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Deutschland und Russland:So nah und doch so fern

Nikolai Bulganin und Konrad Adenauer in Moskau, 1955

Der sowjetische Ministerpräsident Bulganin und Bundeskanzler Adenauer (rechts) vereinbaren 1955 die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Im Gegenzug durften die letzten deutschen Kriegsgefangenen nach Hause.

(Foto: DPA)

Seelen­verwandtschaft und Waffenbrüderschaft, Verzückung und Hass - ein Wechselspiel über Jahrhunderte: Katja Gloger beschreibt das besondere Verhältnis von Deutschen und Russen.

Beim Grübeln über die deutsch-russischen Beziehungen kam Karel Schwarzenberg, ehemals tschechischer Außenminister, unlängst auf einen ganz besonderen Vergleich: Es handele sich "eigentlich um das sadomasochistischste Liebesverhältnis der Weltpolitik". Es gebe da eine "tiefe, gegenseitige Faszination, obwohl man beiderseitig versucht hat, sich umzubringen".

Was diese Anziehungskraft über die Jahrhunderte ausgemacht hat, wie die Geschichte der Deutschen und Russen eng verwoben und tragisch verknotet ist, erzählt Russland-Expertin und Stern-Autorin Katja Gloger: "Fremde Freunde" ist unter den schwergewichtigen Russland- und Revolutionsbüchern des Jubiläumsjahres eine leichtere, dabei durchaus substanzielle Lektüre: Unverblümte Analyse einer, die mit maßgeblichen Staatsmännern wie Gorbatschow ebenso zusammengesessen hat wie mit Historikern und Überlebenden von Vernichtungskrieg und Verfolgung.

Gleichzeitig gelingen Gloger packend geraffte Streifzüge durch die Epochen der Geschichte, im Blick stets die Gemeinsamkeiten, ebenso die erstaunliche Kontinuität bis in die jüngste Zeit.

Zweiter Weltkrieg "Der Krieg in Russland ist ungeheuer blutig"
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"Ich kann meine Grenzen nur verteidigen, indem ich sie ausdehne", erklärte einst die aus Anhalt-Zerbst stammende Katharina die Große: Die imperiale Herrscherin vollendete Russlands Expansion nach Süden, bis auf die von Tataren beherrschte Krim. Das historische Leitmotiv russischer Außenpolitik klang noch gut 200 Jahre später an, schreibt Gloger - bei der Annexion der Krim durch Wladimir Putin.

Alles war möglich im Verhältnis der beiden Völker: Seelenverwandtschaften und Waffenbrüderschaft, Verzückung, Hass, ja Phobie. Der frühen Annäherung durch Fernhändler und Reisende im "Land der wilden Moskowiter" folgten wechselvolle Verhältnisse: Im Dienste des Radikalreformers Peter des Großen machten sich Deutsche unentbehrlich, ebenso als Staatsdiener des erzkonservativen Preußenverehrers Nikolaus I.

Marx sah in Russland eine "halbasiatischen Despotie"

"Russifizierte Deutsche" dienten damals dem Zaren, "germanisierte Russen" hingegen trugen schon das Virus der Revolution in sich. Als "halbasiatische Despotie" sah damals Karl Marx Russland, Friedrich Engels sprach von "bewaffneten Barbaren, die nur darauf warteten, über Deutschland herzufallen". Erst wenige Jahre vor seinem Tod entwickelte Marx eine "widerwillige Affinität" zum künftigen Zentrum der Weltrevolution.

Den deutschen Blick jener Zeit nach Osten fasste Heinrich Heine in Verse: "Russland, dieses schöne Reich,/Würde mir vielleicht behagen,/Doch im Winter könnte ich/dort die Knute nicht ertragen."

Ihre russische Sicht auf Deutschland besang später die Poetin Marina Zwetajewa: "... wo du doch, Deutschland, meine Liebe/wo du doch, Deutschland, bist mein Wahn": So reimte sie noch im Kriegsjahr 1915 über ihr Deutschland.

"Ist nicht der Russe der menschlichste Mensch?", fragte schwärmerisch Thomas Mann in seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen". "Heimat und Himmel" war Russland für Rilke geworden, dem das fromme Land aus vormoderner Zeit in seiner Ursprünglichkeit ein Paradies zu sein schien. Der Zauberspiegel, in dem sich Russen und Deutsche entdeckten, sei aber immer auch zum "Zerrspiegel" geworden, so die Autorin.