Demos gegen türkischen Präsidenten "Hau ab, Erdoğan"

Menschen demonstrieren in Berlin gegen den Besuch des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan.

(Foto: REUTERS)

Der Staatsbesuch des türkischen Präsidenten in Deutschland stößt bei vielen Menschen auf Kritik. Tausende gehen gegen Erdoğan auf die Straße, darunter viele mit türkischen Wurzeln.

Von Veronika Wulf, Berlin

Während Recep Tayyip Erdoğan in seiner Limousine ins Hotel Adlon gefahren wird, um sich zwischen Kanzlerinnengespräch und Staatsbankett ein wenig auszuruhen, geht es auf Berlins Straßen erst los. Auf dem Potsdamer Platz steht eine junge Kurdin, lange dunkle Haare, grüner Parka, und hält ein Schild in die Höhe: "Erdoğan, du bist kein Führer, du bist ein Diktator", steht darauf.

Sie hat es mit Google übersetzt und weiß nicht, dass das Wort "Führer" in diesem Land einen besonderen Beiklang hat. "Ich bin seit 45 Tagen in Deutschland", sagt die 22-Jährige auf Englisch. Sie ist in der Türkei aufgewachsen und nach Deutschland geflohen. Weil sie Kurdin ist und ihr ein Studienplatz an einer Juristenschule verwehrt worden sei.

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Um sie herum stehen etliche Polizisten vor mehr als einem Dutzend Kastenwägen. Doch sie ist die einzige Demonstrantin hier - noch. Der Protestzug, zu dem das Bündnis "Erdoğan not Welcome" 10 000 Teilnehmer angemeldet hat, beginnt zu diesem Zeitpunkt erst in zwei Stunden. "Es ist mir egal, dass ich alleine bin", sagt die junge Frau. "In der Türkei sind wir Kurden immer allein."

Es dauert nicht lange, und der Platz füllt sich mit Demonstranten, darunter Vertreter von Parteien wie die Linke sowie türkischer, kurdischer, linker und feministischer Initiativen. Sie kritisieren besonders die Unterdrückung von Demokratie, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit durch den türkischen Präsidenten. Die Protestler rollen ihre Transparente aus, stellen Boxen auf, als plötzlich ein Lastwagen vorbeifährt, aus dessen Fahrerkabine zwei Männer brüllen: "Erdoğan fickt eure Mutter." Ein Mann mit graumeliertem Haar und Schnauzbart, der gerade dabei war, ein Banner mit einem durchgestrichenen Erdoğan-Porträt an einem Gerüst aufzuhängen, rennt zu dem Lastwagen und schreit: "Haut ab, ihr Faschisten". Der Beifahrer ruft zurück: "Ich komme wieder und hau dir auf die Fresse."

Ali Dayi, der Demonstrant, kehrt zu seinem Transparent zurück, schüttelt den Kopf. Der 60-jährige Kurde ist für die Demonstration aus Hamburg angereist, wo er seit 39 Jahren lebt. "260 Menschen sind in der Türkei im Knast, es ist ein Massaker, was Erdoğan da macht", sagt er aufgebracht in brüchigem Deutsch. "Mit ihm sollte Merkel keine Abkommen machen, Deutschland ist eine Demokratie."

Unverständnis über den Besuch

Um 16 Uhr, als die Demonstration offiziell beginnt, ist der Potsdamer Platz voller Demonstranten. Von einem kleinen Lastwagen schallt türkischer Pop, eine Gruppe junger Männer hat einen Panzer aus Styropor aufgebaut, darauf sind türkische Fahnen gepinselt und die Worte: Made in Germany. Am Panzer hängen Leichenattrappen, am Lauf baumelt eine Puppe, die ein totes Baby darstellen soll.

"Erdoğan ist ein Massenmörder", sagt auch Gülsen A., die mitten in der Menge steht, blaues Kopftuch, langer Jeansrock. "Ich kann einfach nicht verstehen, dass Merkel ihn zum Teetrinken einlädt." Die deutsche Regierung sei mit Schuld an all den Kurden, die wegen Erdoğan gestorben seien, weil sie Panzer nach Afrin lieferte. "Merkel hat genauso Blut an den Händen wie Erdoğan", sagt die 27-Jährige.

Ihre Eltern kommen vom Schwarzen Meer, sie ist in Deutschland geboren und engagiert sich in kurdischen und marxistischen Gruppen, auch wenn sie selbst keine Kurdin ist und häufig von AKP-Anhängern als Terroristin oder Staatsfeindin beschimpft werde, wie sie sagt. "Gerechtigkeit erfordert eben einen Kampf", sagt sie. Und der beginne in der Familie, denn auch ihre Eltern unterstützten die AKP. Gülsen A. reist immer wieder in die Türkei, doch mit dem Land identifizieren kann sie sich nicht mehr. Ihren türkischen Pass hat sie abgegeben - "aus Protest".

Mehrere Redner linker und kurdischer Gruppierungen fordern von der Türkei, dass sie ihre politischen Häftlinge freilässt, dass sie ihre militärischen Operationen in Syrien beendet und dass die Kurden eine unabhängige Selbstverwaltung bekommen. Von der deutschen Politik verlangen Redner der Linken, dass sie die Rüstungsexporte in die Türkei stoppt, die Verstöße gegen das Völkerrecht klar benennt und "diesen schmutzigen Flüchtlingsdeal" sofort beende. "Wir sagen: Hau ab, Erdoğan", ruft Tobias Pflüger, Linken-Abgeordneter im Bundestag. "Hau ab, Erdoğan", ruft es aus der Menge zurück.

Als sich die Menge am Abend in Bewegung setzt, fährt der Styropor-Panzer voraus. "Stoppt den islamofaschisten Erdoğan" und "Freibier für Journalisten in der Türkei", steht auf den Plakaten der Demonstranten. Über ihnen kreist ein Hubschrauber und Hunderte Polizisten begleiten den Zug, als er über die Kurfürstenstraße, durch den Tiergarten und zum großen Stern zieht und sich dann langsam auflöst. "Wir müssen weiterkämpfen", sagt Gülsen A. "Die Gerechtigkeit ist immer im Recht."

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