"Green Pass" in Italien:Neue Corona-Regeln erzürnen Impfgegner

Protest against government's 'Green Pass' plan in Rome

Eine laute und zuweilen handgreifliche Minderheit: Impfgegner demonstrieren in Rom gegen die Zertifikatspflicht.

(Foto: Remo Casilli/REUTERS)

Reisen nur noch mit dem "Green Pass": Italiens Regierung führt die 3-G-Regel in Schnellzügen, Fernbussen, Fähren und Flugzeugen ein. Die Bewegung der "No Vax" fühlt sich diskriminiert und protestiert, manchmal eskaliert der Zorn.

Von Oliver Meiler, Rom

Der italienische Alltag erfährt zum Ende der Sommerferien eine markante Neuerung - zum Missfallen einer kleinen, aber immer lauteren, aggressiveren und zuweilen handgreiflichen Minderheit von Impfgegnern im Land. Vom 1. September an ist das überregionale Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln jenen vorbehalten, die einen gültigen "Green Pass" vorweisen können, wie die Italiener das Covid-Zertifikat nennen.

Die Pflicht gilt für Intercitys, Nachtzüge und Schnellzüge von Trenitalia und Italo, für nationale und internationale Flüge und für Fahrten in Langstreckenbussen. Ausgenommen sind Regional- und Pendlerzüge. Bei den Fähren steht nur die Verbindung über die Meerenge von Messina nicht auf der Pflichtliste - sie läuft unter der Kategorie Nahverkehr. Wer nun also eine längere Zugreise vorhat, muss in der Regel vor dem Betreten des Bahnsteigs den "Green Pass" zeigen, der ihn als geimpft, genesen oder frisch getestet ausweist. Schafft es jemand auch ohne Ausweis an Bord, wird er nach der Kontrolle in einen Sonderwagen gebracht und muss bei der nächsten Haltestelle aussteigen. Vorgesehen sind auch Geldstrafen. Die Maskenpflicht bleibt, jedem Fahrgast wird geraten, die Maske alle vier Stunden auszuwechseln.

In den kommenden Tagen und Wochen, je nach Region, nimmt auch der Präsenzunterricht an den Schulen wieder den Betrieb auf. Er war in Italien länger ausgesetzt als in den meisten anderen europäischen Ländern. Die Regierung hat beschlossen, dass das gesamte Schulpersonal - also auch Hausmeister und Büroangestellte - einen "Green Pass" haben muss. Auf eine allgemeine Impfpflicht für Lehrer hat man bisher nach langer Debatte verzichtet. Doch wer sich nicht impfen lassen will, muss die Tests selbst bezahlen.

Ein Hauch Normalität für die Mehrheit

Die Maßnahmen, die den Geimpften einen Hauch Normalität und einige alte Annehmlichkeiten bescheren sollen, werden von einer klaren Mehrheit der Bevölkerung begrüßt - und das verwundert natürlich nicht: Mittlerweile sind 70 Prozent der Italienerinnen und Italiener, die älter als zwölf Jahre sind, doppelt gegen Corona geimpft. Die Einführung des "Green Pass" hat die Impfbereitschaft unter den Jungen stark gefördert. Bei den Älteren ist der Drang zuletzt etwas erlahmt: Drei Millionen über fünfzig sind noch ungeimpft. Die Experten nehmen an, dass viele Urlaubsrückkehrer jetzt Impftermine reservieren. Bis Ende September werde die Immunitätsquote bei 80 Prozent liegen, sagt der Sonderkommissar für die Impfkampagne, General Francesco Figliuolo.

Für viele ist Figliuolo, der meistens in Uniform auftritt, ein nationaler Held. Für das Volk der "No Vax", "No Mask" und "No Pass" ist er der Teufel. Der Zorn der bunten Bewegung von Impfgegnern hat sich in den vergangenen Tagen immer öfter auch gegen einzelne Ärzte, Politiker und Virologen gerichtet, die sich fürs Impfen starkgemacht hatten. Der berühmte Infektiologe Matteo Bassetti zum Beispiel hat schon siebzig Personen angezeigt, weil sie ihm mit dem Tod gedroht hatten. Ein Mann verfolgte ihn neulich bis zu seiner Haustür in Genua und brüllte immer wieder: "Impf dich doch selbst, du Scheiße. Ich bringe dich um."

In Rom ist ein Videojournalist der Zeitung La Repubblica vom Teilnehmer eines Protests gegen den "Green Pass" an den Schulen mit fünf Faustschlägen verletzt worden. Seine Kamera lief, als der 57-jährige Schulangestellte zuschlug. Davor hatte der Mann gedroht, dem Journalisten die Kehle zu durchschneiden. Die Bilder liefen auf allen Kanälen.

Das Innenministerium zeigt sich besorgt über die jüngste Gewalteskalation - und bereit, im Notfall entschlossen durchzugreifen. Und zwar sofort. Auf dem Messengerdienst Telegram hat die Bewegung für den Morgen des 1. September zu einer Großaktion aufgerufen: 54 Bahnhöfe wollen die Gegner des "Grünen Passes" lahmlegen. Wahrscheinlich wird das Polizeiaufgebot dann aber so groß sein wie der Aufmarsch der "No Vax". Die Behinderung eines öffentlichen Dienstes ist nämlich eine Straftat, Impfbefindlichkeit hin oder her.

© SZ/jbb
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