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Streit über Islamismus:Erdoğan: Macron braucht "psychologische Behandlung"

Frankreich ruft wegen Beleidigung Botschafter aus Ankara zurück

Der türkische Präsident Erdoğan und sein französischer Kollege Macron im Januar bei einem Treffen in Berlin.

(Foto: Michael Sohn/dpa)

Nach verbalen Attacken des türkischen Präsidenten ruft Frankreich seinen Botschafter zu Konsultationen nach Paris. Die Stimmung zwischen den beiden Ländern hat sich stark verschlechtert.

Nach einem verbalen Angriff des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf den französischen Staatschef Emmanuel Macron hat Frankreich seinen Botschafter in Ankara zu Konsultationen zurückgerufen. "Die Worte von Präsident Erdoğan sind inakzeptabel", zitierte die französische Nachrichtenagentur AFP die Begründung aus dem Élyséepalast. "Wir lassen uns nicht auf unnütze Auseinandersetzungen ein und akzeptieren keine Beleidigungen", hieß es demnach weiter. Man fordere den türkischen Präsidenten auf, den Kurs seiner gefährlichen Politik zu ändern.

Erdoğan hatte am Samstag bei einem Kongress seiner Partei AKP in Kayseri in Zentralanatolien gegen "besorgniserregende Anzeichen einer wachsenden Islamfeindlichkeit in Europa" gewettert. Als Beispiel nannte er unter anderem Macron, der nach der Enthauptung des Lehrers Samuel Paty vor gut einer Woche dem radikalen Islamismus in Frankreich den Kampf angesagt hatte. Paty war von einem 18-Jährigen mit russisch-tschetschenischen Wurzeln getötet worden, nachdem er im Unterricht Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte.

"Was für ein Problem hat diese Person namens Macron mit dem Islam und Muslimen?", fragte Erdoğan bei der Veranstaltung am Samstag. Macron gehöre in psychologische Behandlung, fügte der türkische Präsident hinzu. Sein französischer Kollege verstehe die Glaubensfreiheit nicht.

Bei derselben Veranstaltung hatte sich Erdoğan auch kritisch zu einer Polizeirazzia in einer Berliner Moschee geäußert. Am Mittwoch hatten etwa 150 Polizisten in der deutschen Hauptstadt mehrere Firmen und eine Moschee wegen des Verdachts auf Corona-Subventionsbetrug durchsucht. Erdoğan hatte den Vorgang zuvor auf Twitter als rassistisch und islamfeindlich bezeichnet.

Verbalattacken von Erdoğan gegen Macron sind nicht unbedingt neu. Schon im vergangenen November hatte der türkische Präsident die psychische Gesundheit des Franzosen in Frage gestellt. Damals hatte Macron dem Verteidigungsbündnis Nato den "Hirntod" attestiert. Erdoğan sagte anschließend, Macron solle besser seinen eigenen Hirntod untersuchen lassen. Beleidigungen und Provokationen von Erdoğan habe es im Laufe des Sommers fast jede Woche gegeben, zitierte AFP den Élyséepalast. Diesmal gehe es aber auch um "den Kontext".

"Europa ist ein immer gefährlicherer Ort für Muslime"

Die Liste der aktuellen Streitpunkte zwischen Paris und Ankara ist lang: Unter anderem hatte Macron im Seegebietsstreit zwischen den EU-Ländern Griechenland und Zypern auf der einen Seite und der Türkei auf der anderen zur symbolischen Unterstützung Griechenlands zusätzliche Kriegsschiffe ins östliche Mittelmeer geschickt und sich offen für zusätzliche Türkei-Sanktionen gezeigt. Frankreich hatte außerdem die Einmischung der Türkei in den Konflikt in Berg-Karabach scharf kritisiert. Aserbaidschan kann sich in dem Konflikt mit Armenien um die seit Jahrzehnten zwischen beiden Ländern umstrittene Südkaukasusregion auf seinen "Bruderstaat" Türkei berufen.

Erdoğans Sprecher setzte am Sonntag nach und erhob Vorwürfe gegen die ganze EU. "Europa ist ein immer gefährlicherer Ort für Muslime", schrieb Fahrettin Altun in einer Reihe von Tweets. Bei den verletzenden Karikaturen oder Durchsuchungen von Moscheen gehe es gar nicht um die Meinungsfreiheit. Vielmehr gehe es darum, Muslime einzuschüchtern und sie daran zu erinnern, dass sie willkommen seien, um die europäische Wirtschaft am Laufen zu halten, dass sie aber niemals willkommen sein würden. Margaritis Schinas, EU-Kommissar für den Schutz des europäischen Lebensstils, twitterte zurück: "Tut mir leid, wenn ich Sie enttäusche, aber das ist unser Lebensstil, so wie er in den Verträgen definiert wird."

© SZ/dpa/kit/mpu
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