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Euthanasie in der NS-Zeit:400 Kinderhirne im Keller der Anstalt in Gläsern verwahrt

Nach Überzeugung der Nationalsozialisten mussten sich Individuen als Bestandteil der Gemeinschaft fühlen, damit das deutsche Volk langfristig überleben konnte. Der soziale Zusammenhalt war eines der faschistischen Ideale. Mentale und emotionale Normen wurden entwickelt. Schon geringfügige Verhaltensabweichungen einzelner Menschen öffneten das Tor zu neuen Diagnosen.

Damit zeichnet Sheffer ein genaues wie ungeheuerliches Bild davon, wie sehr gerade Mediziner unter den Nationalsozialisten dazu beitrugen, Menschen auszusortieren und zu töten. Asperger ist für sie ein prominentes Beispiel für jene Ärzte, die sich mit dem Regime arrangierten und versuchten, sich nicht die Hände schmutzig zu machen, aber auch nicht dagegen rebellierten.

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Asperger war weder ein überzeugter Gegner noch ein fanatischer Anhänger der Nazis. Er war gläubiger Katholik und trat der NSDAP nie bei. Sein Verhalten aber sei exemplarisch für das Abdriften etlicher Menschen in die Mittäterschaft.

Welche Auswirkungen das für manche seiner Patienten hatte, erklärt sie in ihrem Buch, immer und immer wieder. Als würde sie auf immer unterschiedlichen Pfaden stets auf das gleiche Ziel zusteuern, münden ihre Erläuterungen immer aufs Neue in eine Aussage: Hans Asperger habe Kinder wissentlich in den Tod geschickt. Er sei in die Überweisung von mindestens 44 jungen Menschen in die Anstalt "Am Spiegelgrund" verwickelt gewesen, schreibt sie.

In den Jugendstilpavillons der Nervenheilanstalt am Rande Wiens wurden von Juli 1940 an Kinder aufgenommen, die aus Sicht der Nationalsozialisten keinen Nutzen für die Gesellschaft hatten.

Und Asperger arbeitete mit den führenden Köpfen des Kindereuthanasieprogramms zusammen. Am 15. August wurden die ersten umgebracht, im Pavillon Nummer 15 der Anstalt. Dort rührte ihnen das Pflegepersonal hochdosierte Barbiturate, Schlafmittel, ins Essen oder die Getränke, als Folge der Medikamente erkrankten die geschwächten Kinder an einer Lungenentzündung. Viele von ihnen starben daran, weil die Ärzte und Krankenpfleger die Infektionen nicht behandelten.

Andere Patienten verhungerten langsam und qualvoll. Hier beruft sich Sheffer auch auf die Forschungsarbeit des Wiener Medizinhistorikers Herwig Czech, der vor ein paar Monaten dazu einen Fachartikel veröffentlicht hat. "Aspergers Beschreibungen dieser Kinder fielen härter aus als die des Personals der Anstalt" schreibt er.

Der Kinderarzt selbst aber war an der Universitätsklinik tätig, nicht "Am Spiegelgrund". Er verabreichte keine todbringenden Medikamente. Vielleicht ahnte Asperger ja nicht, wohin er die Kinder schickte? Das schließt Sheffer aus: Im Oktober 1945 sagte einer der ehemaligen Leiter der Anstalt vor Gericht aus, dass Asperger ebenso wie seine Kollegen an der Wiener Universitätsklinik genau wussten, was die jungen Patienten erwartete.

Sheffer nimmt sich in ihrem Buch die Zeit, im Detail auf zwei Kinder einzugehen, die von Asperger persönlich in die Anstalt überwiesen wurden. Gerade diese Details machen die Stärke ihres Buchs aus, sie zwingen den Leser hinzusehen und mitzufühlen, zum Beispiel mit der fünfjährigen Elisabeth Schreiber.

Nach einer Hirnentzündung konnte das Mädchen nicht mehr sprechen, wird jedoch in den Akten als freundliches, anhängliches Wesen beschrieben. Das hielt die Ärzte nicht davon ab, zusätzlich zur Gabe der Schlafmittel auch Rückenmarkspunktionen bei ihr vorzunehmen, vermutlich als medizinische Experimente. Nach ihrem Tod wurde ihr Gehirn zum Teil einer Sammlung von insgesamt 400 Kinderhirnen, im Keller der Anstalt in Gläsern verwahrt.

Aspergers Tätigkeit unter dem Nationalsozialisten beeinträchtigte seine Karriere nicht

Hans Asperger stieg nach dem Zweiten Weltkrieg nach ein paar Jahren zum Chefarzt der Universitätskinderklinik in Wien auf, er hatte damit landesweit die wichtigste Position seines Fachbereichs inne. Seine Tätigkeit unter dem Nationalsozialisten hatte keinerlei Folgen für ihn und seine Karriere, über Jahrzehnte lang konnte er Medizinstudenten und junge Ärzte prägen, bis in die 1960er Jahre waren die Hörsäle in Wien gut gefüllt, wenn Asperger Vorlesung hielt.

Und es ist Historikern wie Edith Sheffer und auch Herwig Czech zu verdanken, dass sich der Blick auf Wiener Kinderarztes endlich verändert. In der neuesten Auflage des amerikanischen Diagnosemanuals DSM-5 kommt das Asperger-Syndrom bereits nicht mehr vor, aus wissenschaftlichen Gründen. Auch aus den Lehrbüchern dürfte der Name des Kinderarztes nun bald verschwinden.

Sheffer mahnt aber, nicht zu vergessen. Wie gesellschaftliche und politische Kräfte medizinische Diagnosen prägen können. Und wie schwer es fallen kann, diesen Kräften zu widerstehen.

Edith Sheffer: Aspergers Kinder - Die Geburt des Autismus im "Dritten Reich". Campus, Frankfurt 2018. 356 Seiten, 29,95 Euro. E-Book: 25,99 Euro.