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Migration:Schleuser weichen auf andere Mittelmeerrouten aus

Flüchtlinge im Boot

Auch die verheerende Sicherheitslage in Libyen dürfte ein Faktor sein, der die rückläufigen Zahlen der zentralen Mittelmeerroute erklärt.

(Foto: dpa)
  • Die Zahl der Flüchtlinge auf der zentralen Mittelmeerroute ist stark gesunken.
  • In Italien sind mehr als 80 Prozent weniger Bootsflüchtlinge als vergangenes Jahr angekommen.
  • An anderen Punkten Europas steigen die Zahlen dafür sprunghaft - wenn auch auf relativ niedrigem Niveau.

Flexibilität scheint eine der größten Fähigkeiten krimineller Menschenschmuggler zu sein. Wo immer eine Passage eng wird, eine Grenze sich schließt, finden sie im Handumdrehen neue Wege für das Geschäft mit Flüchtlingen und Migranten, das die UN weltweit auf etwa sieben Milliarden Dollar schätzen.

Die Hälfte davon wird auf den Mittelmeerrouten kassiert. Auch dort lässt sich leicht nachvollziehen, dass die Schleuser rasch auf neue Lagen reagieren: Die Zahl der Flüchtlinge und Migranten ist in diesem Jahr drastisch gesunken, wie Daten der europäischen Grenzschutzagentur Frontex und der UN-Organisation für Migration IOM belegen. Frontex stellt einen Gesamtrückgang um fast die Hälfte fest, in Italien sind es sogar mehr als 80 Prozent weniger Bootsflüchtlinge als vergangenes Jahr. An anderen Punkten Europas steigen die Zahlen dafür sprunghaft - wenn auch auf relativ niedrigem Niveau.

Es ist die zentrale Mittelmeerroute von Libyen nach Italien, die über Jahre eine Art Hauptverkehrsader war, wo sich sinkenden Zahlen am deutlichsten niederschlagen. Italien verzeichnet dieses Jahr bisher 80 Prozent weniger neu angekommene Migranten und Flüchtlinge, nicht ganz 18 000 Menschen waren es bis Montag, die laut Innenministerium in Rom 2018 auf dem Seeweg kamen, die größte Gruppe waren Tunesier und Eritreer.

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Außenminister Moavero Milanesi verkündet die Zusage nach einem Gespräch mit seinem deutschen Amtskollegen Maas. Sie gilt aber nur vorübergehend.

Für den Juni etwa errechneten die Statistiker des Ministeriums - dessen Chef Matteo Salvini Migrantenschiffe wegen der angeblich unhaltbaren Lage nicht nach Italien lässt - einen Rückgang von ganz präzise 86,5 Prozent gegenüber 2017. Besonders tragisch dabei ist das, worauf IOM-Chef Flavio Di Giacomo gerade hinwies: Die Junizahlen waren zwar die niedrigsten in vier Jahren, zugleich aber war es auch der tödlichste Juni seither, 564 Menschen starben zwischen Nordafrika und Sizilien. Das fällt zeitlich zusammen mit dem erzwungenen Rückzug privater Rettungsorganisationen aus der Gefahrenzone vor Libyen.

Im östlichen Mittelmeerraum treffen wieder mehr Flüchtlinge ein

Anders verläuft die Entwicklung auf der westlichen Mittelmeerroute, über die lange wenige Migranten kamen. 166 Prozent mehr ankommende Migranten und Flüchtlinge verzeichnet Spanien im Vergleich der Junimonate 2018 und 2017. Im ersten Halbjahr sind fast 19 000 Menschen nach Spanien übers Meer gelangt, etwa 2900 kamen auf dem Landweg, über die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in Nordafrika. Insgesamt kamen doppelt so viele Menschen nach Spanien wie 2017; Experten glauben, dieser Trend wird anhalten.

Auch im östlichen Mittelmeerraum treffen wieder mehr Flüchtlinge ein. 15 000 erreichten Griechenland bis Mitte Juli auf dem Seeweg, fast um die Hälfte mehr als 2017. Und den Grenzschützern fällt auf, dass wieder mehr Menschen aus der Türkei auf dem Landweg ins Nachbarland gelangen, insgesamt bisher etwa 11 000. Syrer und Iraker sind die am meisten vertretenen Nationalitäten.

Dass die zentrale Mittelmeerroute für die Schleuser so viel weniger attraktiv geworden ist, liegt wohl an mehreren Faktoren. Sie reichen bis nach Niger, Nachbarland von Libyen und lange der wichtigste Durchgangsstaat für Migranten aus Subsahara-Afrika, die Stadt Agadez ist einer der großen Knotenpunkte für sie. In Niger haben UNHCR und EU sich engagiert, das schlägt sich nieder in strikteren Kontrollen und der Verfolgung krimineller Schleuser. In zwei Jahren sind nach einigen Angaben um 95 Prozent weniger Migranten durch Niger gekommen. Aber auch die verheerende Sicherheitslage in Libyen selbst dürfte ein Faktor sein, der die rückläufigen Zahlen der zentralen Mittelmeerroute erklärt; sie schreckt Menschen ab.

Lange galten Zuwara und Sabratha als die Orte, von denen die Flüchtlinge in die Boote gesetzt wurden, jetzt spielt sich das vor allem weiter östlich ab. Was sich aber am stärksten geändert hat, ist die Rolle der libyschen Küstenwache, die aufgerüstet wurde, seit Italien vergangenes Jahr Vereinbarungen mit der Regierung in Tripolis schloss. Einem italienischen Experten zufolge sollen sie inzwischen 44 Prozent der Bootsflüchtlinge abfangen und wieder an Land bringen. Auch daran könnte es liegen, dass wieder etwas mehr Boote in Tunesien ablegen.

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