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Coronavirus:Trump will die USA gut aussehen lassen

Donald Trump, Coronavirus

Donald Trump bescheinigt seiner Regierung "großartige Arbeit" im Umgang mit dem Coronavirus. Gegenstimmen lässt er nicht gelten.

(Foto: Alex Brandon/AP)
  • Die Trump-Regierung hat die Bedrohung durch das Coronavirus viel zu lange unterschätzt - oder sogar heruntergespielt.
  • Die Fallzahlen in den USA sind wohl bislang nur deshalb verhältnismäßig gering, weil kaum getestet wird. Fachleute halten das für das größte Versäumnis der Regierung im Kampf gegen das Virus.
  • Ein Problem dürfte auch das Gesundheitswesen in den USA sein: Selbst für Versicherte ist ein Arztbesuch oft teuer. Viele verzichten auf eine medizinische Behandlung - und gehen krank zur Arbeit.

Von Hubert Wetzel, Washington

Dr. Nancy Messonnier ist Ärztin. Sie arbeitet für die führende amerikanische Gesundheitsbehörde, die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta. Dort leitet sie das National Center for Immunization and Respiratory Diseases, also jene Abteilung, die sich mit ansteckenden Krankheiten befasst, welche die Atemwege betreffen. Man könnte es so sagen: Es gibt in der US-Regierungsbürokratie nicht viele Menschen, die sich mit Krankheitserregern wie dem Coronavirus besser auskennen als Dr. Nancy Messonnier.

Insofern war es alles andere als trivial, als Messonnier sich am 25. Februar vor die Medien stellte und vor einer massiven Corona-Krise in den Vereinigten Staaten warnte. "Wir werden eine Verbreitung in diesem Land sehen", sagte sie. Sie habe ihren Kindern an diesem Morgen beim Frühstück gesagt, dass es zu einer "erheblichen Beeinträchtigung des Alltagslebens" kommen werde. "Jetzt ist es an der Zeit, dass Krankenhäuser, Schulen und auch alle Bürger sich darauf vorbereiten."

Im Weißen Haus war man über diese unzweideutige Warnung, die den Aktienmarkt einbrechen ließ, alles andere als erfreut. Präsident Donald Trump persönlich war Berichten zufolge verärgert über die Beamtin, deren Botschaft seiner eigenen diametral widersprach. "Das Coronavirus ist gut unter Kontrolle in den USA", hatte der Präsident noch am Tag zuvor getwittert. "Meine Regierung macht großartige Arbeit beim Coronavirus", ließ er die Amerikaner zwei Tage später wissen. Dass eine ausgewiesene Expertin das Gegenteil sagte, passte Trump überhaupt nicht. Zeitweise wurde im Weißen Haus überlegt, Messonnier zu verbieten, mit Journalisten zu reden. So weit kam es dann nicht.

Offensichtlich ist aber, dass die Trump-Regierung die Bedrohung durch das Virus viel zu lange unterschätzt oder sogar heruntergespielt hat. Der Präsident, so berichten amerikanische Medien, habe sich um die Epidemie kaum gekümmert, so lange nur andere Länder betroffen gewesen seien. Er habe gedacht, das Coronavirus lasse sich durch Einreisebeschränkungen für Flugpassagiere aus China an der Außengrenze der USA stoppen.

Als das Virus dann in den USA angekommen war, habe Trumps Interesse vor allem darin bestanden, die Zahlen im Vergleich zu denen im Ausland möglichst gering zu halten, heißt es in Berichten. Und dieses Ziel ist Trump, der mitten im Wahlkampf steckt, offenbar immer noch wichtig. Am Freitag beklagte er, dass die Evakuierung eines Kreuzfahrtschiffes, das mit Corona-Infizierten vor Kalifornien liegt, dazu führen würde, dass die Zahl der Patienten in den USA steigen würde. "Ich brauche keine höheren Zahlen", maulte Trump.

Viele Amerikaner können sich den Arztbesuch nicht leisten - und gehen krank zur Arbeit

Dabei kann man wohl davon ausgehen, dass die derzeitigen Fallzahlen in den USA ohnehin nur deshalb verhältnismäßig gering sind, weil kaum getestet wird. Das, so sagen Fachleute, sei das größte Versäumnis der Regierung in den vergangenen Wochen und Monaten gewesen. Anstatt einen Test der Weltgesundheitsorganisation zu nutzen, um möglichst viele Verdachtspersonen auf das Virus zu überprüfen und die Übertragungsketten zu finden, entwickelten die CDC zunächst einen eigenen Test. Dieser stellte sich allerdings als fehlerhaft heraus. Zudem wurden die Kriterien dafür, welche Personen getestet werden sollen, extrem eng gezogen, weil es viel zu wenig Tests gab. Die großen privaten Laborunternehmen, die mit Hausärzten zusammenarbeiten, sind erst seit Kurzem eingebunden.

Ob es inzwischen ausreichend große Testkapazitäten gibt, ist unklar. Trump behauptete am Freitag, dass alle Personen, die getestet werden wollen, auch getestet werden können. Allerdings gibt es Berichte, dass in manchen Gegenden mit besonders vielen Corona-Fällen immer noch nicht alle Betroffenen getestet werden können. Und selbst wenn Trump recht hat: Von einem umfassenden, staatlichen und vorbeugenden Testprogramm, wie Epidemiologen es für notwendig halten, sind die USA weit entfernt.

Insofern bilden die offiziellen Zahlen die Realität vermutlich nicht sehr genau ab. Zumal diese Zahlen stark schwanken: Nach Angaben der CDC hat das Coronavirus in den USA bisher 164 Menschen infiziert, elf Amerikaner sind gestorben. Die Johns-Hopkins-Universität hat deutlich höhere Zahlen ermittelt: 436 Infizierte und 17 Tote. Welche Zahl stimmt und wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand.

Das hat auch mit dem Gesundheitswesen in den USA zu tun. Da es keine allgemeine Krankenversicherung gibt und Arztbesuche selbst für Versicherte teuer sein können, verzichten viele Menschen auf eine medizinische Behandlung, zumal wenn sie nur Fieber oder Husten haben. Die meisten Amerikaner können es sich auch nicht leisten, ein oder zwei Wochen zu Hause zu bleiben. Eine große Zahl unentdeckter Infizierter, die weiter zur Arbeit gehen - das ist freilich eine Garantie dafür, dass die Epidemie größer wird. Mit beruhigenden Tweets lässt das Virus sich nicht eindämmen.

Der US-Bundesstaat Oregon hat deshalb seine eigenen Konsequenzen gezogen. Am Sonntag rief er für 60 Tage den Ausnahmezustand aus.

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© SZ vom 09.03.2020/gal
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