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Migration:Zuflucht für fast 1,9 Millionen

Bundeswehr hilft bei Umbau in Flüchtlingsheim Suhl

Laut Zählung der Behörden wuchs die Zahl der Geflüchteten in Deutschland vergangenes Jahr lediglich um etwa 36 000: Asylbewerber in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Thüringen.

(Foto: Bodo Schackow/dpa)

Laut neuen Zahlen leben in Deutschland so viele Flüchtlinge wie seit der Nachkriegszeit nicht mehr, die meisten von ihnen mit anerkanntem Schutzstatus. Im Corona-Jahr 2020 kamen nur wenige neu hinzu.

Von Jan Bielicki

In Deutschland leben offiziellen Zahlen zufolge so viele Geflüchtete wie seit der Nachkriegszeit nicht mehr, doch sind im Corona-Jahr 2020 nur noch wenige dazugekommen. Zum Stichtag 31. Dezember waren im staatlichen Ausländerzentralregister (AZR) fast 1,9 Millionen Menschen verzeichnet, die im Lande waren, weil sie hierher geflüchtet sind. Das waren nur etwa 36 000 mehr als ein Jahr zuvor, ein Zuwachs von noch rund zwei Prozent. Das geht aus den aktuellsten Registerzahlen hervor, mit denen die Bundesregierung eine umfangreiche Anfrage der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke (Linke) beantwortete und die der Süddeutschen Zeitung vorliegen.

Die meisten dieser Menschen sind seit Beginn der vom Bürgerkrieg in Syrien ausgelösten Fluchtbewegungen vor sechs Jahren ins Land bekommen. 2014 waren im AZR erst etwa 629 000 Flüchtlinge mit unterschiedlichem Aufenthaltsstatus registriert, 2015 waren es schon 1,25 Millionen. Seit 2017 aber geht die Kurve der Neuzuwanderung immer stärker nach unten.

236 000 Menschen waren nur geduldet, sollten also das Land eigentlich verlassen

Der weitaus größte Teil von ihnen hat den Zahlen zufolge einen weitgehend gesicherten Aufenthaltsstatus. 1,4 Millionen Menschen, die als Flüchtende ins Land kamen, sind als asylberechtigt oder als Kriegsflüchtlinge anerkannt, haben zum Teil sogar eine unbefristete Niederlassungserlaubnis oder stehen zumindest unter Abschiebeschutz. Zusammen sind das 56 000 mehr als noch im Jahr zuvor. Etwa 212 000 Schutzsuchende standen am Stichtag noch in ihrem Asylverfahren, Ausgang ungewiss - so wenige wie noch nie in den vergangenen sechs Jahren.

236 000 Menschen allerdings, davon sind ein Viertel Kinder oder Jugendliche, sind nur geduldet. Für sie bedeutet das: Sie haben eigentlich kein Recht, in Deutschland zu bleiben, ihrer Ausreise oder Abschiebung stehen allerdings Hindernisse entgegen. Fast zwei Drittel dieser Geduldeten leben schon seit mehr als drei Jahren, ein Viertel gar seit mehr als fünf Jahren im Land. Gründe der Duldung verzeichnet das Register oft nur sehr ungenau. Bei mehr als einem Drittel sollen fehlende Reisedokumente die Ausreise oder Abschiebung verhindern, bei einem weiteren Drittel sind die Gründe schlicht nicht bekannt.

"Auch viele formell abgelehnte, nur geduldete Flüchtlinge dürfen oder sollen aus guten Gründen nicht abgeschoben werden", kritisiert die Linke Jelpke, "für diese Menschen brauchen wir dringend eine wirksame Bleiberechtsregelung." Deutschland dürfe sich "als reiches Land in der Mitte Europas seiner Verantwortung für den Flüchtlingsschutz nicht entziehen, indem es sich hinter europäischen Stacheldrähten, Hotspot-Lagern und illegalen Zurückweisungspraktiken anderer Mitgliedstaaten verschanzt", fordert sie.

Tatsächlich leben laut Register sogar fast 760 000 Menschen im Land, deren Asylantrag abgelehnt wurde. Etwa 40 Prozent von ihnen sind schon seit sechs Jahren und - zum Teil - viel länger hier und 70 Prozent mit weitgehend sicherem, ein gutes Drittel sogar mit unbefristeten Aufenthaltstitel. Registriert ist dabei freilich jeder Mensch, der schon einmal vergeblich um Asyl nachsuchte - etwa auch Polen und Rumänen, die inzwischen als EU-Bürger längst problemlos hier leben dürfen.

Weil es sich notgedrungen oft nur verspätet oder unvollkommen im Register niederschlägt, wenn Ausländer wieder in ihre Heimat oder andere Staaten ausreisen, ohne sich abzumelden, gelten manche AZR-Zahlen ohnehin als wohl etwas zu hoch. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) etwa beziffert die Zahl der in Deutschland aufgenommenen Flüchtlinge nach seinen Kriterien mit 1,1 Millionen.

© SZ
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