Dschihadisten-Prozess:Pilgerfahrt und Pistolen

Mit Nachtsichtgeräten, Geld und Medikamenten war Ismail I. unterwegs, als ihn die Polizei stoppte - vermutlich in Richtung Syrien. Vor Gericht zeigt sich der mutmaßliche IS-Kämpfer geläutert. Doch noch sind wichtige Fragen offen.

Von Josef Kelnberger, Stuttgart

Ismail I. hatte sein Auto vollgepackt. Tarnkleidung, Nachtsichtgeräte, Medikamente, Geld, Armbanduhren fanden sich in dem Wagen, auch Bücher und Süßigkeiten. Der 24-Jährige war mutmaßlich auf dem Weg zurück in den Bürgerkrieg, nach Syrien, wo er zuvor schon für die Terrormiliz IS gekämpft haben soll. Doch der Stuttgarter Libanese kam nicht weit an jenem 13. November 2013.

An der Feng-Shui-Raststätte in Gruibingen, kurz vor dem Albaufstieg an der A 8, griffen die Staatsschützer zu. Sie nahmen Ismail I. fest, mit ihm auch Mohammad Sobhan A., 38, einen Deutschen mit afghanischen Wurzeln, der in Mönchengladbach lebte. Von diesem Mittwoch an müssen sich die beiden zusammen mit Ezzedine I., Ismails 34-jährigem Bruder, vor dem Oberlandesgericht Stuttgart verantworten. Wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung drohen den drei Männern Haftstrafen bis zu zehn Jahren.

Es ist der zweite Prozess gegen einen IS-Kämpfer in Deutschland. Der erste wird derzeit geführt in Frankfurt am Main, wo Kreshnik B. angeklagt ist. Der 20-jährige Sohn kosovarischer Eltern, in Bad Homburg geboren, wuchs ohne religiöse Bindung auf, geriet irgendwann in den Bannkreis islamistischer Prediger und reiste in den Dschihad nach Syrien. Eine ähnliche Geschichte wird nun auch im Gerichtssaal in Stammheim zu hören sein, wo Ismail A. und seinen beiden Mitangeklagten der Prozess gemacht wird.

Gelegenheitsjobs, Drogen - dann die Hinwendung zum Dschihad

Nach allem, was man über das Leben des Ismail I. weiß, schlug er sich ohne Schulabschluss und Berufsausbildung in Stuttgart mit Gelegenheitsjobs durch, lebte danach für kurze Zeit mit einer schwedischen Frau in Malmö zusammen. Nachdem die Beziehung gescheitert war, kehrte er im Jahr 2010 nach Stuttgart zurück, lebte bei seiner Mutter, arbeitete in einem Fast-Food-Laden, fälschte Krankmeldungen, nahm Drogen.

In einer Moschee in Bad Cannstatt erfuhr sein Leben dann offenbar die entscheidende Wendung. Schon bald soll er entschlossen gewesen sein, in den Dschihad zu ziehen. Im Juli 2013 brach er zu einer Pilgerfahrt nach Mekka auf, unmittelbar danach machte er sich auf den Weg nach Syrien.

In der Grenzstadt Atma stieß Ismail I. zu den IS-Truppen, wurde trainiert von tschetschenischen Dschihadisten. Eine der entscheidenden Fragen bei dem Prozess wird sein, ob Ismail I. tatsächlich auch gekämpft hat in Syrien. Zurück in Deutschland sollte er laut Anklage Ausrüstung und Medikamente kaufen. Sein Bruder Ezzedine ist angeklagt, weil er für seinen Bruder 10 000 Euro aufgetrieben haben soll.

Der Verkäufer im Waffenladen wurde misstrauisch

Die Verhaftung von Ismail I. verdankt die Polizei nur einem Zufall. Der Verkäufer in einem Stuttgarter Waffenladen wunderte sich, woher der junge Mann das Geld für so teure Nachtsichtgeräte hatte, und vor allem: Was wollte er damit anstellen? Deshalb informierte er die Polizei.

In den Verhören mit der Polizei soll Ismail I. nun sehr kooperativ gewesen sein, soll viele Details über das Leben und Kämpfen im IS verraten und Personen identifiziert haben. Seinen Aussagen zufolge hat er sich in Syrien sehr bald von den Dschihadisten losgesagt. Er will eine Handverletzung simuliert haben, um abreisen zu dürfen. Also habe man ihn mit einer Einkaufsliste nach Deutschland geschickt. Die Frage ist allerdings: Warum hat er sich, wenn er doch mit den IS-Kämpfern nichts mehr zu tun haben wollte, Geld besorgt und wirklich eingekauft?

© SZ vom 05.11.2014/sks
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