Unionsfraktionschef Es geht auch ohne Intrigen und Seilschaften

Ralph Brinkhaus zeigt seiner Partei, was ein Merkel-Nachfolger können und mitbringen muss. An seinem Bespiel kann die CDU lernen, wie man eine Spaltung verhindert.

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Die Rede ist jetzt viel davon, dass es so etwas noch nie gegeben habe. Gemeint ist damit, dass noch nie jemand einen amtierenden Unionsfraktionschef aus dem Amt gejagt hat. Doch so richtig das sein mag, so viel wichtiger sind die Umstände, unter denen Ralph Brinkhaus gesiegt hat.

Der neue Vorsitzende der Unionsfraktion hat mit einem viel bedeutenderen Gesetz der Macht gebrochen. Er hat widerlegt, dass man so eine Amtseroberung nicht alleine hinbekommt. Kein Netzwerk hat ihm geholfen, kein Flügel hat ihn getragen, keine Seilschaft hat vorher im großen Stil Truppen gesammelt. Stattdessen hat Brinkhaus gefühlt, dass es nicht bleiben kann, wie es gewesen ist.

Politik CDU "Die Fraktion steht ganz fest hinter Angela Merkel"
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"Die Fraktion steht ganz fest hinter Angela Merkel"

Es passe kein Blatt zwischen die Kanzlerin und ihn, sagt der neue Fraktionsvorsitzende der Union. Von der Opposition wird indessen die Forderung nach der Vertrauensfrage laut.

Er hat gespürt, dass die Menschen an der Basis dringend etwas Neues in der Bundespolitik wünschen. Und er hat seine Sehnsucht nach einem Neuanfang offen und redlich und ohne Aggression gegen andere vorgetragen. Das ist das wirklich Neue an diesem Ereignis. Und es ist eine kluge Reaktion auf die Erkenntnis, dass viele Menschen die alten, manchmal heimlichen, manchmal halböffentlichen Strippenzieher satthaben. Aber es ist noch mehr. Es zeigt allen, was möglich und nötig geworden ist, wenn die Zeit reif ist für einen Abschied. Brinkhaus nämlich ist nicht nur ein neues, nicht nur ein selbstbewusstes Gesicht. Sondern er hat auch jeder Versuchung widerstanden, sich offen oder verdeckt gegen die Kanzlerin zu positionieren. Er ist kein verkappter Jens Spahn, von dem man nur zu gut weiß, was er möchte. Brinkhaus hat Ton und Stil gewahrt. Das hat es ihm ermöglicht, bei Merkel-Gegnern wie Merkel-Sympathisanten zu punkten. Anders wäre dieser Sieg kaum möglich gewesen.

Sein Vorgehen ist deshalb so etwas wie die politische Blaupause für alle, die jetzt über einen Merkel-Nachfolger oder eine Nachfolgerin nachdenken. Brinkhaus ist keine Kopie Merkels und kein Gegenpol; er wird nicht als Akteur empfunden, der die vergangenen 13 Jahre wiederholen oder rückabwickeln möchte. Er schaut nicht zurück, sondern hat Lust auf die Zukunft. Und er vermittelt bislang glaubwürdig den Eindruck, dass er Überzeugungen mitbringt, aber keinen ideologischen Rigorismus.

Das ist der besondere Zauber, auf den es ankommt, wenn die CDU Anfang Dezember tatsächlich über einen Neuanfang an der Parteispitze entscheiden sollte. Alle, die darüber nachdenken, sollten sich bewusst machen, warum Brinkhaus gewonnen hat; und wie der neue Fraktionschef die Gefahr einer Spaltung in Merkel-Fans und Merkel-Gegner überwinden konnte.

Nach 13 Jahren Kanzlerschaft und 18 Jahren CDU-Vorsitz ist die Verlockung groß, Angela Merkel zu kopieren oder zu attackieren. Zu lange schon sind viele Christdemokraten, vor allem die, die politisch an vorderster Front kämpfen, entweder im Verteidigungs- oder im Angriffsmodus. Genau das ist gefährlich; es führt in die Irre, wenn man die CDU nicht nur führen, sondern auch in der Regierung halten möchte. Wer die große Rache sucht, ist fehl am Platz. Wer Merkel nur kopiert, wird keinen Neuanfang schaffen.

Der freilich ist auf Dauer unausweichlich. Und das gilt auch für eine neue Version eines moderaten Konservatismus. Wenn es in der CDU zu einem Machtwechsel kommen sollte, muss es einer sein, der das politische Spielfeld verändert. Es muss jemand kommen, der mehr als Merkel für Ordnung und Sicherheit steht, weil der Vertrauensverlust an dieser Stelle der AfD am meisten in die Hände gespielt hat. Und es muss jemand sein, der die Merkel-Zeit nicht verdammt, sondern bewusst weiter entwickelt.

Das bedeutet für die ehrgeizigsten CDU-Flügelspieler unter den Jüngeren - wie Daniel Günther auf der einen und Jens Spahn auf der anderen Seite -, dass sie noch viel lernen müssen. Und es bedeutet für andere wie Armin Laschet und Annegret Kramp-Karrenbauer, dass sie sich gut überlegen müssen, ob und wenn ja an welcher Stelle sie das Neue verkörpern können.

Peter Altmaier, Merkels enger Wegbegleiter, hat vor einigen Monaten gesagt, man solle nicht nur auf die immer gleichen Kandidaten schauen. Vielleicht kenne man den oder die noch gar nicht, die wirklich das Zeug zur Merkel-Nachfolge haben. Brinkhaus hat gezeigt, wie neu die Gesichter und wie groß die Überraschungen sein können.

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