung:Die Kirche riskiert den Schiffbruch

Flüchtlinge im Mittelmeer - Rettungsübung der NGO "Sea-Eye"

Während einer Übung der Organisation Sea-Eye treiben Schwimmwesten im Mittelmeer. Nun will sich auch díe evangelische Kirche an der Seenotrettung beteiligen.

(Foto: Darrin Zammit Lupi/Reuters)

Mit dem Plan, ein Schiff zur Seenotrettung ins Mittelmeer zu schicken, läuft die Evangelische Kirche in Deutschland Gefahr, den Konflikt mit dem Staat und in den eigenen Gemeinden zu verschärfen. Trotzdem ist die Mission richtig.

Die Evangelische Kirche in Deutschland will ein Schiff ins Mittelmeer schicken, das Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten soll - gemeinsam mit anderen Gruppen und Organisationen. Das ist ein ziemlich riskantes Unternehmen. Es kann für den Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm, der sich persönlich sehr für das Vorhaben eingesetzt hat, im Schiffbruch enden.

Das Kirchen-Schiff wird zunächst das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Rettern und Mittelmeeranrainer-Staaten mitmachen müssen, wie alle anderen Schiffe, die Ertrinkende aus dem Meer fischen. Es wird Häfen suchen müssen, mit zunehmend verzweifelten Menschen an Bord, wird vielleicht gegen Gesetze verstoßen müssen.

Vor allem aber kann sich die Kirche nicht an die Stelle des Staates setzen und ein eigenes Anerkennungssystem für Flüchtlinge schaffen. Selbst wenn sich nun viele Städte und Gemeinden bereit erklärt haben, Gerettete aufzunehmen: Die Flüchtlinge werden ein Verfahren nach den Gesetzen und Vorschriften der Bundesrepublik und der EU durchlaufen müssen, das feststellt, ob sie bleiben können oder nicht. Es werden dann nicht alle bleiben können - sagt die EKD dann Ja zur Abschiebung? Geht sie das dann nichts mehr an? Oder nimmt sie dann alle ins Kirchenasyl und treibt den Konflikt mit dem Staat, aber auch in den eigenen Gemeinden auf die Spitze? All das harrt der Klärung.

Trotzdem ist es richtig, dass die Kirche sich an einer Rettungsmission beteiligt, aus einem einzigen und einfachen Grund: Christen dürfen nicht Menschen einfach so im Meer ertrinken lassen, schon gar nicht in der zynischen (und täglich widerlegten) Hoffnung, dass ihr Tod andere davor zurückschrecken lässt, ins Schlauchboot zu steigen. Und wenn die EU-Rettungsmission Sophia an den nationalen Egoismen Europas scheitert, was eine Schande für den Kontinent ist, können sich die Kirchen nicht schulterzuckend abwenden.

Es ist ja kein Zufall, dass Papst Franziskus in dieser Frage genauso denkt und predigt wie der EKD-Ratsvorsitzende. Der Vatikan hat seit 1951 ein eigenes Schiffsregister - mit etwas Mut könnten sich hier Katholiken und Protestanten zusammenschließen und das Schiff unter vatikanischer Flagge fahren lassen. Es geht dabei nicht um die naive Vorstellung, dass jeder, der irgendwie will, nach Europa kommen darf. Es geht ums nackte Menschenleben. Und das ist das Risiko wert, Schiffbruch zu erleiden.

Leserdiskussion Seenotrettung: Wie bewerten Sie die Beteiligung der evangelischen Kirche?

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Seenotrettung: Wie bewerten Sie die Beteiligung der evangelischen Kirche?

Die evangelische Kirche will ein Schiff zur Seenotrettung ins Mittelmeer schicken. Trotz möglicher Konflikte mit dem Staat und den eigenen Gemeinden sei die Mission richtig, kommentiert SZ-Autor Matthias Drobinski, denn es gehe ums nackte Menschenleben.