bedeckt München -1°

Erster und Zweiter Weltkrieg in Osteuropa:Geteiltes Gedenken

Deutsche Soldaten durchsuchen Partisanen, 1942

Hinter der Ostfront 1942: Deutsche Soldaten durchsuchen einen 15-jährigen und ein 16-jährigen Jungen. Laut zeitgenössischer Bildunterschrift soll es sich um "Partisanen" handeln - ob das tatsächlich der Fall war, ist nicht mehr zu klären. Vermutlich sind die beiden Jugendlichen getötet worden.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Manche Wunden der Weltkriege im östlichen Mitteleuropa sowie den angrenzenden Gebieten Weißrusslands, der Ukraine und Südosteuropas bluten bis heute. Und bis heute sind diese Regionen, in der Symbolorte wie Sarajevo und Auschwitz liegen, ein Krisenareal, das abermals zum Schauplatz eines Krieges werden könnte.

Kommentar von Klaus Brill, Warschau

Es sind keine angenehmen Jubiläen: Vor genau 100 Jahren, in den ersten Tagen des August 1914, brach der Erste Weltkrieg aus. Und am 1. September werden 75 Jahre vergangen sein, seit Deutschland mit dem Überfall auf Polen 1939 den Zweiten Weltkrieg begann. Beide Ereignisse haben das Gesicht des europäischen Kontinents für immer verändert - und beide wirken bis heute nach.

Nirgendwo sind die Spuren so tief wie in jener europäischen Schicksalslandschaft, die in diesem schrecklichen Jahrhundert die tiefsten Umbrüche, die grausamsten Massaker und die schwersten Zerstörungen erlitten hat: dem östlichen Mitteleuropa sowie den angrenzenden Gebieten Weißrusslands, der Ukraine und Südosteuropas. Manche Wunden bluten dort bis heute, und bis heute ist diese Region, in der Symbolorte wie Sarajevo und Auschwitz liegen, ein Krisenareal, das abermals zum Schauplatz eines Krieges werden könnte.

An seinen Rändern liegen Deutschland und Russland, die beiden Hauptverursacher des Leids im 20. Jahrhundert. Sie waren bis zum Ersten Weltkrieg Nachbarn, nachdem sie sich bei den polnischen Teilungen die zwischen ihnen liegenden Gebiete einverleibt und den Süden der Habsburger Monarchie überlassen hatten. Der Kollaps der drei Kaiserreiche im Ersten Weltkrieg zog dann die Gründung elf neuer Staaten nach sich.

Diese Nationen erinnern sich zum Teil bis heute an die Jahre nach 1917 als einen erfreulichen Wendepunkt in ihrer Geschichte, an den sie 1989 - dem Jahr der zweiten Befreiung - anschließen konnten. Das gilt gewiss für Polen, die Tschechoslowakei, Litauen, Lettland und Estland.

Den Ukrainern und Weißrussen werden die uneingeschränkte Unabhängigkeit und demokratische Selbstbestimmung indes auch nach 100 Jahren noch verwehrt. Und andere sind, historisch gesehen, im Rückwärtsgang unterwegs, so die Ungarn und jene Serben, die jetzt in Sarajevo dem Attentäter von 1914, Gavrilo Princip, ein Denkmal setzten.

Je nach Standort ergeben sich beim Rückblick auf das bluttriefende Säkulum also sehr unterschiedliche Perspektiven. Insgesamt genießt der Jahrestag des Ersten Weltkriegs in Mittel- und Osteuropa freilich nur beschränkte Aufmerksamkeit. Dies ist wohl auch dadurch bedingt, dass der Erste vom Zweiten Weltkrieg buchstäblich in den Schatten gestellt wurde. Zwar ging die Zahl der Opfer zwischen 1914 und 1918 auch in Galizien in die Millionen.

Nichts aber reicht an jene apokalyptischen Gräueltaten heran, die von 1933 bis 1945 in den vom US-Historiker Timothy Snyder definierten Bloodlands verübt wurden. Dieses "Blutland" reicht von Zentralpolen bis Westrussland und schließt Weißrussland, die Ukraine und das Baltikum ein. "Mitten in Europa ermordeten das NS- und das Sowjet-Regime in der Mitte des 20. Jahrhunderts 14 Millionen Menschen", schreibt Snyder.

Hitlers Rassenhass auf Juden, Slawen und Roma kostete zwei Drittel dieser 14 Millionen Manschen das Leben. Der Rest geht auf das Konto von Stalin und dessen Klassenhass. Zu den Opfern des Sowjetdiktators zählten auch mehrere Millionen ukrainische Landbewohner, die zum Hungertod verurteilt wurden, dem sogenannten Holodomor.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema