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Coronavirus in Italien:Wie ein Land plötzlich zum Erliegen kommt

  • In Italien ist die Anzahl der Coronavirus-Fälle rasant gestiegen.
  • Sechs Menschen sind bereits gestorben. Mehr als 200 Infizierte sind den Behörden bereits gemeldet.
  • Öffentliche Einrichtungen bleiben geschlossen. Der Leitindex an der Börse bricht ein.
  • Die italienische Regierung versucht das Virus mit drastischen Maßnahmen in den Griff zu bekommen.

Der Karneval von Venedig ist früher vorbei dieses Jahr. Der Preis fürs schönste Kostüm wurde noch vergeben am Sonntag auf dem Markusplatz, begleitet von prächtigen Fotos auf dem offiziellen Twitter-Account. Wenige Stunden später gab die Karnevals-Leitung über genau diesen Account bekannt, dass die restlichen Veranstaltungen gestrichen werden.

Zu rasant verbreitet sich das Coronavirus in Italien. Sechs Menschen sind an den Folgen des Virus gestorben, alle waren ältere Menschen, teils auch mit Vorerkrankungen. Mehr als 200 Infizierte sind den Behörden mittlerweile gemeldet. Am stärksten betroffen sind die Regionen Lombardei und Veneto im Norden. Die Entwicklungen dort werden vom gesamten Land verfolgt - und auch vom europäischen Ausland.

Öffentliche Einrichtungen bleiben geschlossen

"Halb Italien in Quarantäne" titelte die Zeitung La Repubblica, tatsächlich wurde ein Dutzend Gemeinden in der Lombardei und im Veneto abgeriegelt.

Neben einigen Theatern, Museen und Nachtclubs wurden die Schulen und Universitäten geschlossen, teilweise bis zum 1. März. Der Dom von Mailand ist am Montag und Dienstag nicht für Touristen zugänglich, nur ein begrenzter Bereich bleibe zum Beten geöffnet, wie es auf der offiziellen Webseite heißt. Viele Italiener machten sich im Norden offenbar zu Hamsterkäufen auf: Auf sozialen Netzwerken verbreiteten sich Bilder von leergekauften Supermarktregalen und langen Einkaufswagen-Schlangen, egal ob aus Mailand, Parma, Modena oder Venedig.

Und auch die Finanzmärkte reagieren. Der Leitindex der Mailänder Börse rutschte um 4,3 Prozent ab, italienische Staatsanleihen verloren an Wert.

Reisende trifft das Virus besonders schwer

Zwischenzeitlich hatte die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) den Zugverkehr zwischen Italien und Österreich eingestellt. Zwei Eurocity-Züge, die von Venedig nach München unterwegs waren, blieben am Sonntag stundenlang wegen eines Corona-Verdachtsfalls blockiert, die Passagiere mussten warten, bis sich das Ganze als Fehlalarm herausstellte.

Am Montag gab die ÖBB bekannt, dass die Züge ab Dienstag wieder regulär über den Brenner fahren könnten - Tickets nach Italien vom Montag könnten dennoch kostenlos storniert werden. Das Auswärtige Amt ergänzte seine Reisehinweise für Italien: An italienischen Flughäfen würden Reisende aus aller Welt auf Fieber kontrolliert, man solle zudem auf lokale Warnungen achten. Vereinzelt verschoben deutsche Firmen Geschäftsreisen nach Italien und Schulen sagten Fahrten ab. Der Chef des italienischen Zivilschutzes Angelo Borrelli warnte jedoch vor Panikmache: "Unser Land ist sicher, und man kann beruhigt hierherkommen."

Schwer hatten es Passagiere einer Alitalia-Maschine, die Italien verlassen wollten: Auf Mauritius wurde ihr Flugzeug blockiert, das mit 212 Reisenden aus Rom gelandet war. 40 Passagiere aus der Lombardei und aus Venetien seien aufgefordert worden, nach dem Aussteigen in lokale Quarantäne zu gehen, schreibt die Fluggesellschaft in einer Pressemitteilung. Da sie dies abgelehnt hätten, würden sie nun wieder nach Italien gebracht. Keiner an Bord hätte Symptome gezeigt, die auf das Virus deuten würden.

Der Fußballverband bittet um die Genehmigung von Geisterspielen

Auch innerhalb Italiens gibt es Diskussionen darüber, wer in Quarantäne muss: So ordnete der Präsident der Region Basilicata im Süden des Landes an, alle Bürger, die von Reisen aus Piemont, Lombardei, Venezien, Ligurien und Emilia-Romagna in die Basilicata zurückkehrten, sollten 14 Tage lang zuhause bleiben und sich zudem bei den Gesundheitsbehörden melden. Sofort gab es Widerspruch; Italien führt nun Diskussionen darüber, wie mit der Bedrohung umzugehen ist. Auch an der Entscheidung, den Karneval von Venedig abzusagen, gab es Kritik - sie sei viel zu spät gefallen, sagte ausgerechnet der Vorsitzender des venezianischen Hotelverbandes.

Neben den konkreten Maßnahmen beschäftigt viele Italiener vor allem die Frage, warum ausgerechnet ihr Land so stark betroffen ist. Es läuft die Suche nach dem "Paziente zero", dem Patient Null, der die Infektion ins Land gebracht hat. Man hatte zuerst einen Manager in Verdacht, der geschäftlich in Shanghai war - doch Analysen ergaben später, dass er überhaupt nicht angesteckt war.

Unterdessen hat der italienische Fußballverband FIGC die Regierung in Rom um die Genehmigung gebeten, einige Spiele in norditalienischen Regionen unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen zu dürfen. Als Geisterspiele.

© SZ.de/stein
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