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Europäischer Trauerakt:Merkel: "Jetzt ist es an uns, Ihr Vermächtnis zu wahren"

  • Mit einem historischen Trauerakt hat Europa Abschied von einem seiner bedeutendsten Staatsmänner genommen.
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte Kohl in einer bewegenden Trauerrede einen Brückenbauer zwischen Ländern und Menschen.
  • Der frühere US-Präsident Bill Clinton betonte, das 21. Jahrhundert habe mit Kohl begonnen.

Letzte Ehre für Helmut Kohl: Mit einem historischen Trauerakt haben sich internationale Staats- und Regierungschefs im Europaparlament in Straßburg vom verstorbenen Altkanzler verabschiedet. Bundeskanzlerin Angela Merkel verneigte sich vor Kohl als großem Brückenbauer zwischen Ländern und Menschen. "Er war ein den Menschen zugewandter Weltpolitiker", sagte Merkel. Sie dankte Kohl auch persönlich: "Lieber Bundeskanzler Helmut Kohl, dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben", sagte Merkel über ihren politischen Ziehvater. Sie richtete dabei ihren Blick auf den Sarg und hatte später Tränen in den Augen.

"Jetzt ist es an uns, Ihr Vermächtnis zu bewahren", sagte Merkel weiter, dieses sei der engagierte, unermüdliche Einsatz für Frieden, Freiheit und Einheit. Sie schilderte Kohl als einen Mann der absoluten Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und unerschütterlichen Überzeugung, aber auch als einen Politiker, an dem sich viele Menschen gerieben hätten. Merkel erinnerte auch an Kohls erste Ehefrau Hannelore, die sich 2001 das Leben genommen hatte: "Wir gedenken auch ihrer in Dankbarkeit." Über Kohls Witwe Maike Kohl-Richter sagte Merkel, sie habe den Altkanzler "voller Hingebung und Liebe begleitet bis zuletzt". Ihr Mitgefühl gelte ihr und "allen, die in Helmut Kohls Familie um ihn trauern". Mit seinen Söhnen Peter und Walter hatte sich Kohl nicht mehr versöhnt.

Clinton: "Ich habe ihn geliebt"

Helmut Kohl Europa nimmt Abschied von Helmut Kohl Video
Altkanzler

Europa nimmt Abschied von Helmut Kohl

An diesem Samstag wird der Altkanzler beigesetzt. Die gesamte Trauerzeremonie erstreckt sich über zehn Stunden und zwei Länder. Kohls Sarg wird per Hubschrauber und Schiff transportiert.   Von Detlef Esslinger

In einer humorvoll-melancholischen Rede würdigte der frühere US-Präsident Bill Clinton den verstorbenen Altkanzler. Seine Frau Hillary habe einst zu ihm gesagt, dass er Kohl deswegen so sehr möge, weil dieser der einzige Mensch mit einem größeren Appetit sei als er selbst. "Ich liebe diesen Kerl, weil sein Appetit weit über das Essen hinausging", fuhr Clinton fort. So habe sich Kohl stets für eine Welt eingesetzt, die von niemandem dominiert werde und in der die Zusammenarbeit über Konflikten stehe. Kohls Vermächtnis sei der Einsatz für Frieden, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. "Du hast in deinem Leben einen guten Job gemacht", beendete Clinton seine Rede und setzte hinzu: "Ich habe ihn geliebt."

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker erinnerte mit Blick auf den in eine blaue Europaflagge gehüllten Sarg an seinen Freund, der ein "europäisches Deutschland und nicht ein deutsches Europa" gewollt habe. In "geduldigen Einzelgesprächen" habe er die Skepsis in manchen Ländern gegen die deutsche Einigung abgebaut. Juncker wagte auch einen Witz: "Lieber Helmut, du bist jetzt im Himmel. Versprich mir, dass du dort nicht als erstes einen CDU-Ortsverband gründest." "Mit Helmut Kohl verlässt uns ein Nachkriegsgigant", setzte er sogleich staatsmännisch hinzu. Und dann: "Du, mein lieber Freund, hast nach einem reich gefüllten Leben, Ruhe verdient. Ewige Ruhe", schloss Juncker sichtlich bewegt.

"Architekt der aktuellen Weltordnung"

EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani würdigte Kohl als "politischen Giganten", der ein Kämpfer für Freiheit und Demokratie gewesen sei. "Stets und überall verteidigte er die Würde des Menschen gegen Mauern, gegen eiserne Vorhänge und gegen totalitäre Regime", sagte Tajani. EU-Ratspräsident Donald Tusk betonte, Kohls Vision sei weit über die deutschen Grenzen und die deutschen Interessen hinausgegangen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lenkte den Blick auf die Gegenwart und hob die Bedeutung von Kohls Werk für seine Generation hervor. Frankreich und Deutschland hätten es geschafft, aus Feinden Völker zu machen, die befreundet seien, sagte der 39-Jährige. Macron, der seine Rede auf Französisch hielt, sagte am Ende auf Deutsch: "Wir haben heute überhaupt keinen Anlass zur Resignation. Wir haben vielmehr Grund zu realistischem Optimismus." Der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew, der als Privatperson sprach, würdigte Kohl als "Architekten der aktuellen Weltordnung" und lobte dessen Verdienste um die deutsch-russischen Beziehungen.

Hochrangige Gäste beim ersten europäischen Trauerakt

Trauerfeierlichkeiten für Altkanzler Kohl

Merkel verneigt sich vor dem Sarg von Helmut Kohl im EU-Parlament in Straßburg

(Foto: dpa)

Nach den acht Reden erhoben sich die Anwesenden und sangen die deutsche Nationalhymne. Dann ertönte die zur Europahymne gewordene Neunte Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Schließlich trugen Soldaten den Sarg aus dem Saal und beendeten den ersten europäischen Trauerakt. Unter den Gästen waren unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Großbritanniens Premierministerin Theresa May, Italiens Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, Vertreter des spanischen Königshauses sowie Ex-EU-Parlamentspräsident und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

Von Straßburg aus brachte ein Hubschrauber den Sarg zurück nach Ludwigshafen, wo er in einem Trauerkonvoi durch die Innenstadt gefahren werden soll. Die letzten Kilometer bis nach Speyer wird der Leichnam Kohls mit einem Schiff transportiert. Im Dom zu Speyer wird der katholische Bischof Karl-Heinz Wiesemann die Totenmesse halten, zu der etwa 1500 geladene Gäste erwartet werden. Nach einem militärischen Ehrenzeremoniell der Bundeswehr soll Kohl gegen 20.30 Uhr auf einem nahen Friedhof im Freundes- und Familienkreis beigesetzt werden. Kohl wird auf Wunsch seiner Witwe nicht im Familiengrab in Ludwigshafen bestattet. Ein Großaufgebot der Polizei mit mehr als 1000 Beamten sichert die Trauerfeierlichkeiten. Die Beisetzung dürfte zu den größten Beerdigungen in der deutschen Nachkriegsgeschichte zählen. Alleine in Speyer werden Tausende Menschen erwartet.

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