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Extremismus - Berlin:Rassismus: Laut Opferberatung viele Bedrohungen und Angriffe

Berlin
Informationsmaterial zum Thema rassistische und diskriminierende Vorfälle liegt auf einem Tisch. Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/ZB/Symbolbild (Foto: dpa)

Berlin (dpa/bb) - 390 zumeist rassistische, homosexuellenfeindliche und antisemitische Angriffe und Bedrohungen sind in Berlin im vergangenen Jahr von der Opferberatungsstelle Reachout gezählt worden. Das waren deutlich mehr als im Vorjahr (309) und zudem der höchste Stand seit Einrichtung der Beratungsstelle 2001. Durch die Taten wurden mindestens 509 Menschen verletzt oder bedroht, wie Sabine Seyb von Reachout am Mittwoch sagte.

Mehr als die Hälfte der Taten waren rassistisch motiviert (219). 105 Angriffe richteten sich gegen Schwule und Transsexuelle. 31 Vorfälle waren antisemitisch, etwas weniger als im Vorjahr (44). Außerdem wurden auch noch Angriffe auf Obdachlose, Behinderte, politische Gegner und Journalisten erfasst. Meistens handelte es sich um Körperverletzungen. Aber auch Bedrohungen und Brandanschläge auf Autos wurden erfasst.

Reachout sammelt die Daten nach eigenen Angaben anhand von Mitteilungen der Polizei, Medienberichten sowie Meldungen von Zeugen und Betroffenen. Hinzu kommen Angaben anderer Initiativen in den Bezirken. Damit werden auch Ereignisse und Taten erfasst, die nicht bei der Polizei angezeigt wurden. Entscheidend sei die Wahrnehmung des Opfers und nicht die juristische Einordnung als Gewaltdelikt, sagte Seyb. Die Polizei registrierte im letzten Jahr 153 Gewalttaten von Rechtsextremisten.

Die meisten Angriffe und Bedrohungen fanden in den Innenstadt-Bezirken Berlins statt. In Mitte, unter anderem mit den Stadtteilen Mitte, Wedding und Tiergarten, waren es 97 Taten, dann folgte Neukölln mit 43. Etwa ein Drittel der Angriffe (136) ereignete sich auf Straßen und Plätzen, weitere 111 an Haltestellen und in Bahnhöfen. Zahlreiche Übergriffe meldeten die Opfer aber auch von Orten wie Kneipen, Supermärkten, dem Arbeitsplatz oder dem direkten Umfeld der Wohnung.

Als Beispiele nannte Seyb Vorfälle, bei dem einer Frau brutal ein Kopftuch heruntergerissen wurde oder Schüsse auf die Wohnungstür einer Flüchtlingsfamilie fielen.

Seyb sagte über die gestiegene Gesamtzahl: "Wir gehen davon aus, dass sich die Täter von den Debatten in und außerhalb der Parlamente gestärkt fühlen. Und diese Debatten werden nicht nur von der AfD geführt, sondern auch von Politikern der demokratischen Parteien." Der Rückgang der Zahl der judenfeindlichen Angriffe liege möglicherweise an der "Entschlossenheit, mit der in Berlin seit einigen Jahren dagegen vorgegangen wird".

Dass ein deutlicher Anteil der Angriffe auf Schwule und Transsexuelle in den Partykiezen von Neukölln, Kreuzberg und Schöneberg aus der muslimischen Szene komme, sieht ebenso wie die Betroffenenverbände und die Polizei auch Reachout so. Seyb will aber nach eigener Aussage keine Debatte über Tätergruppen führen. Das lenke davon ab, dass es um ein "gesamtgesellschaftliches Problem" gehe. Auf die Frage, warum Reachout keine Gewalttaten und Angriffe von Linksextremisten dokumentiere, sagte Seyb: "Das ist schlichtweg nicht unsere Aufgabe." Es gehe um rechtsmotivierte Taten.

Die Sammelstelle Berliner Register, die auch Propagandadelikte wie Schmierereien und Aufkleber, sowie Beleidigungen und Bedrohungen zählt, kam auf 3277 Vorfälle (2018: 3405). Kati Becker von den Registern betonte die Wichtigkeit dieser Erfassung, um auf das ständige Problem aufmerksam zu machen: "Es ist ein Unterschied, ob ich beobachte, wie jemand rassistisch behandelt werde oder ob ich selber mehrmals im Jahr betroffen bin."

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