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Fast zehn Jahre Haft für Nino K.:Normalbürger, Fremdenfeind, Bombenleger

Urteil im Prozess um Moschee-Anschlag am Dresdner Landgericht

Die Explosion am Eingang der Moschee hat deutliche Spuren hinterlassen.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)
  • Nino K. muss für neun Jahre und acht Monate ins Gefängnis.
  • Das Langericht Dresden hat ihn unter anderem wegen versuchten Mordes, Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und versuchter besonders schwerer Brandstiftung schuldig gesprochen.
  • Der Fall führt vor Augen, wie schnell sich ein Normalbürger wie Nino K. radikalisiert.

Von Antonie Rietzschel, Dresden

"Stellen Sie sich vor", sagt der Richter des Landgerichts Dresdens Herbert Pröls, "einer der Jungen hätte zufällig die Tür geöffnet." Fast zwei Jahre ist es her, dass Nino K. einen Sprengstoffanschlag auf die Fatih Camiine-Moschee in Dresden verübte - während die Familie des Imam sich noch in den Räumlichkeiten befand. Die Kinder, damals sechs und zehn Jahre alt, standen in der Nähe der Eingangstür, als die von K. platzierte Bombe explodierte. Und tatsächlich möchte man sich nicht ausmalen, was hätte passieren können. Doch Nino K. sitzt regungslos auf der Anklagebank, starrt aus dem Fenster.

Der Anschlag sorgte bundesweit für Aufsehen. Am Freitag wurde K. unter anderem wegen versuchten Mordes, Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und versuchter besonders schwerer Brandstiftung verurteilt. Neun Jahre und acht Monate. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass K. aus Fremdenhass handelte: "Fremdenhass gegen Muslime". Er habe Angst vor einer Islamisierung gehabt, deswegen den Anschlag verübt, sagte Pröls.

Lutz Bachmann bat um einen "Riesenapplaus"

Der Fall von Nino K. sollte eine Warnung sein. In Zeiten, in denen sich in Chemnitz die bürgerliche Mitte an die Seite von Fremdenfeinden und Rechtsextremen stellt. Nino K. war früher ein unauffälliger Normalbürger. Ein Kühlanlagenmonteur aus Dresden ohne Vorstrafen. Er hatte nicht mal einen Eintrag im Verkehrsregister. Als 2015 Flüchtlinge kamen, stieß Nino K. zu Pegida, im Juli hielt er sogar eine Rede.

Lutz Bachmann bat um einen "Riesenapplaus", als Nino K. die Bühne betrat. Der las einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel vor. Unter dem Gejohle der Pegida-Anhänger bezeichnete er sie als "Volksverräterin", sprach von "faulen Afrikanern", die angeblich die Sozialkassen plündern (zum Video). Und von der Vernichtung "unserer christlich-deutschen Kultur". Seine Rede schloss Nino K. mit der Formulierung, dass Merkel "keine Gnade erhalten" werde. Bachmann dankte ihm anschließend für die "starken und deutlichen Worte".

Doch Nino K. wollte es nicht bei Worten belassen. Das Landgericht sieht es als erwiesen an, dass K. unter Pegida-Sympathisanten nach Gleichgesinnten suchte. Doch niemand wollte sich ihm anschließen. Ende August 2016 begann er mit der Herstellung von Sprengsätzen. Den Anschlag auf die Moschee plante er präzise. K. wohnte nur wenige Meter von dem Gebäude entfernt. Aus Sicht des Landgerichts wusste er genau, dass sich in der Moschee auch eine Wohnung befindet. Dass die Familie des Imams dort lebte.

"Das kann ich nie in meinem Leben vergessen"

Den Sprengsatz baute er selbst: aus einem Papierkorb, in dem sich drei Rohrbomben befanden, die mit scharfkantigen Metallstücken gefüllt waren. Ein Sprengsatz war mit einer Zeitschaltuhr verbunden. Am 26. September, 21.48 Uhr, detonierte nach einer Fehlfunktion nur einer der drei Sprengsätze. Die Wucht reichte aus, um die Eingangstür nach innen zu drücken. Die Kinder riefen: "Die wollen uns alle ermorden." So hat es der Imam vor Gericht ausgesagt. Die Ehefrau hat Richter Pröls berichtet, wie erschrocken sie gewesen sei. "Das kann ich nie in meinem Leben vergessen." Die Familie hat Dresden verlassen, befindet sich in psychologischer Behandlung.

Ein Rechtsmediziner erklärte im Zeugenstand, die Rohrbombe hätte einen Menschen töten können, wenn sie direkt neben ihm explodiert wäre. Ein Experte des Landeskriminalamts zeigte sich nach einem Test überrascht von der Wirkung des Sprengsatzes. Nach der Explosion an der Moschee fuhr Nino K. mit seinem Motor-Roller zum Kongresszentrum, um den nächsten Sprengsatz zu zünden. Nach den Taten gab es wochenlang keine Spur vom Täter. Die Polizei veröffentlichte Bilder einer Überwachungskamera. Sie zeigten einen Mann mit Motorradhelm. Nino K.

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