Süddeutsche Zeitung

Fast zehn Jahre Haft für Nino K.:Normalbürger, Fremdenfeind, Bombenleger

  • Nino K. muss für neun Jahre und acht Monate ins Gefängnis.
  • Das Langericht Dresden hat ihn unter anderem wegen versuchten Mordes, Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und versuchter besonders schwerer Brandstiftung schuldig gesprochen.
  • Der Fall führt vor Augen, wie schnell sich ein Normalbürger wie Nino K. radikalisiert.

Von Antonie Rietzschel, Dresden

"Stellen Sie sich vor", sagt der Richter des Landgerichts Dresdens Herbert Pröls, "einer der Jungen hätte zufällig die Tür geöffnet." Fast zwei Jahre ist es her, dass Nino K. einen Sprengstoffanschlag auf die Fatih Camiine-Moschee in Dresden verübte - während die Familie des Imam sich noch in den Räumlichkeiten befand. Die Kinder, damals sechs und zehn Jahre alt, standen in der Nähe der Eingangstür, als die von K. platzierte Bombe explodierte. Und tatsächlich möchte man sich nicht ausmalen, was hätte passieren können. Doch Nino K. sitzt regungslos auf der Anklagebank, starrt aus dem Fenster.

Der Anschlag sorgte bundesweit für Aufsehen. Am Freitag wurde K. unter anderem wegen versuchten Mordes, Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und versuchter besonders schwerer Brandstiftung verurteilt. Neun Jahre und acht Monate. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass K. aus Fremdenhass handelte: "Fremdenhass gegen Muslime". Er habe Angst vor einer Islamisierung gehabt, deswegen den Anschlag verübt, sagte Pröls.

Lutz Bachmann bat um einen "Riesenapplaus"

Der Fall von Nino K. sollte eine Warnung sein. In Zeiten, in denen sich in Chemnitz die bürgerliche Mitte an die Seite von Fremdenfeinden und Rechtsextremen stellt. Nino K. war früher ein unauffälliger Normalbürger. Ein Kühlanlagenmonteur aus Dresden ohne Vorstrafen. Er hatte nicht mal einen Eintrag im Verkehrsregister. Als 2015 Flüchtlinge kamen, stieß Nino K. zu Pegida, im Juli hielt er sogar eine Rede.

Lutz Bachmann bat um einen "Riesenapplaus", als Nino K. die Bühne betrat. Der las einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel vor. Unter dem Gejohle der Pegida-Anhänger bezeichnete er sie als "Volksverräterin", sprach von "faulen Afrikanern", die angeblich die Sozialkassen plündern (zum Video). Und von der Vernichtung "unserer christlich-deutschen Kultur". Seine Rede schloss Nino K. mit der Formulierung, dass Merkel "keine Gnade erhalten" werde. Bachmann dankte ihm anschließend für die "starken und deutlichen Worte".

Doch Nino K. wollte es nicht bei Worten belassen. Das Landgericht sieht es als erwiesen an, dass K. unter Pegida-Sympathisanten nach Gleichgesinnten suchte. Doch niemand wollte sich ihm anschließen. Ende August 2016 begann er mit der Herstellung von Sprengsätzen. Den Anschlag auf die Moschee plante er präzise. K. wohnte nur wenige Meter von dem Gebäude entfernt. Aus Sicht des Landgerichts wusste er genau, dass sich in der Moschee auch eine Wohnung befindet. Dass die Familie des Imams dort lebte.

"Das kann ich nie in meinem Leben vergessen"

Den Sprengsatz baute er selbst: aus einem Papierkorb, in dem sich drei Rohrbomben befanden, die mit scharfkantigen Metallstücken gefüllt waren. Ein Sprengsatz war mit einer Zeitschaltuhr verbunden. Am 26. September, 21.48 Uhr, detonierte nach einer Fehlfunktion nur einer der drei Sprengsätze. Die Wucht reichte aus, um die Eingangstür nach innen zu drücken. Die Kinder riefen: "Die wollen uns alle ermorden." So hat es der Imam vor Gericht ausgesagt. Die Ehefrau hat Richter Pröls berichtet, wie erschrocken sie gewesen sei. "Das kann ich nie in meinem Leben vergessen." Die Familie hat Dresden verlassen, befindet sich in psychologischer Behandlung.

Ein Rechtsmediziner erklärte im Zeugenstand, die Rohrbombe hätte einen Menschen töten können, wenn sie direkt neben ihm explodiert wäre. Ein Experte des Landeskriminalamts zeigte sich nach einem Test überrascht von der Wirkung des Sprengsatzes. Nach der Explosion an der Moschee fuhr Nino K. mit seinem Motor-Roller zum Kongresszentrum, um den nächsten Sprengsatz zu zünden. Nach den Taten gab es wochenlang keine Spur vom Täter. Die Polizei veröffentlichte Bilder einer Überwachungskamera. Sie zeigten einen Mann mit Motorradhelm. Nino K.

Nino K. wollte ein Zeichen setzen

In Panik vor seiner Entdeckung warf K. weitere Sprengsätze weg. Schließlich führten die Ermittler DNA-Spuren auf den benutzten Sprengsätzen zum Täter. Am 8. Dezember 2016 wurde er festgenommen. Als der Richter bei der Haftprüfung darauf hinwies, K. drohe eine Haftstrafe, soll der entgegnet haben: Wenn er sich nur "schwarz anmale", werde er schon Bewährung bekommen.

Vor Gericht äußerte sich Nino K. selten zu den Vorwürfen, sagte, er habe mit dem Anschlag ein Zeichen setzen wollen. Vom Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit distanzierte er sich. Während einer Zeugenaussage bedrohte er einen Polizisten, der als Zeuge aussagte. "Ich mach' dich fertig mein Freund", soll Nino K. zu dem Beamten gesagt haben und: "Wir sehen uns wieder!" Am letzten Prozesstag zeigte der 31-Jährige Reue über seine Tat: "Ich habe einen Riesenfehler gemacht, den ich zutiefst bereue, sagte er. "Es tut mir auch leid für die Familie." Er habe "nie im Entferntesten" daran gedacht, jemand töten zu wollen. Das Gericht wertete das als nicht wirklich ernst gemeinte Formalie.

Ein Lehrstück über die Überforderung der Polizei

Der Prozess legte offen, wie sich ein Normalbürger innerhalb kürzester radikalisierte. Auf dem Computer von Nino K. fanden die Ermittler Texte und Bilder, die aus Sicht des Gerichts die politisch rechte Haltung des Angeklagten beweisen. Darunter einen Appell an "nichtdeutsche Freunde". Darin heißt es: "Wenn es einen Anschlag gibt, dann kann keiner für eure Sicherheit garantieren." In einem Brief beschwerte sich K. auch über den Rundfunkbeitrag. Man solle sich ein Geschichtsbuch besorgen und nachlesen, "was mit Kriegsverbrechern passiert und mit jenen, die sie unterstützten." Richter Herbert Pröls sieht darin eine Drohung, die sich gegen Medienanstalten richtet.

Der Prozess war auch ein Lehrstück über die Überforderung der sächsischen Polizei. Während des Verfahrens wurden zahlreiche Ermittlungspannen offenbar: Schaulustige und Journalisten konnten am Tag nach der Tat über das Gelände der Moschee laufen. Spuren, die etwa die Explosion einer Rohrbombe hätten nachweisen können, wurden vernichtet. Die Polizei ging zunächst von einem Brandsatz aus, obwohl sich am Tatort zwei weitere Rohrbomben befanden.

Einen Metallsplitter und somit den Hinweis auf eine Explosion fanden die Ermittler erst Monate später in einer Tüte mit Abfall. Der Fund wurde weder dokumentiert, noch auf Spuren untersucht. Ein Brandgutachter polierte den Splitter blank. Die Testsprengung der zwei am Tatort gefundenen Rohrbomben wurde nicht ausreichend dokumentiert. Ein Sprengsachverständiger des Bundeskriminalamt musste den Versuch wiederholen, was zur Verzögerung der Gerichtsverhandlung führte.

Dann krachte es

Auch die Befragung von Zeugen war mangelhaft. Das Gericht verdonnerte den Hauptermittler nachträglich, einen Rentner vernehmen zu lassen, der zur Tatzeit in einem Nebengebäude der Moschee wohnte. Direkt nach dem Anschlag war niemand auf die Idee gekommen, mit dem Mann zu sprechen, obwohl er als erster am Tatort war.

Der Rentner berichtete dem Ermittler, er habe ins Bett gehen wollen. In seinem Zimmer brannte noch Licht, die Gardine sei noch nicht geschlossen gewesen. Dem Ermittler zufolge hätte Nino K. den Lichtschein sehen müssen. Ein Lichtschein, der K. nicht davon abhielt, die Bombe vor der Eingangstür zu platzieren. Er verließ den Tatort. Als die Sprengsätze nicht zündeten, kehrte er noch einmal zurück. Eine halbe Stunde soll er an der Konstruktion herum gedoktert haben. Dann krachte es.

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