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Debatte um Hartz IV:Sarrazin: "Warmduscher sind nie weit gekommen"

Thilo Sarrazin und die Hartz-IV-Debatte: Es komme auf die Einstellung, nicht auf das Geld an, sagt der Bundesbanker. Dem FDP-Chef Westerwelle stellt der einstige Berliner Finanzsenator dennoch ein "intellektuelles Armutszeugnis" aus - und erinnert an Lukullus.

FDP-Chef Guido Westerwelle löste mit seinem Spruch über spätrömische Dekadenz bei Hartz-IV-Empfängern die aktuelle Sozialstaatsdebatte aus - und Bundesbanker Thilo Sarrazin ist für den Ratschlag berühmt, Hartz-IV-Empfänger sollten sich doch einen dicken Pulli anziehen, um Heizkosten zu sparen.

Zwei Männer, die sich verstehen müssten. Könne man meinen - doch man irrt.

Auf Westerwelle angesprochen, geht Sarrazin, der ehemalige Berliner Finanzsenator, hoch wie ein Sektkorken: Er redet vom Feldherrn Lukullus, der sich mit einer Feder am Gaumen kitzeln ließ, um zu erbrechen und weiteressen zu können. Was, so fragt der 65-Jährige, habe das mit dem Frühstück eines Hartz-IV-Empfängers zu tun?

"Völlig misslungen", sei dieses Bild, sagt Sarrazin dem SZ-Reporter bei einem Termin in einem Café in Berlin-Charlottenburg, und stellt Westerwelle ein "intellektuelles Armutszeugnis" aus. (Die ganze Reportage über Thilo Sarrazin lesen Sie auf der Seite 3 der Süddeutschen Zeitung).

Trotzdem verteidigt auch Sarrazin im Gespräch mit der SZ die geltenden Sätze des Arbeitslosengeldes II und nennt sie ausreichend. Auch neue Ratschläge für Hartz-IV-Empfänger kann sich das Vorstandsmitglied der Bundesbank nicht verkneifen - er empfiehlt kalte Duschen, das sei ohnehin viel gesünder: "Ein Warmduscher ist noch nie weit gekommen im Leben."

Letztlich sei es keine Geldfrage, sondern eine Frage der Mentalität, des Wollens und der Einstellung.

Sätze, denen FDP-Chef Westerwelle wahrscheinlich von ganzem Herzen zustimmen würde. Doch in dessen Partei würde sich Sarrazin nicht wohlfühlen. Seine SPD, in der er seit 37 Jahren Mitglied ist, ist ihm aber auch keine Herzensangelegenheit mehr. Deswegen sieht es Ökonom Sarrazin ziemlich gelassen, dass am heutigen Montag die Landesschiedskommission über seinen Parteiausschuss berät.

Es war ebenfalls einer seiner verbalen Ausfälle, der ihn dieses Verfahren beschert hat - gegen Migranten in diesem Fall. In einem Interview mit Lettre International hatte der Ex-Finanzsenator gesagt, eine große Zahl an Arabern und Türken in Berlin habe keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel. Er müsse niemanden anerkennen, der vom Staat lebt und diesen Staat ablehnt und ständig "neue kleine Kopftuchmädchen produziert".

Empörung war vorauszusehen - und zwei Kreisverbände der SPD waren so entsetzt, dass sie das Parteiausschlussverfahren in Gang setzten. Sie werfen dem Genossen parteischädigendes Verhalten vor und gaben sogar ein Gutachten über die Aussagen Sarrazins in Auftrag. Der Gutachter, Rassismusforscher Gideon Botsch, stufte die Äußerungen Sarrazins als "eindeutig rassistisch" ein. Das sei mit SPD-Positionen nicht vereinbar und schädige das Ansehen der Partei.

Sarrazin attackiert das Gutachten in der Süddeutschen Zeitung scharf als intellektuell und moralisch "unsauber, schleimig und widerlich". Zum Ausgang des Verfahrens sagt er: "Das stehe ich völlig bewegungslos durch." Eine Entscheidung noch am Montag gilt nach Angaben einer SPD-Sprecherin als eher unwahrscheinlich.

© sueddeutsche.de/bavo/gba/jja

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