Flüchtlinge in Griechenland Gestrandet auf Chios

Im dramatischen Sommer 2015 erreichten täglich 1000 Menschen Chios, zuletzt waren es 81 auf Lesbos, Leros, Kos, Samos und Chios zusammen. Doch der Platz ist so knapp, dass viele Flüchtlinge in Zelten wohnen.

(Foto: picture alliance/AP Photo)

Die Insel vor dem türkischen Festland ist durch den EU-Türkei-Deal zur Sackgasse für mehr als 2000 Flüchtlinge geworden. Platz ist im "Hotspot" aber gerade einmal für die Hälfte.

Von Christiane Schlötzer, Chios

Die Fähre schafft die Strecke in 20 Minuten, Touristen können mehrmals täglich vom türkischen Çeşme auf die griechische Insel Chios übersetzen, von weißen Sandstränden zu den Felsenbuchten auf der Insel. Die Nähe hat ein besonderes Verhältnis geschaffen, zu allen Zeiten. Chios war fast 350 Jahre unter osmanischer Herrschaft. Als die Deutschen auch Chios im Zweiten Weltkrieg besetzten, flohen Griechen in Fischerbooten in die Türkei. Heute verläuft die Migrationsroute in umgekehrter Richtung.

Im dramatischen Sommer 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung, erreichten täglich 1000 Menschen Chios. Im Februar 2016 wurde hier der erste "Hotspot" zur Registrierung und Unterbringung eingerichtet. Es wurden dann fünf, und es gibt sie immer noch: auf Lesbos, Leros, Kos und Samos - auch wenn längst viel weniger Menschen ankommen.

Auf allen Inseln waren es am vergangenen Freitag 81, um die 100 aber sind es oft. Mindestens sechs Türken sind gerade vor Lesbos ertrunken, darunter drei Kleinkinder, meldete der Sender CNN Türk am Sonntag. Türken, die diesen illegalen Weg nehmen, flüchten gewöhnlich vor einer Verhaftung in der Türkei.

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Das griechische Innenministerium meldet jeden Tag die Neuankünfte. Seit dem Abkommen zwischen der EU und der Türkei vom März 2016 sollen die Geflüchteten in den Insel-Hotspots bleiben, bis über ihren Asylantrag entschieden ist - und bei Ablehnung direkt zurück in die Türkei. Derzeit sind noch 18 100 Flüchtlinge auf den Inseln, weitere 40 000 in Unterkünften auf dem griechischen Festland. Im Hotspot von Chios leben 2090 Menschen, eigentlich hat das Camp nur 1014 Plätze.

"Wir sind überbelegt", sagt Vaso Danou, die Direktorin. Sie ist erst seit ein paar Wochen im Amt, ihr Vorgänger hat nach einem halben Jahr aufgegeben. Als Grund nannte er "wachsenden Druck aus der lokalen Bevölkerung". Danou, 33, sitzt in ihrem Büro, es ist blickdicht abgetrennt vom Rest einer riesigen Fabrikhalle. Hier wurde einst Aluminium produziert, das Unternehmen hieß Vial. So heißt nun das Lager.

"Die Leute hier haben gegen eine Erweiterung des Hotspots geklagt", sagt Danou. Der Streit ging bis vors oberste Gericht. Das entschied, dass es in Vial nur 100 Container geben dürfe, für 1274 Menschen. Danou sagt: "Wir haben auch zu wenig Übersetzer, zu wenig Ärzte."

Säcke und Stoffstücke, aufgespannt für ein bisschen Privatheit

In Chios würden sie immer genau spüren, was "in der Region passiert", sagt Danou. Im April kamen Kurden aus Afrin. Die türkische Armee hatte zuvor die kurdisch-syrische Stadt Afrin eingenommen. Syrer, Iraker stellen immer noch die Mehrheit der Leute im Camp. Geplant war einst, dass sie drei bis 25 Tage in diesem "Erstaufnahmezentrum" bleiben. Dann kam das Türkeiabkommen, die Inseln wurden zur Sackgasse. "Die Flüchtlingskrise ist ein großes Problem für alle Länder", sagt Danou, "wir versuchen unser Bestes."

Danou sagt, man verstärke jetzt den Zaun um das Lager, Bauern hätten Angst um ihre Olivenernte. Das Camp liegt inmitten von Feldern, etwa 20 Autominuten entfernt von der Inselhauptstadt. Das Tor am Eingang ist nicht verschlossen, aber Wachleute kontrollieren Ein- und Ausgang. Außer den Mitarbeitern mehrerer NGOs darf gewöhnlich niemand rein. Auf dem Zaun gibt es eine Krone aus Stacheldraht, Plastikfetzen haben sich darin verfangen, flattern wie Fähnchen im Wind.

Weil die Container nicht reichen und das Gerichtsurteil es verbietet, mehr aufzustellen, ist fast jeder freie Platz auf dem Gelände mit Zeltplanen überspannt, dazwischen Säcke, Stoffstücke, für ein bisschen Privatheit. Die Sommerhitze lässt die Luft flirren.