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Drogenkrieg in Mexiko:"Wir bekämpfen sie frontal"

Gewalt ohne Ende: Knapp 30.000 Menschen sind im mexikanischen Drogenkrieg getötet worden. Außenministerin Patricia Espinosa Cantellano über den beinahe aussichtslosen Kampf gegen die Drogenmafia, die terroristischen Methoden der Kartelle - und die Verantwortung der USA.

Sebastian Schoepp

Mexiko bietet ein verheerendes Bild. 28.000 Menschen sind seit dem Jahr 2006 im Drogenkrieg umgekommen, fast täglich gibt es neue Berichte über Massaker, Entführungen und die Infiltration des Staates durch die immer mächtiger werdenden Verbrecherkartelle. Die SZ sprach mit Außenministerin Patricia Espinosa Cantellano darüber, wie der Staat reagiert.

Ende August wurden auf einer Ranch im Norden Mexikos die Leichen von 72 mutmaßlich von der Drogenmafia ermordeten Migranten gefunden. 28.000 Menschen sind seit 2006 im mexikanischen Drogenkrieg ums Leben gekommen.

(Foto: AFP)

SZ: Wie gefährlich ist Mexiko?

Patricia Espinosa Cantellano: Es ist Tatsache, dass wir seit langem Durchgangsland für Drogen in die USA sind, den größten Drogenmarkt der Welt. Aber es geht nicht nur um Drogen, wir haben es mit internationalem, organisierten Verbrechen zu tun. Die internationale Gemeinschaft ist gefragt. Insgesamt aber haben wir keineswegs die höchste Mordrate Lateinamerikas. In Mexiko gibt es im Jahr zwölf Morde pro hunderttausend Einwohner, in der Region sind es im Durchschnitt 43. Man muss auch sehen, dass das Problem nicht überall gleich groß ist. 80 Prozent der Morde geschehen in 162 Gemeinden von mehr als zweitausend, vor allem in Sinaloa, Tamaulipas, Chihuahua, Baja California. Und 90 Prozent der Toten haben mit dem Drogenhandel zu tun.

SZ: Die 72 Einwanderer, die in Tamaulipas ermordet wurden, waren unschuldig.

Espinosa: Jetzt, da die Kartelle unter Druck geraten, wenden sie terroristische Methoden an, um uns zu provozieren.

SZ: Warum ist die Gewalt so eskaliert?

Espinosa: Anfangs haben die Kartelle im Stillen ihre Geschäfte gemacht. Es gab auch Übereinkünfte. Doch seit in Kolumbien durchgegriffen wird, sind sie bei uns stärker geworden. Die kolumbianischen Mafias bezahlen die mexikanischen mit Drogen. In kleinen Gemeinden haben die Mafias versucht, den Staat zu ersetzen. Wir bekamen viele Hilferufe. Deshalb hat Präsident Felipe Calderón die Sicherheit für die Bürger ganz oben auf die Agenda gesetzt.

SZ: Tatsächlich aber hat sich das Problem seitdem enorm verschärft.

Espinosa: Die Kartelle antworten, sie verstecken sich nicht mehr. Durch unser Durchgreifen bilden sich Löcher. Sie kämpfen gegeneinander um die Macht.

SZ: Ist das Ihre Strategie, die Kartelle zu spalten? Wo ein Kopf abgeschlagen wird, wachsen doch vier nach.

Espinosa: Nein, das ist nicht unsere Strategie. Wir bekämpfen sie frontal. Wir sperren sie ein, zerschlagen ihre Strukturen. Aber es gibt so viele da unten. Die Bosse sind Businessmen, die machen sich die Hände nicht schmutzig. Aber wenn die weg sind, kommen die Killer hoch, vollgepumpt mit Drogen. Sie übernehmen die Kontrolle.

SZ: Wie lange soll dieser Krieg dauern?

Espinosa: Ja, das ist die Frage. Wir wissen es nicht. Was wir versuchen, ist, unsere juristischen und polizeilichen Strukturen zu verbessern. Aber alles muss durch das Parlament. Seit acht Jahren arbeiten wir daran, fünf brauchen wir noch. Wir haben die Ausbildung unserer Sicherheitskräfte verbessert und ultramoderne Datenbanken angelegt. Es gibt Opferschutz und schnellere Prozesse. Eine Schwäche ist die Unterteilung der Polizei in so viele Einheiten. Das kann man nicht von heute auf morgen ändern.

SZ: Drei frühere Präsidenten Mexikos, Kolumbiens und Brasiliens haben vorgeschlagen, über eine Liberalisierung des Konsums nachzudenken, um den Kartellen die Gewinne zu verderben.

Espinosa: Das waren persönliche Meinungen. Aber: Wenn Sie Marihuana legalisieren, was passiert dann mit den harten Drogen? Es gibt keinen anderen Weg als den Kampf mit aller Härte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die mexikanischen Drogenbosse versuchen, Einfluss auf die Politik zu nehmen.

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