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Schlachthöfe in der Corona-Krise:Branche im Schatten der Gesellschaft

Fleischunternehmen Tönnies

6500 Mitarbeiter arbeiten in der Tönnies-Zentrale in Rheda-Wiedenbrück. Bis zu 30 000 Schweine werden dort täglich geschlachtet.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Fleischbetriebe sind wegen hoher Corona-Infektionszahlen in die Kritik geraten. Der Chef von Deutschlands größtem Schlachthof wehrt sich. Zu Besuch bei der Firma Tönnies in NRW.

Von Jana Stegemann und Christian Wernicke, Rheda-Wiedenbrück/Düsseldorf

Armin Wiese kennt das Klinkerhaus an der Landstraße. Sieben, vielleicht acht Zimmer hat es, sagt er. Die alten Rollläden sind runtergelassen, reinschauen kann niemand. Auch die schäbige Eingangstür ist verrammelt. Der regionale Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) weiß, wo die billigen Malocher der deutschen Fleischindustrie in Ostwestfalen unterkommen. An der Wand hängt ein Zettel, Wieses Zeigefinger fährt an den Namen entlang: "Nur 18, das ginge ja noch", sagt der 61-jährige Mann mit dem blonden Schnauzer, "das wären dann zwei bis drei pro Raum." Einen Moment später fügt er hinzu: "Aber wer weiß schon, ob auf der Liste alle draufstehen?"

Der Gewerkschafter kennt die Regeln des Geschäfts: Die Miete werde den Billiglohnarbeitern gleich vom Entgelt abgezogen: "250 Euro pro Bett müssen sie rechnen." In diesem Fall seien es wohl zumeist Bulgaren, das verwitterte Haus gehöre einem Polen, der als "Dienstleister" dem Fleischkonzern Tönnies im nahen Rheda-Wiedenbrück dringend benötigte Arbeiter zuliefere. Immer wieder hört Wiese von Betrug, von Tricksereien bei der Lohnabrechnung, beim Urlaubsgeld. Oder davon, dass erkrankte Kollegen überhaupt nichts bekämen. Nur, nachweisen könne man selten etwas: "Die Osteuropäer schweigen, die haben Angst um ihre Jobs", sagt Wiese, "Beweise finden wir selten." Der Gewerkschafter mag nicht so weit gehen wie ein Sozialpfarrer aus dem Münsterland, der diese Zustände als "Sklaverei" anprangert. "Nein, Sklaven haben keine Arbeitsverträge", sagt Wiese mit ernstem Blick, "ich nenne das schlicht Ausbeutung."

Die miserablen Behausungen könnten die Verbreitung des Virus beschleunigen

Die Corona-Krise wirft ein Schlaglicht auf eine Branche, die sich im Schatten der Gesellschaft alltäglich Heerscharen osteuropäischer Arbeiter bedient. Nachdem im Landkreis Coesfeld vorige Woche in einer Großschlachterei eines anderen Fleischkonzerns mehr als 240 Mitarbeiter positiv auf Covid-19 getestet wurden, hat die Landesregierung Corona-Tests in allen Werkshallen der Wurst- und Schnitzelindustrie angeordnet. Am Montag wurden bei Tönnies die ersten 500 Mitarbeiter getestet. Der Verdacht geht um: Dass zwielichtige Subunternehmer zahllose Arbeiter in miserablen Behausungen zusammenpferchen, könnte die Verbreitung der Pandemie befeuern. Auch die Fahrten zur Arbeit und zurück in engen Kleinbussen seien eine Risikoquelle. "Das geschieht hier jeden Tag", sagt Wiese, "nur jetzt schaut endlich mal jemand hin." 150 Kilometer entfernt in Düsseldorf findet Karl-Josef Laumann am Montag ebenfalls deutliche Worte. Die Pressekonferenz in der Staatskanzlei hat eigentlich die ärztliche Versorgung in der Corona-Pandemie zum Thema, doch der NRW-Gesundheits- und Arbeitsminister muss auch Fragen zu den Schlachthöfen beantworten. Das tut der CDU-Mann aus dem Münsterland gewohnt direkt: "Ich erwarte, dass die Schlachtbetriebe nach dieser Woche ein umfassendes Hygienekonzept vorlegen, wie sie sich den Weiterbetrieb des Schlachthofes vorstellen."

Dieses Konzept müsse auch für die Wohnsituation der Arbeiter und den Transport zwischen Unterkunft und Schlachthof gelten. "Die Verantwortung auf den Subunternehmer abzuschieben, ist inakzeptabel", sagt Laumann, sichtlich verärgert. "Statt sich damit zu beschäftigen, wie Schlachthof-Schließungen nach Corona-Infektionen vor Gericht kassiert werden könnten, sollten sich die Schlachthofbetreiber lieber mit Hygienekonzepten beschäftigen." Das Verwaltungsgericht Münster hatte am Sonntag einen Eilantrag der Firma Westfleisch gegen die befristete Betriebsschließung abgelehnt.

Der Leiter des größten deutschen Schlachthofs, Schalke-Aufsichtsratschef Clemens Tönnies, kritisierte im Westfalen-Blatt, dass "unsere Branche hier unter Generalverdacht gestellt wird". Die Auflagen der "ungezielten generellen Wohnraumkontrolle" aus dem Corona-Erlass des Arbeitsministeriums hält Tönnies für nicht gerechtfertigt. Darauf angesprochen sagt Laumann: "Ich glaube schon, dass die Situation in der Schlachtwirtschaft ein gesundes Misstrauen des Gesundheitsministers in dieser Pandemie-Situation rechtfertigt. Ich habe den Schutz der Bevölkerung in den Mittelpunkt meiner Arbeit zu stellen - nicht die Interessen der Schlachtindustrie. Die Problematik liegt im System. Und für das System verantwortlich sind die Betreiber der Schlachthöfe."

Die meisten Arbeiter verdienen mehr als den Mindestlohn, sagt ein Sprecher

Vor dem Eingang zu dem riesigen Schlachthof am Rande von Rheda-Wiedenbrück kontrolliert der Werksschutz die Maskenpflicht. "Eh, mach das Ding auf die Nase!", ruft ein Mann in schwarzer Uniform einem Arbeiter zu. 6500 Menschen arbeiten hier in der Tönnies-Zentrale, sie töten, zerschneiden und verpacken täglich bis zu 30 000 Schweine. Bisher sind in diesem Werk erst zwei Mitarbeiter positiv getestet worden - ein Ergebnis, das André Vielstädte, Chef der Unternehmenskommunikation, auf den hauseigenen Pandemieplan zurückführt, der seit Ende Februar gelte. So wird jeder Mitarbeiter von elektronischen Sensoren auf Fieber getestet. Wer mehr als 38 Grad Celsius Temperatur zeigt, muss draußen bleiben.

"Die Dinger werden auch auf chinesischen Flughäfen eingesetzt", sagt Vielstädte stolz. Bei Tönnies argwöhnt man, die Politik nutze die Corona-Krise für eine Kampagne gegen die Fleischindustrie. Tatsächlich schaut Laumann der Branche schon länger auf die Finger, ehe er dann im März "während der Hamster-Wochen" verfügte, die Großschlachtereien sollten nur ja weiterproduzieren, damit die Bevölkerung nicht an der Versorgungssicherheit zweifle. Man habe, so beteuert der Tönnies-Sprecher, nach Kritik von Gewerkschaften und Kirchen "längst den Schalter umgelegt." Nur 18 Prozent verdienten den Mindestlohn (9,35 Euro pro Stunde), die meisten eher 11,50 Euro oder mehr. Zusammen mit der Stadt Rheda-Wiedenbrück habe man Mindeststandards festgelegt: Zehn Quadratmeter Wohnraum pro Kopf, ab sechs Personen mindestens ein Gemeinschaftsraum und ein Bad. Nur, man selbst wisse nicht, wo die eigenen Malocher wohnten - sorry, Datenschutz. Die Lebensbedingungen zu prüfen sei Sache der Stadt, nicht des Unternehmens.

Nur, die Billiglöhner wohnen überall im Landkreis. In alten Katen oder verlassenen Bürogebäuden: sechs Etagen, enge Zimmer, 150 Mann. Und in diesen Nachbarorten, so erzählt Gewerkschafter Wiese, werde weitaus weniger kontrolliert. Seine Lösung klingt einfach, würde aber wohl teuer für den Freund von Schnitzeln und Nackensteaks: "Tönnies sollte einfach wie früher alle Arbeiter selbst anstellen - und so die Ausbeutung durch Subunternehmer ein für alle Mal stoppen."

© SZ vom 12.05.2020/fie
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