Ein Bild und seine Geschichte Wie der Reichstag den Ersten Weltkrieg beenden wollte

Blick in den Plenarsaal des Deutschen Reichstages während der Sitzung am 19. Juli 1917

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
  • Im Juli 1917 kann das deutsche Kaiserreich den Ersten Weltkrieg nicht mehr gewinnen, die Bevölkerung ist frustriert und ausgehungert.
  • Im Reichstag initiieren Sozialdemokraten, Konservative und Liberale eine Friedensresolution, die auf eine Verständigung der Kriegsparteien abzielt.
  • Die Parlamentsinitivative beendet nicht den Krieg, aber spätere Akteure der Weimarerer Republik wie Friedrich Ebert und Matthias Erzberger haben zusammengefunden.
Von Jana Anzlinger
Ein Bild und seine Geschichte

SZ.de zeigt in loser Folge jeweils ein besonderes Foto oder eine besondere Abbildung. Hinter manchen Aufnahmen und Bildern steckt eine konkrete Geschichte, andere stehen exemplarisch für historische Begebenheiten und Zeitumstände. Übersicht der bisher erschienenen Texte

Der holzgetäfelte Plenarsaal des Berliner Reichstags ist an diesem Hochsommertag vor 100 Jahren so voll wie selten, die Debatte verläuft hitzig. Der Abgeordnete Constantin Fehrenbach erhält das Wort. Er trägt den Beschluss vor, den sein Ausschuss vorbereitet hat.

Fehrenbach spricht vom tobenden Weltkrieg, vom Frieden und von der Völkerverständigung. Sozialdemokraten, Liberale und die Fraktion von Fehrenbachs katholisch-konservativem Zentrum jubeln ihm zu. Mehrere Abgeordnete anderer Parteien springen von ihren Sitzen auf, sie empören sich.

"Einen denkwürdigen Tag begeht der Deutsche Reichstag mit seiner Friedenskundgebung", ruft Fehrenbach. Ein paar Jahre später wird der Rechtsanwalt aus dem Badischen kurz Reichskanzler der Weimarer Republik sein, aber das ahnt an diesem 19. Juli 1917 noch niemand.

Der Beschluss, über den die Abgeordneten des Reichstags damals streiten, wird sich kaum auf den Ersten Weltkrieg auswirken und trotzdem in die Geschichte eingehen: die Friedensresolution des Reichstags.

"Uns treibt nicht die Eroberungssucht"

Deutschland und seine Verbündeten können den Krieg kaum mehr gewinnen. Was 1914 als kurzer und siegreicher Feldzug gedacht war, hatte sich zu einer nie dagewesenen Blutorgie ausgewachsen. In fast jeder Familie ist ein Vater gefallen oder wird ein Bruder und Sohn vermisst. Hunderttausende kamen verkrüppelt und traumatisiert von der Front zurück.

Auch die Zivilbevölkerung fern der Kampflinien leidet große Not, die Nahrungsmittelversorgung ist mitunter katastrophal. Im Steckrübenwinter haben die Deutschen bitterlich gehungert.

Der wiederaufgenommene uneingeschränkte U-Boot-Krieg sollte den Sieg für Kaiser und Vaterland bringen. Doch statt eines militärischen Vorteils hat die wilde Torpediererei die Vereinigten Staaten von Amerika im Frühjahr 1917 dazu gebracht, den Gegnern Deutschlands zu Hilfe zu kommen (hier mehr dazu).

Erster Weltkrieg

Wahnsinn Westfront

Angesichts der prekären Lage versuchen in Deutschland Parlamentsabgeordnete, den Krieg zu beenden. In einem gemeinsamen Ausschuss entwickeln sie die Resolution. Der spätere sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert ist dabei, hauptverantwortlich ist aber Matthias Erzberger von der Zentrumspartei.

Erzberger, Ebert und die anderen Friedensbereiten glauben noch daran, dass es glimpflich für Deutschland ausgeht. Der Resolutions-Entwurf von SPD, Zentrum und Fortschrittlicher Volkspartei fordert einen sogenannten Verständigungsfrieden. Das heißt: Alle Kriegsparteien behalten die Gebiete, die sie im Krieg erobert haben, die beteiligten Länder nehmen wieder Wirtschaftsbeziehungen auf. Es soll keine Sieger und keine Verlierer geben.

"Uns treibt nicht die Eroberungssucht", heißt es in der Resolution und das ist wohl die wichtigste Botschaft: Wir werden nicht kapitulieren, aber wir sind zum Frieden bereit. Das Kaiserreich kämpfe, heißt es weiter, zur "Verteidigung seiner Freiheit und Selbstständigkeit", und nicht, um sich noch mehr Territorium einzuverleiben.