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Reisebeschränkungen wegen Coronavirus:Viele Staaten wollen auf Nummer sicher gehen

Coronavirus

In der Grenzstadt Tin Shui Wai messen Freiwillige mit Atemmasken und Schutzmänteln die Temperatur von Reisenden nach Hongkong.

(Foto: REUTERS)
  • Viele Länder reagieren auf die Ausbreitung des Coronavirus mit rigorosen Vorsichtsmaßnahmen.
  • Flugverbindungen werden gestrichen, Schiffsstopps werden abgesagt, Grenzen zu Festlandchina zum Teil geschlossen - und die eigenen Staatsbürger aus der besonders betroffenen Region Wuhan ausgeflogen.
  • China beklagt eine zunehmende Isolierung des Landes.
  • Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor Aktionismus, Panik und Verschwörungstheorien.

Wer in Israel einreisen will, bekommt seit Sonntag zu den üblichen Fragen noch eine weitere gestellt: Waren Sie in jüngster Zeit in China? Touristen, die in den vergangenen zwei Wochen in dem asiatischen Land waren, wird die Einreise verweigert. Israelis, die in diesem Zeitraum in China waren, wurden aufgefordert, zu Hause zu bleiben und Kontakt mit der Außenwelt zu vermeiden. Allerdings hat es bisher noch keinen Verdachtsfall in Israel gegeben.

Wie Israel reagieren viele Länder auf die Verbreitung des Coronavirus mit rigorosen Vorsichtsmaßnahmen. So lässt auch die Inselrepublik Taiwan von Freitag an keine Ausländer mehr ins Land, die sich in den vergangenen 14 Tagen in Festlandchina aufgehalten haben.

Dort sind bis Dienstagabend mehr als 20 400 Infektionen bekannt geworden. Die Zahl der Todesopfer stieg demnach um 64 auf 425, mehr als bei der Sars-Pandemie vor 17 Jahren. Etwa 200 weitere Krankheitsfälle wurden aus 24 Ländern sowie aus den beiden chinesischen Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macau gemeldet. In Deutschland waren bis Dienstagabend zwölf Menschen infiziert, davon zehn in Bayern.

Sie sind alle isoliert in Kliniken untergebracht. Weil weiterhin zu wenig über das Virus und seine Gefährlichkeit bekannt ist, wollen viele Staaten auf Nummer sicher gehen. Und so hat Israel alle Flugverbindungen von und nach China gestrichen. Gleiches gilt auch für Österreich und Tschechien. Während aber die Lufthansa und ihre Tochtergesellschaft Austrian Airlines bereits seit vergangener Woche und noch bis Ende Februar nicht mehr nach China fliegen wollen, soll ein tschechisches Direktflugverbot erst von 9. Februar an gelten - andere Fluggesellschaften wollen dann den Betrieb bereits wieder aufnehmen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kündigte ein informelles Treffen der EU-Gesundheitsminister an.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor Aktionismus und erklärt, es gebe keinen Anlass für Maßnahmen, die "unnötig den internationalen Verkehr und Handel beeinträchtigen". Sie will nun Empfehlungen zum Schutz von Piloten und Flugbegleitern herausgeben, damit die Flüge nach China wieder aufgenommen werden können.

Chinas Führung hat "Unzulänglichkeiten und Defizite" in der Reaktion auf den Ausbruch der neuartigen Lungenkrankheit eingeräumt. Nach einem Treffen unter Vorsitz von Staats- und Parteichef Xi Jinping ließ das Politbüro nach Angaben des Staatsfernsehens vom Dienstag mitteilen: "Wir müssen die Erfahrungen zusammenfassen und Lehren daraus ziehen." Das nationale Krisenmanagement müsse verbessert werden. Das Gesundheitssystem solle auf den Prüfstand kommen - "Mängel" müssten beseitigt werden. Zuvor hatte China eine zunehmende Isolierung beklagt. In Israel hat der Flugbann den geschäftsführenden Botschafter Chinas, Dai Yuming, zu einem Vergleich veranlasst: Während einer Pressekonferenz sagte er, er fühle sich an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust erinnert. "Vielen Juden wurde Hilfe verweigert. Nur sehr, sehr wenige Länder öffneten ihre Türen, eines davon war China." Er fügte hinzu: "Ich hoffe, Israel wird nie seine Türen für Chinesen schließen." Nach empörten Reaktionen sah sich die Botschaft zu einer Klarstellung gezwungen: China habe die israelischen Einreisebeschränkungen nicht mit dem Holocaust vergleichen wollen.

Grenzschließung forderten Demonstranten in Hongkong. Dort starb ein 39 Jahre alter Mann an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus. Er soll durch eine chronische Krankheit geschwächt gewesen sein. Das Krankenhauspersonal begehrt auf, zumal es einen zweiten Toten gab. Hunderte Krankenschwestern und -pfleger legten die Arbeit nieder und gingen auf die Straße. Die Regierungschefin der Sonderverwaltungszone, Carrie Lam, lehnt bisher jedoch die Forderung nach völliger Abschottung ab.

Kambodscha lehnt es ab, seine Staatsbürger auszufliegen

Während sehr viele Staaten ihre Staatsbürger bereits heimgeholt haben oder es - wie Russland - noch vorhaben, geht Kambodscha den umgekehrten Weg. Kambodschas Ministerpräsident Hun Sen hat eine Reise nach Wuhan angekündigt, um dort lebende kambodschanische Studenten zu unterstützen.

Er wolle den Studenten "Wärme zeigen und sichergehen, dass sie von dem neuartigen Typ des Coronavirus nicht verängstigt sind", schrieb er auf Facebook. Hun Sen ist ein enger Verbündeter der Pekinger Führung.

Andernorts wirken sich die Vorsichtsmaßnahmen auf den Schiffsverkehr aus. Im Hafen von Yokohama in Japan sind mehr als 3700 Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs unter Quarantäne gestellt. Ein 80-jähriger Mann aus Hongkong, der auf dem Schiff reiste, wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Die Reederei gehört zu dem britisch-amerikanischen Kreuzfahrtunternehmen Carnival.

Die zwei größten Anbieter in Deutschland reagieren nun ebenfalls. Aida Cruises hat einen geplanten Stopp in Hongkong nächste Woche abgesagt, Tui Cruises behält sich Planänderungen vor. Beide haben Hygienemaßnahmen an Bord ihrer Schiffe verschärft.

Zu Hygiene rät auch die WHO, allerdings warnt sie vor Panik und Verschwörungstheorien. Mehrere asiatische Staaten gehen nun sogar gesetzlich gegen Falschmeldungen vor und erließen Bußgelder. Mindestens 16 Personen wurden festgenommen - unter anderem in Indien, Hongkong und Thailand. In China wurde der staatlichen Nachrichtenagentur zufolge auch eine Frau festgenommen, die den Kontakt mit einer Person aus einem vom Coronavirus betroffenen Gebiet "absichtlich verschleiert" haben soll. Menschen, die absichtlich das Virus verbreiten, könne die Todesstrafe drohen, hieß es. Die Behörden in China hatten allerdings zunächst selbst Kenntnisse über das Virus unter Verschluss gehalten.

© SZ vom 05.02.2020/gal
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