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Corona-Pandemie:Der nächste Problemfall

Vorbereitung zur Impfung mit einer Dosis von Johnson & Johnson.

(Foto: Matt Rourke/AP)

Weil der Impfstoff von Johnson & Johnson wohl ähnliche Nebenwirkungen verursacht wie das Produkt von Astra Zeneca, ist die Auslieferung vorerst gestoppt. Nun fehlt es vor allem an Nachschub für die Jüngeren.

Von Werner Bartens und Angelika Slavik

Wenn die Wörter "Impfstoff" und "Problem" im gleichen Satz vorkommen, war bislang meist das Vakzin von Astra Zeneca das Thema. Jetzt aber gibt es auch Unruhe um den Impfstoff des US-amerikanischen Herstellers Johnson & Johnson: Weil ähnliche Nebenwirkungen wie bei Astra Zeneca beschrieben werden, wird die Auslieferung des Impfstoffs nach Europa gestoppt - und es stellt sich die Frage: Was bedeutet das für den Fortschritt der Impfkampagne?

Geplant war, dass die EU bis Ende Juni 55 Millionen Dosen von Johnson & Johnson erhält - davon waren etwa zehn Millionen Dosen für Deutschland vorgesehen. Im Bundesgesundheitsministerium äußerte man sich auf Anfrage zunächst nicht dazu, welche Folgen die Entwicklungen konkret haben werden. Schon bei den Diskussionen um Astra Zeneca allerdings hatte man im Haus von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) deutlich gemacht, dass die Impfkampagne künftig vor allem auf den Präparaten von Biontech und Moderna basieren soll.

Astra Zeneca spiele demnach nur in der aktuellen Phase eine maßgebliche Rolle, in wenigen Monaten werde es ohnehin ausreichend Impfstoff von allen Anbietern geben - nach dieser Argumentation würden auch die Schwierigkeiten mit Johnson & Johnson wohl nur wenig ins Gewicht fallen. Zudem einigte sich die EU mit Biontech auf eine zusätzliche Lieferung von 50 Millionen Dosen.

Dennoch entspann sich eine Diskussion darüber, wie nun auf den Ausfall reagiert werden sollte. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach etwa forderte, die Zeitspanne zwischen den Teilimpfungen mit den Vakzinen von Biontech und Moderna zu verlängern. Würde man nicht nach sechs, sondern erst nach zwölf Wochen die zweite Impfung ansetzen, könnten in den nächsten drei Monaten fast ausschließlich Erstimpfungen verabreicht werden. Das würde eine Grundimmunisierung sicherstellen, da schon die erste Impfung ein großes Maß an Schutz biete.

Es fehlt an Impfstoffen für die Jüngeren

Deutsche Immunologen forderten das Gesundheitsministerium auf, dringend mRNA-Impfstoffe - also die Präparate von Biontech und Moderna - nachzubestellen, notfalls ohne Rücksprache mit der Europäischen Union. Würden sich die Meldungen über den Johnson-&-Johnson-Impfstoff bewahrheiten, sollte er nicht für Menschen unter 60 Jahre eingesetzt werden, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, der Augsburger Allgemeinen. Für die Impfung dieser jüngeren Zielgruppe gebe es bis Herbst aber nicht ausreichend mRNA-Impfstoff. Dies könne eine vierte Pandemiewelle begünstigen.

Tatsächlich sollen nun auch all jene mit mRNA-Impfstoffen geimpft werden, die jünger als 60 Jahre alt sind und bereits eine Erstimpfung mit dem Astra-Zeneca-Vakzin erhalten haben. Das beschlossen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern am Dienstagabend.

Stellt sich die Frage: Wie ernst sind die Probleme mit dem Vakzin von Johnson & Johnson tatsächlich? Der Lieferstopp wurde verfügt, nachdem Fälle von Sinusvenenthrombosen aufgetreten waren. Frauen im jüngeren und mittleren Alter und solche, die Hormone nehmen, sind häufiger betroffen. Warum ihr Risiko höher ist, ist unklar. Insgesamt wird das Risiko als extrem gering eingeordnet, die europäische Arzneimittelbehörde EMA teilte mit, man erachte den Nutzen der Impfung höher als das Risiko. Allerdings gelten bei Impfungen besonders strenge Sicherheitsbedenken. Hier wird - anders als im Fall von Medikamenten in therapeutischer Absicht - zumeist Gesunden eine körperfremde Substanz verabreicht.

Wenn eine Sinusvenenthrombose droht, bilden sich offenbar durch eine gesteigerte oder fehlgeleitete Immunreaktion Antikörper gegen die zur Gerinnung notwendigen Blutplättchen, die Thrombozyten. Die Blutplättchen können dann einerseits vermehrt verklumpen, andererseits werden bei diesem Vorgang aber auch Gerinnungsfaktoren neutralisiert, die dann nicht mehr dabei helfen können, das Blut ausreichend zähflüssig zu machen. In der Folge steigt die Blutungsneigung.

Noch ist unklar, was diese Nebenwirkung auslöst

Weil die Balance zwischen Blutung und Gerinnung gestört ist, können sich im Körper gleichzeitig gegensätzliche Symptome zeigen. Lokal entstehen kleine Gerinnsel, andernorts kommt es vermehrt zu Blutungen, was sich auf der Haut in Form von Petechien, also kleinen punktförmigen Blutungen, zeigen kann. Plötzlich aufgetretene starke Bauchschmerzen können auf Blutungen im Magen-Darmtrakt hinweisen.

Warum Millionen Menschen die Impfungen von Astra Zeneca und Zigtausende jene von Johnson & Johnson problemlos vertragen haben, während bei einigen wenigen eine gefährliche Krankheit ausgelöst wird, ist noch ungewiss. Bei beiden Vakzinen werden Adenoviren verwendet. Forscher spekulieren, ob sie die Antikörperbildung auslösen könnten, die sich dann gegen die Blutplättchen richtet, oder ob es die Zusammensetzung der Virenschnipsel selbst ist, die dazu führt, dass das Immunsystem körpereigene Bestandteile angreift.

Forscher aus Greifswald haben kürzlich beschrieben, wie es zur Entstehung von Sinusvenenthrombosen kommen kann. Demnach treten erste Symptome typischerweise fünf bis 20 Tage nach der Exposition auf, weil dann die Antikörper angefangen haben, sich gegen die Blutplättchen zu richten.

© SZ/vgr
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Der Pharmakonzern wird bis Juni 50 Millionen Dosen mehr liefern als ursprünglich geplant. Das könnte helfen, mögliche Ausfälle bei Johnson & Johnson auszugleichen.

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