bedeckt München 21°
vgwortpixel

EU-Gipfel:Müde und genervt gehen die Regierungschefs auseinander

Von gemeinsamen Erklärungen kann 2012 keine Rede mehr sein. Es geht auf drei Uhr morgens zu, als die Staats- und Regierungschefs auseinander gehen. Der geschäftsführende Präsident des Rats, der Zyprer Dimitris Christofias, lehnt genervt und müde an einer roten Theke, bis ihm ein Höfling signalisiert, dass seine Limousine vorgefahren sei - ebenfalls ein deutsches Fabrikat. Nach und nach tröpfeln seine Kollegen hinterher: der Portugiese Pedro Passos Coelho, der völlig erledigt aussieht und ohne ein Wort verschwindet; Luxemburgs Premier Jean Claude Juncker, der zum Abschied noch ein paar Worte verliert.

Dann bildet sich ein Stau aus übermüdeten Höflingen, Sicherheitsleuten, Mitarbeitern, Staats- und Regierungschefs. Mittendrin: Zentralbankchef Mario Draghi, der bei keiner Frage, die ihm von den Presseleuten auf Englisch, Italienisch oder Französisch serviert wird, auch nur ein Grübchen verzieht, er wirkt ausdrucksloser als seine eigene Wachspuppe. Schließlich kommen die Männer, die im Juni noch durch die Gänge des Lipsius-Gebäudes mehr getanzt als gelaufen waren, damals standen sie kurz davor, die Arme hochzureißen wie Boxer, die sich für Sieger halten: Mario Monti, der italienische Ministerpräsident. Und Mariano Rajoy, der Regierungschef Spaniens.

Diesmal gehen sie, ohne viel zu sagen. Ob die Märkte jetzt enttäuscht sein werden, wird Monti noch gefragt. "Ich glaube nicht. Sie wissen, dass es keine sofortige Umsetzbarkeit geben konnte", sagt der Italiener - und entschwindet in die Nacht. Ähnlich bürokratisch hört sich Rajoy an. "Schaunmermal", setzt er an, "das Wichtige ist doch, dass ein Fortschritt erzielt worden ist." Was genau der Fortschritt sei? Keine Antwort.

40 Milliarden Münzgeld

Den ganzen Tag über hatten spanische Diplomaten versucht, zu leugnen, dass über Spaniens Finanzen geredet werde. Spanien war kein Thema, ist kein Thema, wird kein Thema. Steht nicht auf der Tagesordnung. Und überhaupt: Mittlerweile sei längst umrissen, wie viel Geld Spanien für seine Banken brauche - 40 Milliarden Euro. Natürlich wäre es besser, die jetzt nicht auf die Staatsschulden draufzuschlagen, sagen sie. "Wir brauchen das Geld nicht dringend." Und wenn sie dann sagen, dass diese 40 Milliarden doch nur vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts wären, dann klingt das so, als würden sie von Münzgeld sprechen. Von calderilla.

Während sich Rajoy am Ausgang um ein paar Worte müht, geben in der zweiten Etage Merkel und Hollande getrennte Pressekonferenzen. Beide hören sich wie Sieger an. Absurd ist nur: Über die vor dem Gipfel laut geforderten Euro-Bonds oder den Super-Kommissar mit Vetorecht haben sie gar nicht geredet. Auch der von Merkel im Bundestag vorgeschlagene Solidaritätsfonds wurde vertagt. "Alles Nebelkerzen", sagt ein Diplomat. Gestritten wurde über den Zeitplan, in dem die Aufsicht über die Banken der Euro-Zone eingerichtet werden soll - und damit der direkte Zugriff auf die Kredite des ESM. Und genau das bleibt vage. "Richtig so", freut sich ein belgischer Taxifahrer, der die Menschen um 4 Uhr morgens nach Hause fährt. Und gut, dass sich die Deutsche durchgesetzt habe. Denn: "Warum sollte ich für spanische Banken zahlen?"

© SZ vom 20.10.2012/sks
Zur SZ-Startseite