Berlusconi-Ankläger Liberati Kein Job für schwache Nerven

Wenn Silvio Berlusconi die "linke" Justiz attackiert, meint er meist Edmondo Bruti Liberati. Der Staatsanwalt klagt Italiens Premier in der Ruby-Sexaffäre an. Der Politik ist er schon lange unangenehm - und wurde sogar vom Geheimdienst abgehört.

Von Andrea Bachstein, Rom

Für jemanden mit schwachen Nerven ist der Job nicht geeignet: Edmondo Bruti Liberati, der Mailänder Oberstaatsanwalt, hat die Eröffnung eines Prozesses gegen den italienischen Ministerpräsidenten beantragt. Die Vorwürfe lauten auf Amtsmissbrauch und Prostitution Minderjähriger.

Seine juristische Qualifikation steht außer Zweifel, vielen Politikern sind seine Ermittlungen ein Dorn im Auge: Edmondo Bruti Liberati, Mailänder Oberstaatsanwalt und Berlusconi-Ankläger.

(Foto: AFP)

Unerschrocken hat Bruti Liberati seit Monaten im Fall "Rubygate" die Ermittlungen führen lassen, durch die peinliche Details aus dem Privatleben Silvio Berlusconis bekannt wurden. Das provozierte die heftigsten Attacken des Premiers und seiner Parteigänger. Sie werfen der Staatsanwaltschaft vor, aus politischen Motiven zu handeln und ihre Kompetenzen zu überschreiten. Der erboste Berlusconi behauptete gar, sie riskierten "einen Bürgerkrieg".

Als es dem 66-jährigen Bruti Liberati zu dumm wurde, veröffentlichte er kühl eine Mitteilung: "Die Staatsanwaltschaft Mailand geht ihrer täglichen Arbeit mit ganzem Ernst nach und in voller Übereinstimmung mit den Verfassungsprinzipien der Gleichheit aller vor dem Gesetz, der Pflicht, Straftaten zu verfolgen und der Unschuldsvermutung." Ebenso bestimmt schritt er ein, als eines der Kampfblätter Berlusconis mit Rufmordmethoden eine der beteiligten Staatsanwältinnen attackierte - wegen einer angeblichen Liebesaffäre aus dem Jahre 1982.

Der Mann mit der großen Hornbrille wirkt unaufgeregt. Wenn er spricht, zieht er häufig die Augenbrauen empor, und wenn er vorliest, merkt man ihm die Gewohnheit an, aus unendlich langen Akten zu zitieren. Die juristische Qualifikation Bruti Liberatis, der einem Grafengeschlecht aus Ripatransone in den Marken entstammt, steht außer Zweifel. Vergangenes Jahr ist er mit großer Mehrheit zum Oberstaatsanwalt der lombardischen Metropole gewählt worden. Sein Spezialgebiet waren zuvor Delikte gegen die öffentliche Verwaltung gewesen.

In einer anderen Funktion seiner 1970 begonnenen Justizlaufbahn war er zuständig für Steuer- und Wirtschaftskriminalität und hat spektakuläre Fälle wie den Zusammenbruch der Bank Antonveneta bearbeitet. Sein Ruf in dieser Materie war so gut, dass er ins Überwachungsgremium von Olaf berufen wurde, dem Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung. Doch von 2002 an wollte ihn die Regierung Berlusconi nicht mehr dort haben. Der Oberstaatsanwalt gehörte von 1981 bis 1986 dem Höchsten Richterrat an, oberstes Gremium der Selbstregierung der italienischen Richterschaft, und war später Präsident des Nationalen Richterverbandes.

Er gilt als liberal, seine Gegner sagen, er sei links. Was es bedeutet, der Regierung unbequem zu sein, hat er schon vor dem Fall Ruby erfahren. Bruti Liberati war einer der profilierten Staatsanwälte und Richter, die der italienische Geheimdienst Sismi zwischen 2001 und 2006 abhörte und überwachte.

Über Liberatis Privatleben ist wenig bekannt, außer dem tragischen Umstand, dass sein einziger Sohn mit 31 Jahren bei einem Motorradunfall starb. Wenn es tatsächlich zum Prozess kommt, wird Bruti Liberati Justizgeschichte schreiben. Wenn nicht, wird er Berlusconi weiter als Paradefall für seine Justizattacken dienen.

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