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Erster Weltkrieg in den Kolonien:Eingeborene sind zum Sterben da

Die pittoresken Schauplätze, die Exotik des Koloniallebens machten es nicht leicht, diesen Wandel zu erkennen, der Teile der Politik, der Armee und der wenigen deutschen Siedler ergriffen hatte: Die "Eingeborenen" sollen nicht mehr missioniert, "gezähmt" oder "zivilisiert" werden. Sie sind zum Sterben da, wenn sie sich den Eroberern nicht fügen, und vielleicht selbst, wenn sie es doch tun. Noch kurz vor dem Krieg erschien ein Bestseller des populären Autors Gustav Frenssen, "Peter Moors Fahrt nach Südwest".

Darin heißt es über den Hereroaufstand: "Die Schwarzen haben vor Gott und Menschen den Tod verdient, nicht weil sie gegen uns aufgestanden sind, sondern weil sie keine Häuser gebaut und keine Brunnen gegraben haben. Gott hat uns hier siegen lassen, weil wir die Edleren sind. Den Tüchtigeren, den Frischeren gehört die Welt. Das ist Gottes Gerechtigkeit."

Noch berühmter als Frenssen war die Jugendbuchautorin Jenny Koch. Sie schrieb 1910 "Die Vollrads in Südwest" als "Erzählung für junge Mädchen": Die halbwüchsige Heldin erlebt den Untergang der Herero und fragt unter Tränen ihren Vater: "Hatten wir dazu ein Recht?". Die Antwort: "Das Recht, das schon gilt, solange die Welt steht, und erst mit ihr vergehen wird: das Recht des Tüchtigeren."

Nach 1918 gab es zahlreiche Bücher wie "Heia Safari!", welche dem Kolonialreich des Kaisers entweder nachtrauerten oder dessen Rückgabe forderten. In der Weltbühne spottete Carl von Ossietzky 1928, der Versailler Vertrag habe den Deutschen auch Nutzen gebracht: "Es ist aus der Sphäre des Imperialismus heraus, und es muss kein Deutschland in Übersee verteidigen." 1945 ließ die NS-Filmindustrie Heinz Rühmann noch mit "Quax in Afrika" bruchlanden, womit die deutsche Kolonialnostalgie ein unfreiwilliges Ende fand.

Brechts Gedicht für die deutschen Gefallenen in China

Dann wurde es sehr still um Deutschlands Afrika. Mit den Kolonialwarenläden starb auch diese Erinnerung aus, es gibt noch die Brauerei im chinesischen Tsingtau, ein paar Ruinen im Sand und die hübschen deutschen Häuser und nachgeahmten Burgen in Windhuk. 1961 schrieb der US-Schriftsteller Thomas Pynchon mit "V." einen 1922 im früheren "Südwest" angesiedelten Roman, in dem er deutliche Parallelen zwischen den Morden an den Afrikanern und später den Juden zog.

Erst Uwe Timm erinnerte 1978 mit dem Roman "Morenga" an das afrikanische Abenteuer, ein intelligentes Vexierspiel über die Empfindung des Fremdseins. Überraschenderweise hat in jüngerer Zeit Gerhard Seyfried, einst Kult-Zeichner der linken Jugend und der Hausbesetzerszene, die koloniale Vergangenheit wiederentdeckt und in den Romanen "Herero" und "Gelber Wind" (über den Boxer-Aufstand in China) aus Sicht ganz normaler Protagonisten von damals zu beschreiben versucht. In linken Theorieschriften wird er dafür albernerweise als eine Art literarischer Neokolonialist geschmäht.

Der globale Krieg hat auf deutscher Seite keinen Lawrence von Arabien hervorgebracht. Das Kolonialreich verflog wie ein Spuk. Bertolt Brecht, immerhin, widmete den 1914 in Tsingtau für eine verlorene Sache gefallenen Soldaten ein Gedicht: "Schreit, dass es gellt in Verzweiflung . . . Aufschluchzen ... Gruß ... / Hin in Grund und Brand: / Mein Deutschland."

Aber eines der großen Werke der Weltliteratur erwuchs aus einer Tragödie, die aus deutscher Sicht nur eine Fußnote des globalen Krieges war, sofern man sie überhaupt zur Kenntnis nahm: der Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich. Die Kriege auf dem Balkan waren immer von wilder Grausamkeit gewesen, aber hier kam etwas Neues: Der Wille, ein zum inneren Feind erklärtes Volk zu vernichten.

Der österreichische Schriftsteller Franz Werfel hat am Beispiel einer wahren Begebenheit mit "Die vierzig Tage des Musa Dagh" den Opfern wie dem Kampf um die menschliche Würde an sich ein epochales Denkmal gesetzt: Eine kleine Schar von Armeniern verteidigt sich auf dem Berg Musa Dagh gegen die Übermacht des osmanischen Militärs (hier mehr dazu). Als das Buch im November 1933 in Österreich erschien, wurde es in Deutschland sogleich verboten.

© SZ vom 22.07.2014/odg

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