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Aufstände und Demonstrationen:Der arabische Herbststurm wird an Europas Grundfesten rütteln

Proteste im Libanon

Demonstrierende auf dem Märtyrerplatz in Libanons Hauptstadt Beirut.

(Foto: dpa)

Libanon, Irak, Algerien - zu Tausenden gehen die Menschen auf die Straße und fordern ein Leben in Würde. Bleibt ihnen das verwehrt, wird das gravierende Folgen für die EU haben.

Es fegt ein Herbststurm durch die arabische Welt, der nach einem längst vergangenen Frühling riecht. Eine neue Welle von Aufständen erschüttert die Region. In Libanon war ein Viertel der Bevölkerung ungeachtet aller konfessionellen Trennlinien auf der Straße, und die Demonstranten bejubeln nun den Rücktritt von Premier Saad al-Hariri. Im Irak ist der Sturz von Regierungschef Adil Abdul Mahdi eine Frage der Zeit, aber auch hier beschwören die Wütenden die Einheit des Volkes und skandieren: "Wir sind alle Iraker!" In Algerien, wo Massenproteste schon dem Regime des greisen Staatschefs Abdelaziz Bouteflika ein Ende bereitet haben, gehen die Menschen weiter freitags auf die Straße. Und in Kairo tun sie das nur deshalb nicht mehr, weil der Polizeistaat von Präsident Abdel Fattah al- Sisi willkürlich Tausende verhaften ließ.

So verschieden diese Länder sind, so wenig sich die Proteste aufeinander beziehen (anders als während der Revolutionen von 2011) - es gibt doch Grundlegendes, was sie verbindet. Genau darauf muss Europa nun schauen und seine Schlüsse für die Politik gegenüber dieser Region ziehen. Denn die Folgen der noch nicht absehbaren Verwerfungen werden sich maßgeblich auch hier auswirken.

Auf dem Märtyrerplatz von Beirut herrscht Volksfeststimmung, über den Tahrir in Bagdad schallt auf Arabisch umgeschrieben das Protestlied "Bella Ciao". Es ist der ursprüngliche Text, den Arbeiterinnen auf den Reisfeldern Norditaliens Anfang des 20. Jahrhunderts sangen, der in zwei Zeilen fasst, was heute die Menschen im Nahen Osten und Nordafrika auf die Straße treibt: "Eine unwürdige Arbeit für einen Hungerlohn/und das Leben wird davon aufgezehrt." Die Menschen schreien nach Würde, und dieser Begriff hat für sie eine zutiefst existenzielle Bedeutung.

Die breite Bevölkerung verarmt, während eine kleine Schicht in obszönem Reichtum schwelgt

Algerien, Libanon und der Irak sind Gesellschaften, die bis heute tief geprägt sind vom Trauma des Krieges und Bürgerkrieges. Das System, der Staat gab sich immer als Garant gegen den Rückfall in blutige Selbstzerfleischung. Doch erscheint der jungen Generation der Status quo so unerträglich, dass sie sich nicht mehr davon schrecken lässt - sie hat die Gräuel nicht erlebt, die ihre Eltern noch zurückzucken ließen. Sie lassen sich aber auch nicht davon einschüchtern, dass etwa im Irak maskierte Scharfschützen auf unbewaffnete, fahnenschwenkende Jugendliche feuern. 250 Tote hat es seit Beginn der Proteste vor einem Monat gegeben. Aber die Frustration ist stärker als die Angst.

Eine junge Bevölkerung, zwei von drei Menschen in diesen Ländern sind unter 30, birgt große Chancen - aber nur, wenn der Staat Bildung, Jobs und Perspektiven bieten kann. Die Realität sieht anders aus: horrende Jugendarbeitslosigkeit, selbst unter Akademikern. Aufstieg und Wohlstand sind jenen vorbehalten, die Verbindungen haben. Die breite Bevölkerung verarmt, während eine kleine Schicht in obszönem Reichtum schwelgt. Die öffentliche Hand im Irak oder in Libanon kann nicht einmal die Versorgung mit Strom oder trinkbarem Wasser sicherstellen.