Nachruf auf Gabriel Bach:Kämpfer gegen das Vergessen

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Nachruf auf Gabriel Bach: Gabriel Bach war einer der Staatsanwälte im Eichmann-Prozess. Er hält ein Foto, das ihn (Vordergrund) und Eichmann (Hintergrund) zeigt. Am Freitag ist der 94-Jährige gestorben.

Gabriel Bach war einer der Staatsanwälte im Eichmann-Prozess. Er hält ein Foto, das ihn (Vordergrund) und Eichmann (Hintergrund) zeigt. Am Freitag ist der 94-Jährige gestorben.

(Foto: Menahem Kahana/AFP)

Nach der Entführung Adolf Eichmanns war Gabriel Bach einer der Ankläger beim Prozess 1961. Der gebürtige Deutsche ist mit 94 Jahren in Israel verstorben.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Für alle ist er ein Begriff, für ihn selbst beherrschte er sein Leben: der Eichmann-Prozess. Gabriel Bach spielte als Ankläger im Verfahren gegen Adolf Eichmann eine entscheidende Rolle: "Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht an Aussagen oder einen der Momente erinnere. Der Prozess berührt mich", sagte er im Gespräch mit der SZ im Frühsommer des vergangenen Jahres. Wenn man ihn am Telefon in seiner Jerusalemer Wohnung erreichte, dann sprudelte Bach gleich los. Mit dem Satz "Das kann man schwer vergessen" sprang er von einer Erinnerung zur nächsten.

61 Jahre ist es her, dass Eichmann, der während der Nazizeit die Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Juden organisiert hatte, von Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad in der tollkühnen "Operation Finale" festgesetzt wurde. Eichmann lebte in Buenos Aires unter falschem Namen. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gab den Israelis den entscheidenden Hinweis - weil er der deutschen Polizei und Justiz misstraute. Eichmann wurde am 22. Mai 1960 - getarnt als Mitarbeiter der Fluglinie El Al - nach Israel entführt.

Die Nachricht von der Verhaftung Eichmanns hörte Bach im Radio. Zwei Tage später rief ihn Justizminister Pinchas Rosen zu sich: Bach war damals stellvertretender Generalstaatsanwalt. "Er hat mir gesagt: Sie werden einer der Ankläger sein. Das wird ein besonderer Prozess."

Mit einem Fußtritt aus Deutschland "hinausbugsiert"

Durch seine Beschäftigung mit Eichmann tauchte Bach ein in eine Welt, der er entkommen war. Eine Vergangenheit, in der "Juden nicht auf Bänken sitzen durften" und ihnen ein Boot auf dem Wannsee verwehrt wurde, wie er sich erinnert. In Halberstadt wurde er 1927 geboren, ab dem zweiten Lebensmonat wuchs er in Berlin auf. Zwei Wochen vor der Reichspogromnacht am 9. November 1938 gelang der Familie die Flucht.

Vor der holländischen Grenze wurden er, seine Eltern und seine Schwester aus dem Zug geholt, der Inhalt ihrer Koffer wurde verstreut. "Ein SS-Mann hat mich mit dem Schuh in einen gewissen Körperteil getreten und Richtung Zug befördert. Dass ich mit einem Fußtritt aus Deutschland hinausbugsiert wurde, ist mir erst später klar geworden", erzählte Bach. 1940 kam Bach ins damalige Palästina. Er studierte später in London Jura, arbeitete ab 1953 bei der Staatsanwaltschaft. Von 1982 bis 1997 war er Richter am Obersten Gerichtshof in Israel und galt als liberal.

Als 34-Jähriger stand Bach erstmals Eichmann gegenüber und verhielt sich "korrekt", wie er selbst sagte. Die Frage, wie es ihm selbst beim ersten Aufeinandertreffen mit Eichmann gegangen ist, wollte Bach nicht beantworten. Bach erzählte lieber, wie er sich durch Dokumente von Opfern gearbeitet hat, die Eichmann um ihr Leben angefleht hätten. Aber Eichmann habe keine Gnade walten lassen. Das habe ihn am meisten mitgenommen.

"Mein Ziel war es zu beweisen, dass er nicht nur Befehlsempfänger war."

Was Bach selbst angetrieben hat? "Mein Ziel war es zu beweisen, dass er nicht nur Befehlsempfänger war, sondern dass er sich mit der Tötung der Juden identifizierte. Er wollte wirklich das ganze jüdische Volk umbringen."

Am Tag vor der Hinrichtung hat Bach Eichmann noch einmal besucht. Das Todesurteil ist das einzige, das in Israel jemals vollstreckt wurde. Bach lehnte eigentlich die Todesstrafe ab. In Eichmanns Fall, so fand er, war diese Entscheidung richtig.

In diesem Prozess ging es um den Massenmord an Juden, die Traumata der Schoah wurden aufgearbeitet - doch das Verfahren war nicht unumstritten. Die Philosophin Hannah Arendt, die den Prozess beobachtete, schrieb danach über die "Banalität des Bösen": Sie befand, dass die Verhandlung wie ein Theaterstück inszeniert und Eichmann eigentlich ein Schreibtischtäter gewesen sei, ein Werkzeug des NS-Regimes.

Bach ließ das nicht gelten. Er habe Hannah Arendt damals angeboten, ausführlicher mit ihm zu sprechen: "Ich weiß nicht, warum sie das nicht angenommen hat." Das Buch habe er "nur überflogen" und rasch wieder weggelegt: "Es stimmt einfach so vieles nicht." Wohl auch deshalb kämpfte er all die Jahre, um zu beweisen, "dass Eichmann eben nicht nur Befehlsempfänger war".

Bachs Motiv: Die Verbrechen der Nazizeit dürfen nicht vergessen und müssen juristisch aufgearbeitet werden. Er wollte Zeugnis ablegen bis zum Schluss und noch möglichst viel von dem, was ihn bis an sein Lebensende antrieb, weitergeben an jüngere Generationen. Noch mit über 90 Jahren nahm Bach Einladungen für Reisen an, 2020 wollte er noch einmal nach München ins NS-Dokumentationszentrum kommen. Aber die Pandemie verhinderte dies. Am Freitag ist Gabriel Bach mit 94 Jahren in Israel verstorben. Er hinterlässt seine Frau Ruthie, die er bis zuletzt gepflegt hat, Kinder und Enkelkinder.

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