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Coronavirus:Was Forscher wissen - und was nicht

Coronavirus: Herstellung von Atemschutzmasken in China

Mitarbeiter tragen Schutzkleidung bei der Herstellung von Atemschutzmasken. Die Zahl der Infektionen und Todesopfer durch die Lungenkrankheit aus China ist erneut gestiegen.

(Foto: Liu Xiao/dpa)

Ausbreitung, Ansteckungsgefahr, Verlauf der Erkrankung und Schutz: Was bislang über das neue Coronavirus aus China bekannt ist.

Die Gesundheitskommission in Peking hat am Montag die bisher stärkste Zunahme an Infektionen und Todesfällen innerhalb eines Tages gemeldet. Die Zahl der bestätigten Infektionen in China kletterte demnach um 2829 auf 17 205 Fälle. Hinzu kommen mehr als 20 000 Verdachtsfälle. Weitere 57 Menschen starben, die Zahl der Toten stieg auf 361. Was bislang bekannt ist:

Wie viele Infizierte gibt es tatsächlich?

In einer aktuellen Studie haben Forscher anhand bekannter Eigenschaften des Virus berechnet, dass am 25. Januar bereits mehr als 75 000 Menschen in China infiziert gewesen sein müssen. Gemeldet waren zu diesem Zeitpunkt erst rund 2000 Fälle. Die Studie ist eine Schätzung, aber sie deckt sich mit Beobachtungen aus China, und auch Experten halten für realistisch, dass es mehr Fälle gibt als offiziell bekannt. Die amtliche Statistik erfasst nur Menschen, die positiv getestet wurden. Alle Verdachtsfälle zu testen, würde jedoch die Kapazitäten sprengen. Dazu kommt, dass nicht jeder Infizierte zum Verdachtsfall wird. Viele erkranken nur leicht oder zeigen auch gar keine Symptome. Sie gehen nicht zum Arzt, werden nicht getestet und tauchen in keiner Statistik auf. Eigentlich eine gute Nachricht. Es hieße, dass das Virus weniger gefährlich ist als befürchtet. Unklar bleibt, ob die unsichtbar Infizierten ansteckend sind. Falls ja, könnte sich der Erreger noch rascher ausbreiten.

Wie gefährlich ist das Virus?

Momentan wird der neue Erreger häufig mit der jährlich wiederkehrenden Influenza verglichen. Er scheint ähnlich infektiös zu sein und ebenfalls vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen lebensgefährlich werden zu können. In Deutschland erweist sich die Grippe derzeit allerdings als größeres Problem: Das Robert-Koch-Institut in Berlin meldete zuletzt fast 21 000 bestätigte Influenza-Fälle. Gut 5000 Infizierte mussten in Krankenhäusern versorgt werden. 42 Menschen starben in dieser Saison bereits an einer Grippe - allein in der Bundesrepublik. Am neuen Coronavirus sind hierzulande zwölf Menschen erkrankt. Den Ärzten zufolge geht es ihnen gut. Dass hier viele neue Fälle hinzukommen, ist derzeit nicht abzusehen. Für die Bevölkerung gefährlicher als Influenzaviren ist der neue Erreger nach jetzigem Wissensstand daher ganz sicher nicht. Auch im Vergleich zu anderen Coronaviren wie Sars oder Mers ist die Sterblichkeit durch den neuen Erreger viel geringer. Durch Sars starben etwa zehn Prozent der Infizierten, bei Mers sind es bis zu 50 Prozent.

Wie groß ist die Ansteckungsgefahr?

Betrachtet man den bisherigen Verlauf des Ausbruchs, so scheint das neue Virus zwar nicht besonders oft tödlich zu sein, doch es springt sehr schnell von Mensch zu Mensch. Demnach genügt es, für einige Zeit mit einer infizierten Person im selben Raum zu sein, um dem Virus den Sprung zu ermöglichen. Wie lange das Virus hingegen auf Oberflächen wie Türgriffen, Schreibtischen oder Haltestangen in Bussen überlebt, ist derzeit noch unklar. Ebenfalls unklar ist, ob Infizierte das Virus auch verbreiten, wenn sie keine oder nur milde Symptome zeigen und sich nicht krank fühlen.

Wie kann man sich schützen?

Die üblichen Hygienemaßnahmen, die auch vor Erkältungen, Grippe- und Durchfallviren schützen, bewahren am besten vor einer Ansteckung: regelmäßiges und sorgfältiges Händewaschen mit Seife und warmem Wasser, "Husten- und Nies-Etikette" einhalten, wie das Robert-Koch-Institut schreibt, also in die Armbeuge zielen oder besser in ein Taschentuch und dieses gleich entsorgen, Abstand halten zu Erkrankten.

Ein Mundschutz bietet nur bedingt Schutz. Ob er funktioniert, hängt von vielen Faktoren ab: Wird die Maske richtig und konsequent getragen? Schließt sie überall bündig mit der Haut ab? Wird sie regelmäßig gewechselt? Wie gut filtert die Maske? Ein Mundschutz hilft jedoch auch unabhängig von der Porengröße: Er erinnert den Träger und die Trägerin daran, nicht mit den eigenen Fingern ins Gesicht zu fassen. Denn die Schleimhäute von Augen, Mund und Nase sind die wichtigsten Einfallstore für viele Virusarten. Und ziemlich sicher schützt man mit einer Maske andere Menschen, wenn man selbst krank ist.

Wie schnell wird es Impfstoffe geben?

Mehrere Biotech-Unternehmen arbeiten bereits an einem Impfstoff, aber ob und wie schnell er tatsächlich verfügbar sein wird, ist unmöglich vorherzusagen. In Australien soll es gelungen sein, das Virus in Zellen zu vermehren, insofern ist ein erster Schritt wohl getan. Selbst wenn ein Mittel gefunden wäre, müssten klinische Tests jedoch erst einmal zeigen, dass der Impfstoff wirkt und in dieser Wirkung nicht gefährlicher ist als die Krankheit selbst. Und schließlich sind ziemlich große Fabriken nötig, um die nötigen Impfdosen auch zügig herzustellen. Es kann daher Jahre dauern, bis es einen Impfstoff gibt.

Wird das Virus wieder verschwinden?

Manche Viren bleiben ewig. Bei der Grippe etwa verändern sich die krankmachenden Influenza-Viren ständig und unterwandern den nach einer Infektion oder Impfung aufgebauten Schutz stets aufs Neue. Coronaviren sind zum Glück eher stabil in ihren Eigenschaften. Das Immunsystem eines Erkrankten kann sich die Charakteristika des Erregers merken und einen zweiten Angriff dann vermutlich wirksam abwehren. Wahrscheinlich werden alle genesenen Personen deshalb vor einer erneuten Infektion geschützt sein - wenn alle Infektionsketten des Ausbruchs gestoppt sind, verschwindet zunächst auch das Virus.

Zoonotische Erreger wie das aktuelle Coronavirus nutzen jedoch Tiere als Reservoir. So wie Ebola in Afrika immer wieder von Wildtieren auf Menschen springt und Epidemien auslöst, kann das auch mit Coronaviren passieren. Das Mers-Coronavirus etwa hat sein Reservoir in Dromedaren und geht seit Jahren immer wieder auf Menschen über, ohne allerdings Infektionsketten von Mensch zu Mensch zu starten. Das neue Virus in China musste dagegen wohl nur ein einziges Mal auf den Menschen wechseln, um die Epidemie auszulösen. Als Reservoir dient dem Erreger vermutlich eine Fledermausart, die in China verbreitet ist. Das bedeutet, dass eine Rückkehr nicht ausgeschlossen ist.

© SZ vom 04.02.2020
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